Stand: 09.05.2020 06:49 Uhr

Aufstieg und Fall der Hamelner Handballer

von Christian Görtzen, NDR.de
Versprühten mehr Freude auf dem Spielfeld: Hamelns DDR-Spieler Uwe Krausse, Frank-Michael Wahl, Matthias Hahn, Ulf Brothuhn und Wieland Schmidt (v. l.).

Hameln zählte einmal zu den Top-Adressen im deutschen Handball. Anfang der 1990er-Jahre war das. Eine zentrale Rolle beim Höhenflug spielten Frank-Michael Wahl, die Legende des SC Empor Rostock, und ein umtriebiger Manager. Aus unserer Reihe: (fast) vergessene Vereine.

Der Aufstieg der SG Hameln zur zweitbesten Handball-Mannschaft Deutschlands begann mit einem Klingeln in den frühen Morgenstunden. Es war kurz nach Ostern 1990, 160 Tage nach dem Fall der Mauer. Frank-Michael Wahl, Olympiasieger 1980 mit der DDR und noch aktive Clublegende des zehnmaligen DDR-Meisters SC Empor Rostock, stutzte. Der damals 33 Jahre alte Rückraumspieler fragte sich, ob da gerade eben wirklich schon die Türklingel geschellt habe.

Gut, es gab da jemanden, dem ein Überraschungsbesuch um kurz nach 7 Uhr durchaus zuzutrauen war. Aber dieser jemand war von der Wohnung der Familie Wahl in der elften Etage eines Hochhauses im Rostocker Stadtteil Groß Klein eigentlich annähernd 380 Kilometer entfernt. Dieser Jemand kam aus dem Westen, aus der niedersächsischen Stadt Hameln.

Wahl: "Teraske, der Fuchs!"

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Empor-Spieler Frank-Michael Wahl im Trikot der DDR.

Es klingelte ein weiteres Mal. Wahl drückte den Summer, um die Eingangstür unten zu entsperren. Nur wenige Sekunden später klopfte es an der Wohnungstür. Wahl öffnete - und war baff. "Zwei Hände trugen einen riesigen Korb, in dem alles so bunt war, mit ganz vielen Ostereiern und Osterhasen", erinnert er sich. Als die Hände den Korb etwas senkten, kam dahinter das rundliche Gesicht eines Brillenträgers hervor, der ein breites Grinsen präsentierte. Dieter Teraske, der Manager des ambitionierten Zweitligisten SG Hameln - oder, wie Wahl es mit Respekt ausdrückt: "Teraske, der Fuchs!" Die Eier und Hasen waren für die Kinder Gordon und Vivien bestimmt. "Und dann hat Dieter zu mir gesagt: 'So, und jetzt entführe ich dir deine Kerstin für eine Woche und zeige ihr die Sonnenseiten Hamelns.'"

Wahls Ehefrau: "Dann muss es Hameln sein"

Wahl wog ab, erhob aber keine Einwände. Seine Entscheidung pro Hameln stand da eigentlich schon fest - spätestens, nachdem Teraske auf der Klaviatur der Umwerbung diese Osterkorb-Nummer gespielt hatte. Eine Woche später folgte die Zustimmung seiner damaligen Frau. "Sie war begeistert, sagte zu mir: 'Wenn wir als Familie umziehen, dann muss es Hameln sein. Da ist ja so eine schöne Stadt'", sagt Wahl, der inzwischen 63 Jahre alt ist. Mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: "Teraske wusste: Mit Speck fängt man Mäuse."

Hamelns Manager hatte es, um im Bild zu bleiben, schon kurz nach dem Mauerfall am 9. November 1989 vor allem auf eine "Maus" abgesehen: Frank-Michael Wahl, den dreimaligen Handballer des Jahres der DDR und viermaligen Torschützenkönig der Oberliga. Der gebürtige Rostocker hatte seine sportliche Karriere als Schwimmer begonnen, mehrfach wurde er Spartakiadesieger. Nach seinem Wechsel zum Handball erhielt Wahl seinen Spitznamen, den er bis heute beibehalten hat: Potti. Es ist eine Ableitung von Pottwal, wodurch sowohl seine Zeit im Wasser als auch - orthografisch nicht ganz korrekt - sein Nachname aufgefangen wurde.

Weltklasse-Keeper Schmidt als Komplize

Der "Mann mit der rechten Klebe" sollte, so Teraskes Plan, der entscheidende Faktor dabei sein, den derzeitigen Zweitligisten SG Hameln zu einer Top-Adresse im deutschen Handball zu machen.

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Der Wahl, der aus dem Wasser kam

Frank-Michael Wahl war ein talentierter Schwimmer. Nicht aber im Becken, sondern auf dem Handball-Parkett machte der Rostocker Karriere. Das Porträt eines außergewöhnlichen Sportlers. mehr

Mit dem bereits verpflichteten Weltklasse-Torhüter der DDR, Wieland Schmidt, der am 15. Dezember 1989 vom SC Magdeburg nach Hameln wechselte, und Wahl würde es weit nach oben gehen, da war sich der Sanitätshaus-Unternehmer sicher. Teraske lud den SC Empor Rostock zum Rattenfängerpokal nach Hameln ein und trug Schmidt eine wichtige Rolle im Abwerbungsversuch zu.

"Teraske war sehr einfallsreich", sagt Wahl. "Zumindest kam mein Nationalmannschaftskollege Schmidt während des Turniers auf mich zu und sagte: 'Komm, ich zeig dir mal Hameln.' Wir landeten bald bei Teraske in seinem Geschäft. Der fing unverblümt an, bot mir gleich einen Vertrag an." Dem gelernten Schiffsmaschinenbauer wurde ganz schwindelig. "Die Zahlen darin waren außergewöhnlich. Das hat mich fast erdrückt, immerhin war das plus Auto, plus Haus", erzählt der Empor-Star. Zudem wurde Wahl, der mit 33 Jahren im Spätherbst seiner Kariere stand, eine Perspektive für die Zeit nach der Sportlerkarriere angeboten - als Bankkaufmann bei der Bausparkasse BHW, die für Hamelns Handballverein noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Sieben Ex-DDR-Stars in Hameln

Wahl sagte nicht sofort zu. Teraske fuhr einige weitere Male nach Rostock, der Osterbesuch und die Einladung an die damalige Ehefrau führten letztlich zu Wahls Unterschrift. Andere Interessenten wie der THW Kiel, VfL Gummersbach und Aufsteiger VfL Bad Schwartau mussten erkennen, dass sie zu spät dran gewesen waren. Teraske hatte wie Reiner Calmund vom Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen nach dem Mauerfall schnell reagiert und Top-Spieler der DDR verpflichtet.

Bei Calmund waren es Andreas Thom und Ulf Kirsten, bei Teraske hießen die Namen Schmidt, Wahl und dann auch noch Matthias Hahn, der 1994 zur SG Flensburg-Handewitt wechseln sollte. Letztlich spielten sieben ehemalige DDR-Stars in Hameln. Allen wurde eine berufliche Perspektive nach der Karriere offeriert. "Die haben begriffen, dass sie mit Handball nicht bis zur Rente kommen", sagte Teraske damals.

Der nächste Coup: die Umbenennung des Clubs

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1.412 Länderspieltore erzielte Frank-Michael Wahl.

Souverän gelang der Aufstieg in die Bundesliga, als Zweitligameister stieg das Team auf. Teraskes nächster Coup in seinem Masterplan: Eine geschickte Umbenennung des Vereins. Aus der SG Hameln wurde durch das verstärkte Engagement des schon genannten Sponsors die SG VfL/BHW Hameln. Das BHW stand, um das nicht erlaubte Namenssponsoring im Handball zu umgehen, offiziell für "Ballsport Hameln/Weser". Gummersbach klagte dagegen - erfolglos.

Mit den Zuwendungen des Unternehmens und den DDR-Stars auf dem Parkett sorgte Hameln in der Eliteliga für Furore. In der ersten Saison landeten die Niedersachsen auf Rang vier, in der folgenden Spielzeit auf Platz fünf. Den Höhepunkt des Hamelner Höhenfluges stellte die Serie 1993/1994 dar. Hameln wurde Vizemeister hinter dem THW Kiel, fünf Punkte und einige Tore mehr fehlten zur Meisterschaft. "Es gab damals eine riesige Euphorie in der Stadt, die Fans haben lange von der Meisterschaft geträumt. Aber Kiel war eine verschworene Truppe, wir ein zusammengewürfelter Haufen. Um dann die Schale zu holen, muss alles passen", sagt Wahl.

Wahl: "Sie haben es überdreht"

In der Folgezeit war dies immer weniger der Fall. Der Einzug in das Finale des Euro-City-Cups, in dem sich Drammen HK (Norwegen) als stärker erwies, war der letzte Höhepunkt. Hameln war schon im Sinkflug, 1998 folgte der Abstieg in die Zweite Liga, im November 2001 der Antrag auf Insolvenz. "Die Verantwortlichen im Verein wollten es erzwingen, sie haben es überdreht", sagt der erste Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft (313 Spiele für die DDR, 31 für Deutschland nach der Wiedervereinigung, insgesamt 1.412 Tore). Teraske hatte schon Ende Juni 1992 seinen Rücktritt erklärt, er hatte zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hamelns "Mister Handball" starb Anfang 2012 im Alter von 68 Jahren.

Bruch mit dem höherklassigen Handball

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Frank-Michael Wahl (r.) als Co-Trainer von Alfred Gislason, dem aktuellen Bundestrainer.

Wahl war nach seiner Profikarriere in Hameln noch Co-Trainer von Alfred Gislason, dem aktuellen Bundestrainer. Nach dessen Entlassung sprang er als Interims-Cheftrainer ein. Obwohl er in der Saison 1999/2000 mit Hameln mit sieben Punkten Vorsprung die Zweite Liga anführte, wurde Wahl entlassen. Davon enttäuscht, trainierte er fortan nur noch niederklassige Teams, aktuell die Männer der HSG Fuhlen/Hessisch Oldendorf (Landesliga). Der Bankkaufmann, der noch immer für besagte Bausparkasse tätig ist und im Dezember in Rente geht, ist in sportlicher Hinsicht nicht so weit von seinem Ex-Club entfernt. Der VfL Hameln zehrt zwei Klassen darüber, in der Oberliga, von den Erinnerungen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 07.02.2020 | 23:03 Uhr