Stand: 25.08.2019 10:00 Uhr

Cléber Reis: Der (fast) vergessene HSV-Held

von Hanno Bode, NDR.de
Seine wichtigste Aktion im HSV-Dress: Cléber Reis bereitet im Relegationsrückspiel 2015 in Karlsruhe den 2:1-Siegtreffer vor.

Heute tritt der HSV erstmals seit 2015 wieder beim Karlsruher SC an. Das bis dato letzte Duell beider Clubs war ein Fußball-Drama, in dem unter anderem der eingewechselte Cléber Reis eine Hauptrolle einnahm. Nun ist der Verteidiger wieder im Fokus - allerdings nicht aus sportlichen Gründen.

Dem Hamburger SV rennt an diesem milden Sommerabend des 1. Juni 2015 die Zeit davon. Der sechsmalige deutsche Fußball-Meister liegt wenige Minuten vor dem Ende des Relegationsrückspiels um den letzten freien Platz in der Bundesliga beim Karlsruher SC mit 0:1 in Rückstand. Auf der Ersatzbank der Badener sind bereits die Aufstiegs-T-Shirts ausgepackt worden. Nach dem 1:1 vier Tage zuvor im Volksparkstadion sind sie dem Sprung in die Beletage ganz nah - und der HSV hat den ersten Abstieg seiner Historie dicht vor Augen. Umso erstaunlicher, dass Gäste-Coach Bruno Labbadia nun in Cléber Reis einen gelernten Innenverteidiger für Linksaußen Ivo Ilicevic einwechselt (86.). Zumal der zumeist wie ein deutscher Verteidiger aus den 1970er Jahren spielende Brasilianer bis dato für vieles gestanden hat (Fouls, Fehlpässe, Luftlöcher), aber nicht für Torgefahr.

Torvorlage sichert den Klassenerhalt

Doch an diesem Abend ist Cléber Janderson Pereira Reis, so sein vollständiger Name, dem Team mit seiner - gelinde ausgedrückt - unkonventionellen (und ziemlich harten) Spielweise eine große Hilfe. Labbadia hat ihn nicht in die Abwehr, sondern in die Spitze beordert.

Relegationsrückspiel 2015

Rettung in letzter Sekunde: HSV siegt beim KSC

Der Hamburger SV hat mit Glück das Relegationsspiel beim KSC mit 2:1 nach Verlängerung gewonnen. Noch in der 90. Minute lag der HSV zurück. Dann trafen Diaz und Müller. mehr

Und fortan gewinnt der 1,86-Meter-Mann im KSC-Strafraum so ziemlich jedes Kopfballduell, bringt dadurch seine Mannschaftskameraden zwei-, dreimal in Abschlusspositionen und holt Eckstöße heraus. Am legendären Freistoß-Treffer von Marcelo Diaz zum 1:1 (90.+1) ist Cléber Reis zwar nicht beteiligt. Dafür aber bereitet er das 2:1-Siegtor durch Nicolai Müller in der Verlängerung (115.) mit einer Schussflanke vor, die so auch in keinem Fußballlehrbuch zu finden ist. Jedenfalls in keinem seriösen. Genau so habe er den Ball treffen wollen, gibt der Brasilianer später zu Protokoll. Man muss es ihm einfach glauben. Schließlich wirkte bei ihm zu seiner Zeit bei den Hamburgern immer alles ein wenig anders als bei den Anderen.

Nur Gordon von damals noch dabei

Heute (13.30 Uhr, im Livecenter bei NDR) tritt der HSV erstmals seit jenem für ihn geschichtsträchtigen 1. Juni 2015 wieder beim Karlsruher SC an. Man sieht sich in der Zweiten Liga wieder, was eher für die Badener ein tolles Gefühl ist, sind sie doch gerade erst ins Bundesliga-Unterhaus zurückgekehrt. Von den Akteuren, die damals auf dem Feld standen, wird lediglich KSC-Verteidiger Daniel Gordon diesmal noch dabei sein. Alle anderen Kicker beider Vereine haben sich inzwischen in neue sportliche Abenteuer gestürzt. Das des Cléber Reis heißt FC Santos. Wobei: Es sollte eigentlich FC Santos heißen. Denn der Club des legendären Pelé hat den Innenverteidiger an den abstiegsbedrohten Zweitligisten Oeste Futebol Clube verliehen. Das würde an der fernen Sylvesterallee, wo der HSV sein Stadion inklusive schicker Geschäftsstelle hat, vermutlich niemanden groß interessieren. Oder in Anbetracht der Leistungen des Abwehrmanns im Jersey der Norddeutschen verwundern. Und doch ist Cléber Reis vor dem Karlsruhe-Spiel ein heiß diskutiertes Thema bei seinem früheren Arbeitgeber.

Santos soll, will aber nicht für Cléber Reis zahlen

Es geht um Geld. Um sehr viel Geld. Genau genommen um vier Millionen Euro, die der Zweitligist für den Verteidiger erhalten soll. Das hat nach übereinstimmenden Berichten des "Hamburger Abendblatts" und brasilianischer Medien der Fußball-Weltverband FIFA nun entschieden. Der HSV hatte die zuständigen Herren in Zürich-Hottingen um Hilfe gebeten, weil der FC Santos bis heute seinen Zahlungsverpflichtungen für den Kauf von Cléber Reis nicht nachgekommen ist. Der inzwischen 28-Jährige war Anfang 2017 in seine Heimat zurückgekehrt. Als Ablösesumme wurden 2,5 Millionen Euro vereinbart. Zudem verankerte der damalige HSV-Boss Heribert Bruchhagen eine Strafe in Höhe von einer Million Euro für den Fall der nicht fristgerechten Zahlung in dem Vertrag. Längst ist die Klausel in dem Kontrakt wirksam. Zudem stehen dem Zweitligisten inzwischen laut der FIFA-Entscheidung 500.000 Euro an Zinsen zu. Santos hat allerdings Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Oftmals wie die Axt im Walde

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Cléber Reis (l.) schonte weder sich noch seine Gegenspieler zu HSV-Zeiten.

Sollte diese scheitern, dürfen sich die Hamburger über einen schönen Batzen Geld für den Mann freuen, der sich auf dem Feld nicht selten wie die Axt im Walde benahm. Oder wie es sein Ex-Coach Markus Gisdol ausdrückte: "Er ist der kompromissloseste Zweikämpfer überhaupt." Problematisch wurde das Berufsleben des Cléber Reis allerdings stets dann, wenn er per Kopf, Grätsche oder auch gerne mal mit Hilfe seiner Ellenbogen geklärt hatte. Im Aufbauspiel zeigte der 28-Jährige gewisse Defizite. Manchmal drosch er die Bälle aus Unbeholfenheit ohne Bedrängnis mit einem Scherenschlag in die Ränge des Volksparkstadions. Das war dann zum einen unfreiwillig komisch. Und zum anderen irgendwie auch symbolisch für eine HSV-Mannschaft, in der die Handwerker in der Mehrzahl waren und technisch saubere Aktionen Seltenheitswert hatten.

Zum Einstand eine Rote Karte

Nach 44 Pflichtspielen für die Hamburger war Cléber Reis' Zeit beim einstigen deutschen Fußball-Schwergewicht abgelaufen. Ziemlich geräuschlos wurde der Verteidiger zum FC Santos transferiert. Glücklich wurde der 28-Jährige auch dort nicht. Gleich in seiner ersten Partie sah er die Rote Karte. Lediglich neun weitere Einsätze folgten für ihn bis heute im Dress des ruhmreichen Vereins. Mehrfach verlieh Santos den Abwehrmann seit seiner Rückkehr an den Zuckerhut. Sein Vertrag beim aktuellen Tabellenführer der brasilianischen Elite-Liga ist noch bis 2022 datiert. Eine Zukunft scheint der momentan bei Oeste geparkte Defensiv-"Spezialist" beim Pelé-Club aber nicht mehr zu haben.

Rückkehr zum HSV? "Verein braucht nur anzurufen"

Anfang des vergangenen Jahres meldete sich Cléber Reis via "Bild" zu Wort und bot seine Rückkehr an die Elbe an: "Der Verein braucht nur anzurufen, und ich bin da. Ich würde diesem großartigen Club gerne bei seinen Problemen helfen." Nun, vom HSV meldete sich bis dato diesbezüglich niemand bei ihm. Was aus seiner Hamburger Zeit übrig bleibt, ist also jene für ihn magische Nacht in Karlsruhe. Und vielleicht ein unverhoffter Geldregen für den HSV...

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.08.2019 | 22:50 Uhr

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