Stand: 07.04.2020 15:15 Uhr

Suche nach Normalität: Nordclubs wieder im Training

Die Nordclubs in der Ersten und Zweiten Liga haben das Training wieder aufgenommen - allerdings unter strengen Auflagen. Es ist ein erster Schritt zurück zu einem Fußball-Alltag, doch es gibt auch Kritik. Und: Wann und wie die Saison weitergeht, ist ungewiss.

Besseres Wetter für die Rückkehr auf ihren Rasen hätten sich die Zweitliga-Fußballer des Hamburger SV kaum aussuchen können: 23 Grad und strahlender Sonnenschein begrüßten die Profis, die sich am Montag erstmals seit Wochen wieder zum gemeinsamen Training und außerhalb der eigenen vier Wände trafen. Allerdings unter erschwerten Bedingungen, da angesichts der Corona-bedingten Einschränkungen von normalen Übungseinheiten keine Rede sein kann. "Wir mussten uns, als wir angekommen sind, direkt beim Physio melden und gucken, ob wir Fieber oder irgendwelche Probleme haben. In der Kabine sind wir weiter voneinander entfernt. Und auf dem Platz gibt es halt keine Zweikämpfe, das vermisse ich schon", sagte HSV-Verteidiger Rick van Drongelen dem NDR Fernsehen.

Keine Zweikämpfe, nur Ball- und Passübungen

Trainiert wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Volksparkstadion, jeweils in kleinen Gruppen mit etwa vier bis sechs Profis. Jede Gruppe wird von einem Trainer betreut, die jeweiligen Einheiten finden zu unterschiedlichen Zeiten statt. Zweikämpfe oder sonstige Kontakte sind nicht erlaubt.

"Dennoch freut sich jeder erst mal, wenn er wieder den Ball am Fuß hat. Und wenn es nur ein paar simple Passübungen sind", sagte HSV-Sportchef Jonas Boldt im NDR Sportclub. Auch Trainer Dieter Hecking, der improvisieren muss, ist froh über die Abwechslung. "Es ist wie eine kleine Befreiung gewesen, dass man mal wieder mit dem Ball am Fuß arbeiten kann. Ich glaube, das hat man auch bei den Jungs gemerkt, dass sie sich da ein Stück weit darauf gefreut haben, auch wenn es natürlich noch weit weg von Normalität und normalem Mannschaftstraining ist", erklärte der Coach im Interview mit dem NDR Fernsehen.

Geduscht wird zu Hause

Auch die HSV-Zweitligarivalen VfL Osnabrück, Holstein Kiel, Hannover 96 und FC St. Pauli dürfen wieder auf den Platz. Die Kiezkicker hatten bereits vergangene Woche mit dem Training angefangen, wurden aber von der Behörde zunächst zurückgepfiffen. Nun greift wie beim HSV eine Sondergenehmigung, am Dienstag wollen die Braun-Weißen wieder loslegen.

Ebenso wie der VfL, der den Trainingsbetrieb "mit Einschränkungen" wieder aufnehmen darf. "Wir halten uns weiterhin sehr streng an sämtliche Vorgaben im Sinne der Eindämmung der Corona-Pandemie und der Gesundheit unserer Mitarbeiter", teilte Sportdirektor Benjamin Schmedes mit. So ist die Mannschaft in Gruppen von maximal drei Spielern unterteilt. Für das Team stehen insgesamt elf Umkleidekabinen zur Verfügung. Zudem sollen Spieler und Trainer in Sportkleidung zum Trainingsgelände kommen und nur zu Hause duschen.

Kiel musste wie Osnabrück ein wenig länger auf grünes Licht von Behörden-Seite warten. Ab Dienstag dürfen jetzt auch wieder die KSV-Spieler auf dem grünen Rasen üben. Für die Profi-Mannschaft wird via Landesverordnung trotz der Corona-Pandemie eine Ausnahme von der Nutzungsuntersagung aller Sportanlagen gemacht. Die Kieler wollen in Kleingruppen bis zu sieben Personen kontaktlos und zeitlich getrennt voneinander trainieren. "Unter dem Gesichtspunkt eines fairen Wettbewerbs begrüße ich diese Entscheidung natürlich", sagte Sport-Geschäftsführer Uwe Stöver.

Auch Werder darf ab Dienstag wieder trainieren

Auch Werder Bremen darf ab Dienstag wieder in kleinen Gruppen mit maximal vier Spielern trainieren. Das Ordnungsamt der Hansestadt erteilte dem Bundesligisten am Montagnachmittag die dazu erforderliche Genehmigung. "Wir versuchen damit dem Recht auf Berufsausübung und der größtmöglichen Reduzierung von Risiken gleichermaßen gerecht zu werden", sagte Innensenator Ulrich Mäurer. Man habe sich unter anderem an den Vorschriften orientiert, unter denen bei Bayern München trainiert werde, so der SPD-Politiker weiter. Abgelehnt wurde hingegen der Wunsch von Werder, auch seine U23 und U19 mittrainieren zu lassen. Noch am Freitag vergangener Woche war die Entscheidung über den am 1. April vom Bundesligisten gestellten Antrag verschoben worden. Sportchef Frank Baumann hatte daraufhin Kritik an Mäurer geäußert.

Kocak: Müssen fast von Null anfangen

Benachteiligt fühlen sich die Hannoveraner: Wegen der Corona-Infektion bei Profi Timo Hübers befand sich das gesamte Team bis vor eineinhalb Wochen in Quarantäne. 96-Sportchef Gerhard Zuber sieht durch die längere Zwangspause einen "brutalen Nachteil" für seine Mannschaft. "Andere haben trainiert, und wir mussten komplett in Quarantäne", so der 44-Jährige im "Sportbuzzer": "Zukünftig gehört es einheitlich geregelt, damit jeder die gleichen Voraussetzungen hat."

Auch Coach Kenan Kocak hatte vor dem Trainingsauftakt am Montag erklärt: "Wir sind vier Wochen raus, das holt man nicht von heute auf morgen auf. Da muss man fast von Null anfangen. Erst einmal will er eine "Bestandsaufnahme" machen, danach in Vierergruppen trainieren: "Mit richtigem Training hat das nichts zu tun, weil die Zweikämpfe wegfallen. Lediglich "ein bisschen Ballgewöhnung, ein paar Flugbälle, ein paar Pässe" seien möglich.

Nachteile für einzelne Clubs wegen der unterschiedlichen Startbedingungen sieht HSV-Sportchef Boldt dagegen nicht: "Dadurch, dass klar ist, dass im April definitiv kein Spiel mehr stattfinden wird, ist es momentan meiner Meinung nach noch keine entscheidende Wettbewerbsverzerrung. Wir wissen ja gar nicht, wann überhaupt gespielt wird."

Arnold hofft auf Fortsetzung des Spielbetriebs

Auch beim VfL Wolfsburg will Sportchef Jörg Schmadtke den Begriff "Mannschaftstraining" nicht verwenden. Profi Maximilian Arnold pflichtet ihm bei: "Es ist schon besser, als allein daheim zu trainieren. Doch mit Normalität hat das nichts zu tun", erklärte der Mittelfeldspieler, der den Fußball als wichtigen Teil der Gesellschaft sieht und deshalb hofft, bald wieder spielen zu können. "Selbst wenn erst einmal keine Zuschauer in den Stadien zugelassen werden, können wir vielleicht dennoch mit unseren Spielen für etwas Abwechslung und etwas Freude sorgen."

Hecking: "Wir Fußballer sollten uns sehr weit zurücknehmen"

Das findet auch HSV-Sportchef Boldt: "Man merkt, der Fußball beschäftigt die Menschen. Insbesondere in einer Zeit, in der man jetzt zu Hause sitzt." Trainer Hecking hofft auf eine Fortsetzung der Saison ab Mai, auch wenn das keinesfalls sicher ist: "Ich glaube, da sollten wir Fußballer uns auch sehr weit zurücknehmen. Wenn es möglich ist, dass wir spielen dürfen, werden wir es machen." So sieht es auch sein Amtskollege Kocak: "Der Fußball muss aufpassen, dass er sich nicht wichtiger nimmt als die Gesellschaft. Nichts ist wichtiger als ein Menschenleben."

Dieses Thema im Programm:

Sport | 06.04.2020 | 13:00 Uhr