Stand: 23.05.2020 21:05 Uhr

Kohfeldt: Stiller Genießer, kein Triumphator

von Christian Görtzen, NDR.de
Werder-Coach Florian Kohfeldt geht nach dem Sieg gebeugt in die Kabine.

Irgendwie passten Kopf- und Körperhaltung nicht zum Ergebnis. Die Augen zu Boden gerichtet und mit hängenden Schultern, als wiege noch immer eine Last zentnerschwer auf ihm, schritt Florian Kohfeldt diagonal über den Rasen in Richtung Eckfahne. Dorthin im Stadion des SC Freiburg, wo es durch ein Eisentor hindurch weiter zu den Kabinen geht. Wenige Sekunden zuvor hatte der Trainer des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen endlich dieses schrille Geräusch vernommen, das er so herbeigesehnt hatte: den Schlusspfiff! Sein Team hatte es geschafft, hatte den Bann gebrochen, dank eines Tores von Leonardo Bittencourt mit 1:0 im Breisgau gewonnen und die Sieglos-Serie seit Mitte Januar getilgt.

Es war nicht nur eine Befreiung für das Team, es war vor allem eine für den 37 Jahre alten Fußballlehrer, der in den vergangenen Tagen aus vielerlei Richtung kritisiert worden war.

Kohfeldt: "Ich musste mich erst einmal hinsetzen"

Kohfeldt sah dennoch, wie er da so nach dem Abpfiff über das Spielfeld lief, nicht wie ein Gewinner aus, in seiner Körperhaltung eher wie ein Trainer, den die Ahnung beschlich, dass dies das letzte Spiel für ihn gewesen ist.

Trainer Florian Kohfeldt von Werder Bremen © picture alliance/dpa Foto: Uwe Anspach

Florian Kohfeldt: "Haben heute 101 Prozent gegeben"

NDR 2 -

Nach dem 1:0-Sieg beim SC Freiburg ist Werder-Trainer Florian Kohfeldt stolz auf sein Team - und überzeugt, dass er der richtige Trainer für das Team ist.

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"Ich muss zugeben: Ich musste nach dem Spiel erst einmal in die Kabine und mich hinsetzen", sagte der gebürtige Siegener dem NDR. Er verhehlte die Erleichterung nicht, diese ließ sich für ihn nur schlichtweg nicht in der Öffentlichkeit verarbeiten. Seit Anfang November 2017 ist Kohfeldt für das sportliche Vorankommen des Bremer Profiteams verantwortlich.

Dass er sich in der schwierigsten Phase seiner Amtszeit befindet, hat er vor allem in der vergangenen Woche zu spüren bekommen, nach dem 1:4 im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Es war für die Grün-Weißen ein bitterer Neustart in Corona-Zeiten. Verbunden mit viel Kritik an ihm. Zweifel an ihm äußerten unter anderem auch zwei überaus verdiente Ex-Spieler des Vereins: der frühere Torhüter Dieter Burdenski und der ehemalige Verteidiger Rune Bratseth.

Kohfeldt entgegnete dem vor allem mit "einer gewissen Form von Trotz", wie er in der virtuellen Pressekonferenz vor dem Freiburg-Spiel einräumte. "Ich bin nach wie vor der Beste auf der Position", erklärte er, oder: "Uns jetzt vorzuwerfen, dass wir alles laufen lassen, dass kein Feuer da ist, empfinde ich als Frechheit." Gerade in Fahrt, schließlich auch: "Und ich werde es trotzdem allen zeigen."

"Hat nullkommanull damit zu tun, ich sei der Beste"

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Jubeln mit Mundschutz: Florian Kohfeldt (v.) und sein Betreuerteam feiern die Führung.

Nach dem Spiel in Freiburg und den Minuten des Innehaltens und Nachdenkens in der Kabine schlug der Trainer des Jahres 2018 rhetorisch den klugen Weg ein, jetzt nicht triumphierend aufzutreten. Kohfeldt ging es vor allem darum, noch einmal einige seiner Aussagen zu relativieren, sie klarer zu machen. "Meine Loyalität gehört Werder Bremen, das wollte ich damit zum Ausdruck bringen. Das finde ich auch legitim. Es hat nullkommanull damit zu tun, ich sei der Beste und würde über allem stehen. Das darf so auch nicht verstanden werden", sagte Kohfeldt.

"Das komplette Herz auf den Platz gebracht"

Das Ziel sei vielmehr gewesen, der Mannschaft zu signalisieren, dass er vorangehe, sagte der Werder-Coach. Seine Spieler sind ihm beim Gastspiel in Freiburg gefolgt, das stellten sie in den 96 Minuten auf dem Rasen zweifelsfrei unter Beweis. Da war eine Mannschaft zu sehen, die Willen versprühte, Tatkraft zeigte. "Gegen Leverkusen waren es 99 Prozent, heute waren es 101 - und diese zwei Prozent müssen wir weiter herauskitzeln", forderte Kohfeldt. "Wir haben über die gesamte Spielzeit das komplette Herz auf den Platz gebracht. Es war der erste Schritt im Abstiegskampf, der aber natürlich noch andauern wird."

Die Bremer, die mit 21 Punkten in der Tabelle weiterhin Vorletzter sind, haben durch den Sieg neue Hoffnung geschöpft. Acht Spiele bleiben Werder noch, um für ein großes Wunder an der Weser zu sorgen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.05.2020 | 22:50 Uhr