Stand: 21.11.2019 16:41 Uhr

Neues Habermas-Buch: "Unbedingt lesenswert"

Über 1.700 Seiten, komplex, durch und durch harte Kost, um die Welt zu erklären, ihren Sinn und Nutzen. Und um Bilanz zu ziehen. Der große deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat mit 90 Jahren sein "Alterswerk" veröffentlicht: "Auch eine Geschichte der Philosophie". Der Soziologe Stefan Müller-Doohm hat bei Habermas studiert und hat beide Bände intensiv gelesen.

Herr Müller-Doohm, respekteinflößend sind nicht nur die vielen Seiten, nachdenklich macht allein der Titel: "Auch eine Geschichte der Philosophie". Warum "auch"?

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Auch Stefan Müller-Doohm hat ein neues Buch herausgebracht: "Habermas global - Wirkungsgeschichte eines Werks".

Stefan Müller-Doohm: Das ist eine Anspielung auf Johann Gottfried Herder. Der hat im 18. Jahrhundert ein viel beachtetes Buch geschrieben mit dem Titel: "Auch eine Philosophie der Geschichte". Diesen Titel dreht Habermas um - und das macht Sinn, denn Habermas verabschiedet sich auch in diesem neuen Buch von allen geschichtsphilosophischen Konstruktionen. Er versucht, eine, wie er das nennt, nachmetaphysische Philosophie zu entwickeln, die eine andere Philosophie ist als beispielsweise die von Herder.

Er geht weit zurück, bis zu den Anfängen der Philosophie: Er beginnt "seine" Philosophie auch folgerichtig mit der griechischen Antike und schlägt dann den Bogen bis zur Gegenwart. Welchen Stellenwert haben die neuen Bände im Hinblick auf das Gesamtwerk? Ist das die Synthese des philosophischen Lebens von Jürgen Habermas?

Müller-Doohm: Das würde ich so nicht sagen. Es ist einfach ein neuer Ansatz, auf die Philosophie zu schauen. Ich verstehe das streng philosophisch orientierte Buch als eine Selbstvergewisserung des Autos über die Entstehung und über die Reichweite der kommunikativen Vernunft - das ist ja der Zentralbegriff in der Philosophie von Habermas. Er löst mit diesem zweibändigen Werk ein Versprechen ein, das er in seinem 1981 erschienen Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns" gegeben hat. Dort begründet er eine Begriffsarchitektonik, also "kommunikative Vernunft", die nun noch einmal rekonstruiert wird im Blick auf die abendländische Philosophiegeschichte.

Was ist das Neue, das Innovative an diesem Werk?

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Das zweibändige Werk "Auch eine Geschichte der Philosophie" von Jürgen Habermas ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 98,00 Euro.

Müller-Doohm: Die Stärken des neuen Buches sehe ich darin, dass Habermas die philosophische Ideengeschichte gleichsam gegen den Strich bürstet, und zwar, indem er fragt, wie in der westlichen Philosophie die Lernprozesse zustandegekommen sind, die zur Trennung von Glauben und Wissen geführt haben. Damit ist auch das entstanden, was er "nachmetaphysische Philosophie" nennt. Die zu begründen ist sein Hauptanliegen: eine Philosophie, die die Fundamentalbedingungen alles Seienden glaubt, erklären zu können. Davon verabschiedet sich Habermas.

Habermas hat in seinem Leben immer nach den "guten Gründen" gesucht. Welchen Grund gibt es heute für die Philosophie? Welche Aufgabe hat die Philosophie heute?

Müller-Doohm: Das wird auch sehr deutlich in dem Buch, dass die Philosophie nach wie vor ganz wichtige Aufgaben hat. Er rekurriert auf die synthetisierende Kraft der Philosophie. Man könnte sagen, die Philosophie übergreift die Einzelwissenschaften - das meint er mit "synthetisierender Kraft", denke ich. Sie soll dazu beitragen, dass wir eine Selbst- und Welterklärung erreichen, die zurückgeht auf Deutung, auf Argumentation, auf diskursive Vernunft. Das ist es, was er ins Spiel bringen will: die diskursive Vernunft.

Jürgen Habermas hat sich immer eingemischt, als Philosoph, als Denker. Er hat bis heute eine wichtige Stimme in den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Tritt er in diesem Werk auch als Kritiker, als Mahner in Erscheinung?

Müller-Doohm: Ja, das tut er: zwischen den Zeilen, in beiden Bänden - aber vor allem im Postskriptum, das, wie der Titel schon sagt, im zweiten Band später hinzugefügt worden ist. Ich würde übrigens dem interessierten Leser raten, durchaus mit diesem Postskriptum anzufangen bei der Lektüre. Da macht er aufmerksam auf Gefahren der globalisierten Welt, die wir heute zu bewältigen haben. Das ist die Eigendynamik fortschreitender Natur- und Weltbeherrschung durch eine unkontrollierte Wissenschaft und Technik. Er benennt die Probleme ganz konkret, die hier und heute gelöst werden müssen, wie beispielsweise der fortschreitende Klimawandel, die Risiken der Rüstungs- und Großtechnologie oder gerade auch die Auswirkungen der deregulierten Weltmärkte und die fatalen Folgen des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus. Verbunden, wie er immer wieder betont, mit wachsender sozialer Ungleichheit. Da kommt auch so ein Stück Zeitdiagnose mit ins Spiel.

Es lohnt sich also zu lesen?

Unbedingt. Es ist ein Muss für jeden, der intellektuell den Anspruch erhebt, das Geschehen in dieser Welt verständlich zu machen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.11.2019 | 19:00 Uhr