Ronja Antonia Lauf mit der Nr.15 des TSV Nord Harrislee im Angriff. © imago images Foto: Eibner

Handball ohne Testpflicht: Die "Nordfrauen" und ihr Sport

Stand: 22.11.2020 06:00 Uhr

Als einziges Team der Zweiten Liga werden die Handballerinnen des TSV Harrislee stetig auf Corona getestet - im Gegensatz zu ihren Gegnerinnen. Der Verein fordert ein Umdenken.

von Samir Chawki

Die Handballspielerinnen des TSV Harrislee lieben ihre Sportart. Sie opfern viel Zeit dafür: So fahren sie für ihre Pflichtspiele in der zweiten Handball-Bundesliga an den Wochenenden quer durch Deutschland - auf Kosten ihrer Freizeit. Dass die ambitionierten Hobby-Sportlerinnen aktuell überhaupt spielen dürfen, liegt daran, dass sie als Zweitliga-Team in Schleswig-Holstein als Profis gelten. Der TSV Harrislee ist rein formal also gleichzusetzen mit den Akteuren des THW Kiel, der SG Flensburg-Handewitt, von Holstein Kiel, dem VfB Lübeck oder auch dem VfL Bad Schwartau. Doch im Gegensatz zu diesen Berufssportlern ist Handball für die ambitionierten "Nordfrauen" nur ein Hobby.

Ronja Antonia Lauf mit der Nr.15 des TSV Nord Harrislee im Angriff. © imago images Foto: Eibner

AUDIO: Corona: Keine einheitlichen Testregeln für Profi-Handballerinnen (3 Min)

Profis, aber keine Berufssportler

Trotzdem dürfen die Spielerinnen von Trainer Olaf Rogge auch jetzt noch ihre Sportart ausüben. In der aktuellen Landesverordnung ist geregelt, dass die Ausübung von Profisport auch zu Pandemie-Zeiten als zulässig gilt, da Profisportler regelmäßig auf Corona getestet werden und so ihre Gesundheit nachweisen können. Diese Verpflichtung gibt es allerdings in der zweiten Handballliga nur für die Mannschaft aus Schleswig-Holstein - und so fahren die Handballerinnen bei Auswärtsfahrten in Städte, wo die Inzidenzwerte fast um ein Zehnfaches höher sind als zu Hause. Auf das Coronavirus getestet sind dann aber bei den Spielen in der Fremde nur die Spielerinnen des TSV.

Liga fordert keinen Corona-Test

Der Trainer des TSV Nord Harrislee Olaf Rogge gestikuliert am Spielfeldrand. © imago images Foto: Eibner
Für den "Nordfrauen"-Trainer Olaf Rogge ist es unverständlich, das es keine Testpflicht innerhalb der Liga gibt.

Die Handballbundesliga der Frauen (HBF) schreibt in der Zweiten Liga keine Tests vor. So sind die "Nordfrauen" das einzig dauerhaft getestete Team. Ein Unding für Olaf Rogge: "Das ist eine sehr schwierige Situation. Das ist ein No-Go für mich, weil wir die Verantwortung für die Spielerinnen tragen." In einer Abstimmung der Vereine wurde zu Saisonbeginn beschlossen, dass keine generelle Testpflicht besteht, da einigen Clubs die Kosten wohl zu hoch waren. Rogge hat es seinen Spielerinnen daher freigestellt, zu Auswärtsspielen mitzufahren. Schließlich ist es schwer, seinem Arbeitgeber zu erklären, dass man quer durch Deutschland fährt, um dort Handball zu spielen. Das aus finanziellen Gründen auf Tests verzichtet wird, verärgert den Trainer: "Ich kann doch nicht nur, weil ich kein Geld habe, mein Kind auf ein Fahrrad setzen und keinen Helm aufsetzen. Das geht nicht."

Liga könnte einlenken

Die HBF hat nun aber angekündigt, bis Ende November eine Entscheidung zu treffen. Dafür wurde jetzt die Meinung aller Vereine eingeholt. Beim TSV hofft man auf eine Testpflicht oder eine Unterbrechung der Saison, bis sich die aktuelle Lage beruhigt hat. So wie es jetzt ist, kann es nach Meinung des Trainers nicht weitergehen: "Man möchte natürlich den Sport zu Ende bringen. Aber doch nicht mit letzter Konsequenz."

Volleyballer testen unter bestimmten Bedingungen

Voraussichtlich wird die Liga aufgrund der aktuellen Entwicklungen einlenken oder pausieren. Vorstellbar wäre auch, dass es eine Regelung wie beim Volleyball geben könnte. Dort schreibt der Verband den Teams der Ersten und Zweiten Liga vor zu testen, sobald der Inzidenzwert am Spielort des Bundesligisten über 35 liegt. "Das betrifft momentan jeden Verein in der Liga", erklärt Jörg Pelny aus dem Management des Kieler Zweitligisten KTV Adler. "Die Kosten für einen Test liegen zwischen sieben und acht Euro. Getestet wird jeder Spieler, die Trainer, die Betreuer und der Mannschaftsarzt." Das Management des Vereins hat deswegen etwa 160 Schnelltests gekauft - die würden nach aktueller Lage aber nicht für die gesamte Saison reichen. Daher hofft man auf eine Verbesserung der Lage. Trotzdem geht die Mannschaft laut Pelny so mit einem besseren Gefühl in die Spiele: "Wir verlassen uns auf den Gegner und das wird auch protokolliert."

Spielbetrieb soll weitergehen - mit besserem Schutz

Von einer solchen Sicherheit im Spielbetrieb können die Handballerinnen aus Harrislee wohl vorerst nur träumen. Trotzdem hoffen die Spielerinnen aus Harrislee und ihr Trainer Olaf Rogge nicht auf eine Aussetzung des Spielbetriebs: "Die Frauen lieben diesen Sport. Für sie ist es das Größte, am Wochenende zu spielen und sie würden alles dafür tun." Hoffentlich bald auch unter dem Schutz des Verbands, schließlich bleiben die Zweitliga-"Profis" bei aller Liebe auch weiterhin letztendlich ambitionierte Hobby-Sportlerinnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 22.11.2020 | 17:10 Uhr

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