Bakery Jatta vom HSV © Witters

HSV in der Bredouille? Sportrechtler: "Sehe kein Problem, Jatta einzusetzen"

Stand: 09.12.2021 13:46 Uhr

Der Fall Bakery Jatta beschäftigt nicht zuletzt den HSV. Drohen dem Fußball-Zweitligisten möglicherweise Punktabzüge, wenn der Profi später verurteilt werden sollte und gehen die Hamburger ein Risiko ein, wenn sie den Gambier weiter einsetzen?

von Matthias Heidrich und Elli Hyra

Sportrechtler Dr. Paul Lambertz sieht im NDR Interview "kein großes Problem, Jatta einzusetzen, selbst wenn er in drei oder vier Jahren den Aufenthaltstitel entzogen bekommen sollte. Stand jetzt hat er eine gültige Lizenz und darf spielen. Das ist der Status quo."

Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Schon gar nicht bis Sonntag (13.30 Uhr, im NDR Livecenter), wenn der HSV zum Abschluss der Zweitliga-Hinrunde Hansa Rostock im Volksparkstadion empfängt. "Der DFB hat gesagt, dass er das strafrechtliche Verfahren abwarten will", so der Fachanwalt für Sportrecht. Und das könne sich noch lange hinziehen.

VIDEO: HSV: Sportrechtler Lambertz erklärt die Hintergründe im Fall Jatta (6 Min)

Doch auch im Falle einer Verurteilung erwartet Lambertz keine nachträglichen Konsequenzen für den HSV. "Selbst wenn ihm der Aufenthaltstitel entzogen wird, sodass er quasi niemals aktiv war, würde ich es trotzdem aus dem Sinn und Zweck der sportrechtlichen Regel heraus so interpretieren, dass er zu dem jeweiligen Zeitpunkt eine aktuelle Spiellizenz hatte", so der Sportrechtler. Andere Experten kommen da durchaus zu einem anderen Schluss.

Die Sportgerichtsbarkeit "benötigt Rechtssicherheit"

Lambertz führt die "benötigte Rechtssicherheit" der Sportgerichtsbarkeit als schlagendes Argument an. "In einem Strafverfahren kann auch nach drei, vier Jahren eine Entscheidung getroffen werden. Beim Sport muss ich eine Entscheidung jetzt haben."

"Ich kann nicht in drei Jahren feststellen: 'Ach Gott, der HSV hat jemanden eingesetzt, der nicht hätte spielen dürfen. Deswegen werden die Spiele gegen den HSV nicht gewertet.' So funktioniert das System nicht." Dr. Paul Lambertz

Gerade deshalb gebe es die Einspruchsfrist von 48 Stunden nach Spielende. "Meines Erachtens müssen die Tatsachen zu diesem Zeitpunkt vorliegen. Die liegen aber nicht vor, dementsprechend würde ich als HSV relativ entspannt an die Sache herangehen."

Legen die HSV-Gegner Protest ein, wenn Jatta spielt?

Im Herbst 2019, als die Jatta-Affäre hochgekocht war, hatten die Liga-Konkurrenten Nürnberg, Karlsruhe und Bochum Einspruch gegen die Wertung ihrer jeweiligen Partie gegen den HSV eingelegt, diese aber zurückgezogen, nachdem das Bezirksamt Hamburg-Mitte die Ermittlungen gegen Jatta einstellte.

So musste der DFB gar nicht aktiv werden. Der Verband könnte nun aber erneut unter Zugzwang geraten, wenn der HSV seinen Leistungsträger trotz Anklageerhebung weiter einsetzt (wonach es aussieht) und einer der kommenden Gegner wieder Einspruch einlegen würde. Wo kein Kläger, da kein Richter - das könnte in der Anlegenheit der springende Punkt für den HSV sein. Werden die Gegner im Falle einer Niederlage oder eines Remis samt Mitwirkung Jattas aktiv oder nicht? Und sei es aus prophylaktischen Überlegungen heraus, um eventuelle zukünftige Rechtsansprüche zu wahren.

"Ob der Müller, Schmidt oder Meier heißt, ist für die Gegner egal"

Lambertz hat auch dazu eine klare Meinung. "Die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB ist hier eine Kann-Vorschrift. Es ist also nicht zwingend, dass das Spiel dann gegen den HSV gewertet wird", so der Anwalt.

Er appelliert zudem an die "sportliche Fairness" der Konkurrenten: "Da steht ein junger Mann auf dem Platz und spielt Fußball. Ob der Müller, Schmidt oder Meier heißt, ist für die Gegner egal. Am Ende steht ja diese Person auf dem Platz und hat das Spiel gemacht." Vom Stadtrivalen FC St. Pauli droht schon einmal kein Ungemach. "Aus gegebenem Anlass! #Kein Mensch Ist Illegal #Jatta #fcsp", twitterte der Club.

HSV-Coach Walter: Verein steht zu Jatta

Mehr als zwei Jahre nach Beginn der öffentlichen Debatte um die Identität des Fußballers aus Gambia hat die Staatsanwaltschaft am Montag überraschend Anklage vor dem Jugendrichter des Amtsgerichts Altona erhoben. Jatta soll laut Anklage eigentlich Bakary Daffeh heißen und zweieinhalb Jahre älter sein. Damit habe der Flügelstürmer in vier Fällen gegen das Aufenthaltsgesetz verstoßen sowie in einem weiteren Fall "mittelbare Falschbeurkundung" begangen. Der Profi bestreitet das, der HSV hat sich stets vor Jatta gestellt und tut dies auch jetzt wieder.

"Baka ist ein herzensguter Junge. Er ist einer von uns. Der Verein steht zu ihm. Wir als Team stehen zu ihm. Er weiß, dass wir ihm immer beistehen", unterstrich HSV-Trainer Tim Walter.

Weitere Informationen
Bakery Jatta vom HSV © imago images / Philipp Szyza

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen HSV-Profi Bakery Jatta

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.12.2021 | 22:50 Uhr

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