Trainer Tim Walter vom Hamburger SV jubelt © IMAGO/Philipp Szyza

Der HSV im Datencheck: Folgt auf den Derbysieg der Bundesliga-Aufstieg?

Stand: 27.04.2023 11:57 Uhr

Fünf Spieltage vor dem Saisonende steht es so gut wie fest: Darmstadt 98, der 1. FC Heidenheim und der HSV machen die Aufstiegsplätze unter sich aus. Laut Daten ist der Hamburger SV das beste der drei Teams, braucht aber mindestens einen Patzer der Konkurrenten.

von Florian Neuhauss

Mit dem 4:3-Sieg im Hamburger Derby gegen den FC St. Pauli hat die Mannschaft von Tim Walter einen ungemein wichtigen Sieg gefeiert. Das Spiel hätte auch ganz anders ausgehen können, und dann hätte sich der HSV auf einmal ernsthafte Sorgen um Rang drei machen müssen. Nun haben Walter und Co. neun Punkte Vorsprung auf die Verfolger. Dazu nur einen Zähler Rückstand auf das zweitplatzierte Heidenheim, zu Spitzenreiter Darmstadt fehlen fünf.

"Wir haben richtig was zu tun, deshalb sind wir gut beraten, konzentriert weiterzuarbeiten." HSV-Kapitän Sebastian Schonlau

In die Relegation will niemand: Der HSV hat erst im vergangenen Jahr in den Duellen mit dem Bundesliga-16. Hertha BSC den Aufstieg verpasst. Heidenheim zog 2020 gegen Werder Bremen den Kürzeren.

Die Hamburger haben es auch in den direkten Duellen verpasst, sich schon an den Konkurrenten vorbeizuschieben. In der Rückrunde gab es in Heidenheim (3:3) und in Darmstadt (1:1) je ein Unentschieden. Kurios: Bildet man ausschließlich aus den Spielen des Trios gegeneinander eine Tabelle, herrscht Punktgleichstand. HSV und Heidenheim haben mit 6:6 sogar dieselbe Tordifferenz.

Und noch eine Besonderheit gibt es in diesem so engen Aufstiegsrennen: Hamburg und der FCH haben im Saisonendspurt mit Magdeburg, Paderborn, Regensburg, Fürth und Sandhausen exakt dieselben Gegner. Darmstadts Restprogramm erscheint ein bisschen schwieriger.

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HSV-Trainer Walter ärgern die vielen Gegentore

"Wir haben noch fünf Spiele, in denen wir alles geben müssen", forderte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt. Interessanterweise zeigt ein Blick in die Daten von GSN, dass der HSV bisher eigentlich am besten gespielt hat. Mit einem Performance-Score von 56,86 liegen die Norddeutschen genauso vorn wie mit 1,98 Expected Goals und 1,61 Expected Points (bester Wert der Liga).

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Walters Mannen die meisten Torschüsse des Gegners zulassen (11,92 pro 90 Minuten) und die Gegner auch auf den höchsten Expected-Goals-Wert kommen (1,43). Nicht von ungefähr hat der HSV auch schon 38 Gegentore kassiert - satte 14 mehr als Spitzenreiter Darmstadt. Diese Treffer-Flut hat auch dazu geführt, dass die Tordifferenz besonders im Vergleich zu Heidenheim (+28) gegen Hamburg spricht (20).

"Die Gegentore dürfen wir niemals so herschenken", ärgerte sich Walter jüngst nach den drei St.-Pauli-Toren. Kapitän Sebastian Schonlau meinte: "Wir haben richtig was zu tun, deshalb sind wir gut beraten, konzentriert weiterzuarbeiten."

Eigentlich noch gut weggekommen

Beim Vergleich der "Expected Daten" mit den realen Ergebnissen wird deutlich, dass der HSV nicht etwa überraschend viele Gegentore kassiert hat. Immer wieder fallen Gegentreffer nach individuellen Fehlern. Walter erklärte zuletzt, sein Team habe das Pech, dass die Gegner diese Fehler sehr oft direkt mit Toren bestraften. Die riskante Taktik des Trainers hat 1,31 Gegentore pro Spiel gebracht, erwartbar waren aber sogar 1,43. Dabei ist Hamburg also noch gut weggekommen.

Heidenheim: Kleindienst und Beste überragen

Das gilt allerdings auch für die Konkurrenz. Heidenheim zeigt zum Beispiel eine krasse Über-Performance. 1,42 Expected Goals steht mit 2,03 Treffern pro Partie die beste Ausbeute aller Clubs der Liga gegenüber. Zum Vergleich: Der HSV kommt genau auf zwei Tore, ist mit 1,98 Expected Goals aber auch statistisch wirklich so gut.

Die Heidenheimer machen viel aus ihren Möglichkeiten - haben mit 35,69 Prozent die mit Abstand beste Chancenverwertung. Und das Team von der Ostalb ist ungemein fleißig: Mit 120,87 Kilometern pro Spiel läuft das Team von Trainer Frank Schmidt sechseinhalb Kilometer mehr als die Hamburger und sogar fast neun mehr als Darmstadt. Mit 239 Sprints und 746 Läufen mit hoher Intensität hängen die Schwaben ihre direkten Konkurrenten ebenfalls deutlich ab. Wenn jemand den Erfolg des FCH glücklich nennt, dann ist es das Glück des Tüchtigen.

"Das Schöne ist, dass wir alles in der eigenen Hand haben. Das gilt bis zum letzten Spieltag." Heidenheims Top-Torjäger Tim Kleindienst

Die Heidenheimer haben den Erfolg nicht zuletzt Tim Kleindienst zu verdanken. Der Mittelstürmer, der in Freiburg bereits Bundesliga-Erfahrung gesammelt hat und nun mit 22 Saisontreffern die Zweitliga-Torschützenliste anführt, ist der Schlüsselspieler. Der 27-Jährige steht sinnbildlich für Heidenheims Qualitäten, glänzt er doch nicht nur durch Torgefahr, sondern auch durch Zweikampfstärke, die offensive Raumfindung und taktisches Verhalten. Sein kongenialer Offensivpartner ist Jan-Niklas Beste. Der 24-Jährige konnte sich einst weder in Dortmund noch in Bremen durchsetzen. Nun ist er mit elf Assists der beste Vorlagengeber der Liga und bildet mit Kleindienst, Adrian Beck und Patrick Mainka eine erstklassige Achse.

HSV-Achse ist brüchig geworden

Beim HSV ist die Erfolgsachse ein bisschen brüchig geworden. Robert Glatzel hat seit Anfang Februar in zehn Spielen nur noch vier Tore erzielt - zwei davon bei der 2:4-Niederlage beim Karlsruher SC. In Nordbaden kassierte der HSV neben den vier Toren auch einen seiner fünf Platzverweise. Keines der Spiele in Unterzahl hat die Mannschaft von Walter, der beim KSC selbst die Rote Karte sah, gewonnen (drei Niederlagen, ein Remis). Zum Vergleich: Heidenheim und Darmstadt mussten nur zwei Platzverweise hinnehmen.

HSV-Spielmacher Ludovit Reis ist seit der Pleite in Karlsruhe die Konstanz in seinen Leistungen abhanden gekommen. In Kaiserslautern (0:2) leistete sich ausgerechnet der im Volksparkstadion als "bester Spieler der Liga" gefeierte Niederländer zwei herbe Patzer, die zu den beiden Gegentoren führten. Bleibt die Hoffnung, dass Sebastian Schonlau und Moritz Heyer, die zuletzt beide schmerzlich vermisst wurden, nach ihrer Rückkehr für Ordnung auf dem Platz sorgen können.

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Während die beiden anderen Clubs auf die Karte Offensive setzen, könnte sich in Darmstadt einmal mehr die Weisheit bewahrheiten, dass die Defensive Meisterschaften gewinnt. 24 Gegentreffer in 29 Spielen sind überragend. Es überrascht nicht, dass mit Innenverteidiger Patric Pfeiffer und Rechtsverteidiger Matthias Bader, die auf ihren Positionen die besten Spieler der Liga sind, sowie Christoph Zimmermann ein Großteil der Leistungsträger in der Abwehr der "Lilien" spielt.

"Jeder ist über die Schmerzgrenze hinaus gegangen. Ich bin massiv stolz." Darmstadt-Trainer Torsten Lieberknecht

Hinzu kommt eine große Moral: 15 Punkte hat das Team von Coach Torsten Lieberknecht bereits nach Rückständen geholt. So auch zuletzt beim 2:1 gegen den KSC. "Es war kein glanzvoller Sieg, das spielt aber dann auch keine Rolle", sagte Mittelfeldspieler Fabian Schnellhardt. Lieberknecht selbst sagte: "Es war bis zum Schluss ein leidenschaftliches Verteidigen. Jeder ist über die Schmerzgrenze hinaus gegangen. Ich bin massiv stolz." Bei einer errechneten Aufstiegswahrscheinlichkeit von 90 Prozent ist dem Tabellenführer die Rückkehr in die Bundesliga anscheinend kaum noch zu nehmen.

HSV-Team muss Trainer-Worten Taten folgen lassen

Um aus der Rolle des Verfolgers noch etwas zu machen, müssen sich die Hamburger auch im Vergleich zur Hinrunde steigern - und gleichzeitig auf Patzer der Konkurrenz hoffen. Aus den letzten fünf Spielen 2022 holte der HSV drei Siege, kassierte aber zwei Niederlagen. Darmstadt blieb bei elf Punkten ungeschlagen. Heidenheim verbuchte sogar 13 Zähler.

Walter erklärt gebetsmühlenartig, er wisse, dass der HSV aufsteigen wird - und sei es über die Relegation. Seine Spieler gehen optimistisch in die letzten fünf Saisonspiele - und "mit einem sehr guten Gefühl", wie Jonas David hinzufügte. Der Derbysieg habe "noch einmal zusätzliches Selbstvertrauen" gegeben. Was das wert ist, muss sich schon am Sonnabend (13 Uhr, im NDR Livecenter) im Spiel bei Christian Titz' Magdeburgern erweisen. Im Hinspiel kassierten die Hamburger gegen ihren Ex-Coach eine bittere 2:3-Pleite.

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Dieses Thema im Programm:

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