Stand: 23.02.2018 15:54 Uhr

Sorge um Sicherheit bei St. Pauli gegen Kiel

von Stefan Eilts und Carsten Janz

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19. September 2017: Ultra-Fans von Holstein Kiel stürmen beim Spiel gegen den FC St. Pauli den Platz .

Sie waren vermummt, schwarz gekleidet und stürmten mit gut 30 Mann den Rasen des Holstein-Stadions. Ultra-Fans der KSV Holstein warfen brennende Fackeln in den Gästeblock der St. Paulianer, stahlen Fahnen und zogen sich dann wieder zurück in ihren Block. Ordner, Polizei und auch Spieler des FC St. Pauli stoppten manche Ultras und es gab Festnahmen. Später verhängte die Deutsche Fußball Liga (DFL) eine Strafe gegen Holstein Kiel. "Wir waren perplex und haben uns gefragt: Was passiert da gerade?", erinnert sich Wolfgang Schwenke, der Geschäftsführer von Holstein Kiel.

3.000 Kieler Fans in Hamburg erwartet

Wegen der damaligen Vorfälle ist die Polizei vor dem Rückspiel am kommenden Sonntag (13.30 Uhr) am Millerntor in erhöhter Alarmbereitschaft. "Man weiß nie genau, wie die Ultras agieren", sagt Frank Matthiessen von der Kieler Polizei. Seine Behörde steht deshalb schon seit mehreren Tagen in engem Kontakt mit der Polizei in Hamburg, die für das Spiel zuständig ist. "Wir appellieren an die Fans, dass sie nur das Spiel schauen und anfeuern", sagt Matthiessen. Er geht davon aus, dass sich rund 3.000 Kieler Fans auf den Weg nach Hamburg machen werden. Es gebe Hinweise, dass einige schon am Samstagabend zum Derby anreisen, und 200 von ihnen seien potentiell gewaltbereit. "Dass die sich irgendwo mit St. Pauli-Ultras treffen, um sich zu prügeln, können wir nicht ausschließen", erklärt Matthiessen.

Überfall auf Holstein-Ultras

Der Platzsturm der Ultras am 19. September 2017 und auch die aktuell gereizte Stimmung hängen mit einem Überfall auf die Kieler Ultra-Gruppe "Supside" zusammen. Wenige Tage vor dem Hinrundenspiel beider Vereine wurde Fans von Holstein aufgelauert. Als sie nach ihrer Rückreise aus Aue am frühen Morgen wieder in Kiel ankamen, wurden sie von etwa 40 Vermummten überfallen und zusammengeschlagen. "Viele unserer Fans wurden schwer verletzt, einer erlitt einen Milzriss", sagt Wolfgang Schwenke. Schnell kam der Verdacht auf, dass einige St. Pauli-Ultras für den Überfall verantwortlich waren.

Fahnenklau als Demütigung

Fast schlimmer als die Verletzungen war für die Kieler Ultras "Supside" die Demütigung, dass ihre Fahne bei dem Überfall geklaut wurde. "Die Fahne ist der Heilige Gral jeder Ultra-Bewegung", erklärt Christoph Ruf, Szenekenner und Buchautor. "Wenn die Fahne geklaut wird, muss sich die Ultra-Gruppierung auflösen. Da gibt es klare Regeln in der Szene." Und tatsächlich lösten sich die Kieler Ultras auf. Vor allem für viele junge Fans solcher Gruppen bedeutet das einen extremen Einschnitt.

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"Ultras mehr als nur gewöhnliche Fans"

"Das, worüber du dir als Ultra den ganzen Tag, die ganze Woche Gedanken machst, ist dann weg", erläutert Ruf. Damit kämen viele nicht klar. Ultras bereiten Choreografien im Stadion vor, denken sich auch neue Fangesänge und -lieder. Außerdem beobachten und kritisieren sie öffentlich sportpolitische Entwicklungen, wie die zunehmende Kommerzialisierung im Fußball. Ultras seien also mehr als einfach nur gewöhnliche Fans, so Ruf. "Häufig sind sie sogar gebildeter und eloquenter als das durchschnittliche Fußballpublikum."

Der damalige Platzsturm der Kieler Ultras beim Heimspiel gegen den FC St. Pauli sei deshalb als eine Art Heldentod zu verstehen, analysiert Ruf. Die Mitglieder von "Supside" mussten sich auflösen, hätten aber die St. Paulianer nicht ungestraft lassen und ihnen auch die Fahnen klauen wollen. Dies gelang jedoch nicht, weil unter anderen auch Spieler der Hamburger die Holstein-Fans auf dem Platz stoppten und die Fahnen der eigenen Ultras sicherten.

Anzeichen für eine mögliche Entspannung

Nach Informationen des NDR Schleswig-Holstein werden aufgrund der aufgeheizten Stimmung zum Spiel am Sonntag am Millerntor auch Ultras aus anderen Bundesländern erwartet, unter anderen vom VfB Lübeck und dem Hamburger SV.

Trotz der befürchteten Ausschreitungen: In der Ultraszene gibt es nach Informationen des NDR Schleswig-Holstein auch Anzeichen für eine Entspannung zwischen den rivalisierenden Gruppen aus Kiel und Hamburg. Denn mittlerweile sehen auch St. Pauli-Fans den Fahnenklau bei Holstein kritisch. Nur eine Minderheit sei für den brutalen Überfall auf "Supside" verantwortlich, heißt es. Angeblich sollen die Verantwortlichen inzwischen sogar ein Stadtteilverbot auf St. Pauli haben. "Was für dieses Gerücht spricht, ist, dass diese Gruppe seit längerer Zeit nicht mehr öffentlich aufgetreten ist", sagt Christoph Ruf.

Wird die geklaute Fahne gezeigt?

Die Verantwortlichen des FC St. Pauli und von Holstein Kiel haben vor dem Nordderby am Sonntag eine gemeinsame Pressemitteilung veröffentlicht. Darin rufen sie zu einem "respektvollem Umgang" auf. KSV-Geschäftsführer Wolfgang Schwenke zeigte sich im Interview optimistisch: "Es wird alles für die Sicherheit getan, das wird gut gehen."

Die größte Sorge ist, dass die St. Paulianer die geklaute Holstein-Fahne zeigen könnten. Das wäre für die aufgelösten Kieler Ultras die maximale Provokation und könnte dazu führen, dass die Situation zwischen den verfeindeten Fangruppen wieder eskaliert.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.02.2018 | 19:30 Uhr

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