Stand: 19.08.2019 18:33 Uhr

Religions for Peace: Wider die Religions-Hooligans

Bis Freitag findet in Lindau am Bodensee die 10. Weltkonferenz von "Religions for Peace" statt. Etwas ketzerisch könnte man fragen, ob das nicht ein frommer Wunsch ist - "Religionen für den Frieden". In der Vergangenheit konnte man doch eher den Eindruck gewinnen, Religionen und Frieden sei eher ein Widerspruch in sich. Pater Nikodemus Schnabel ist Teilnehmer an der Weltkonferenz in Lindau.

Pater Nikodemus, in Jerusalem erfahren Sie diesen Widerspruch von Religion und Frieden beinahe jeden Tag sehr gewaltsam. Warum? Was macht so viele religiöse Menschen so unfriedlich?

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Pater Nikodemus Schnabel ist Ordensbruder in der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Nikodemus Schnabel: Das, was Sie ansprechen, ist auch für die Religionsvertreter, die hier auf der Weltversammlung von "Religions for Peace" versammelt sind, nichts Neues. Die Religionen wissen selbst, dass sie von vielen Teilen der Welt kritisch beobachtet werden. 84 Prozent der Menschheit ist religiös, und gerade die anderen 16 Prozent haben in der Regel ein sehr kritisches Verhältnis zur Religion. Ich glaube, das liegt daran - und da tun mir die Religionen leid; ich bin selbst auch tiefreligiös -, dass die Religionen sehr stark über Religions-Hooligans wahrgenommen werden. Das sind Menschen, die gar nicht richtig beten, gar nicht mit Gott ringen, Gott suchen, sondern die schon ganz fertige, klare Antworten haben, oft eine Identität, die sie sich durch Abgrenzung erkauft haben, mit einem klaren Schwarz-Weiß-Denken und Freund-Feind-Schema. Das macht erst mal scheinbar das Leben einfacher, weil man alles wunderbar kategorisieren und in Schublade stecken kann. Aber alle Religionen, die wirklich reflektiert sind - und das darf man hier in Lindau erleben -, erziehen zur Ambiguitätstoleranz, also mit dieser Komplexität, der Widersprüchlichkeit der Welt, des eigenen Lebens, der ganzen Schöpfung umzugehen. Eigentlich ist es traurig, dass es Menschen gibt, die keine Freude haben an der faszinierenden Komplexität dieser Welt, sondern durch einen Religions-Hooliganismus die Religionen missbrauchen für ein billiges Freund-Feind-Schema. Dem wird hier klar entgegengetreten.

Wo finden diese Religions-Hooligans ihr Instrumentarium? In den Basistexten, bei den Religionsführern, unter anderen Gläubigen? Sind sie Verführte? Wo ist das Problem?

Schnabel: Ich durfte hier schon mit einigen Vertretern anderer Religionen sprechen, mit Buddhisten, mit Hinduisten, die auch ein massives Religions-Hooliganismus-Problem haben. Das negative Rezept, wie man Religion zum Religions-Hooliganismus verkürzen kann, ist, indem man heilige Texte wortwörtlich wie ein Steinbruch verwendet, einzelne Sätze isoliert und sagt: Das ist die Wahrheit! Es gibt dann nur: ja oder nein, weiß oder schwarz, richtig oder falsch. Und das ist traurig, weil die heiligen Texte der Religionen in sich schillernd, schimmernd sind, wie Edelsteine, die das Licht von verschiedensten Seiten brechen. Man tut damit Gewalt an diesen heiligen Texten. Es gibt leider Demagogen, Verführer, die gerade der Jugend, die entwurzelt ist, die von Globalisierung, Digitalisierung überfordert ist, diese leicht zu schluckenden Fastfood-Formen von Religion vorsetzen.

Alle Religionsführerinnen und -führer und auch sehr viele Jugendliche, die hier vertreten sind, wollen zeigen, dass Religion zu Toleranz motiviert, zur Neugier auf den Anderen, zum gemeinsamen Tun für die Zukunft dieser Menschheit. Wir müssen als Menschheitsfamilie, egal welche Hautfarbe, Rasse oder Religion wir haben, eine gemeinsame Verantwortung für die Zukunft dieses Planeten übernehmen, damit es auch allen gut geht.

Und das ist das Tolle an Religion: Religionen sind immer grenzüberschreitend. Keine Religion macht vor irgendeiner Landesgrenze halt. Gesunde Religion, im positiven Sinne, ist das beste Mittel gegen jeden engen Nationalismus, gegen jedes enge Denken. Religion überschreitet Grenzen, und das ist etwas Schönes.

Besonders gefährlich wird es, wenn Politik und Religion eine enge Liaison eingehen. Der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser fordert deshalb eine Entpolitisierung der Religionen, um ihnen ihre Gefährlichkeit zu nehmen. Ist das ein richtiger Weg? Nimmt sich Religion damit nicht auch das Mittel der Friedensstiftung?

Nikodemus Schnabel © imago

Religions for Peace: Wider die Religions-Hooligans

NDR Kultur - Journal Gespräch -

In Lindau findet die 10. Weltkonferenz von "Religions for Peace" statt. Teilnehmer Pater Nikodemus Schnabel bedauert, dass "Religionen stark über Religions-Hooligans wahrgenommen werden".

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Schnabel: Da würde ich eine differenzierte Antwort geben. Ich glaube, es gibt eine riesige Gefahr, wenn Politik Religion instrumentalisiert. Wenn man etwa Fragen, die man eigentlich rein politisch lösen sollte, religionisiert, sakralisiert und sagt: Aber Gott will das so! Das ist ein großes Foul in der Kommunikation. Da sollten die Religionen immer sagen: Nein, liebe Politiker! Wir haben euch dafür gewählt, dass ihr euch zusammensetzt und eine Lösung findet. Bitte lasst Gott aus dem Spiel - er interessiert sich relativ wenig für Grenzziehungen, die alle menschlich gemacht sind.

Umgekehrt würde ich sagen, dass alle Religionen auch eine prophetische Funktion haben. Wenn Politik Probleme nicht erkennt, etwa das Problem des Klimawandels oder der Umweltverschmutzung, und wenn da Religion im guten Sinne nervt und immer wieder die Politik anschubst, dann finde ich das sehr positiv. Das gehört auch zum Auftrag der Religion.

Auf der anderen Seite ist jeder Dialog keine Einbahnstraße. Es ist auch ein gutes Recht der Politik, die Religionen, die immerhin 84 Prozent der Menschheit vertreten, ebenfalls anzuschubsen und zu sagen: Liebe Religionsgemeinschaften, ihr seid der größte zivilgesellschaftliche Player dieser Erde, und wir erwarten von euch auch Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit. Aber klar: Instrumentalisierung ist für beide Seiten nicht gut.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.08.2019 | 19:00 Uhr