Hörspiel

75 Jahre Kriegsende: Träume

Mittwoch, 13. Mai 2020, 20:00 bis 21:18 Uhr

Cover: NDR Hörspiel Box © Photocase Foto: busdriverjens

75 Jahre Kriegsende: Träume

NDR Kultur - Hörspiel -

Beunruhigende Alpträume, Szenarien fundamentaler Ängste, darunter die Furcht vor Deportation, Ausgrenzung, innerer Leere, atomarer Bedrohung. Gunter Eichs "Träume" sind das bis heute wahrscheinlich spektakulärste Hörspiel der Radiogeschichte.

Als das berühmteste und spektakulärste Hörspiel von Günter Eich, dem bedeutendsten Rundfunk- und Hörspielautor der Nachkriegszeit, gilt bis heute sein Stück "Träume". Es markiert unbestritten den Neubeginn des künstlerischen Nachkriegshörspiels; produziert beim damaligen NWDR in Hamburg. Es beschreibt realistisch und rätselhaft verschlüsselt zugleich beunruhigende Alpträume, Szenarien fundamentaler Ängste, darunter die Furcht vor Deportation, Ausgrenzung, innerer Leere, atomarer Bedrohung. Eine künstlerische Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und deutbar auch als bedrohliche Visionen von der Zukunft des Menschen. Und so wurden Eichs "Träume" verstanden und missverstanden.

Die Ursendung von Günter Eichs Hörspiel "Träume" am 19. April 1951 begann um 20.50 Uhr, etwas später als gewöhnlich, "weil man die Kinder schon in den Betten wissen" wollte. Eine "mörderische Angelegenheit" sollte es laut "Spiegel"-Vorbericht werden, und tatsächlich schien es dies für manche zu sein. Der Nordwestdeutsche Rundfunk in Hamburg erhielt wütende Telefonanrufe und Beschwerdebriefe: "Wir haben da eben Ihr Hörspiel gehört, von dem Eich. Kann man den Mann nicht einsperren?"

Günter Eich in einem Porträt aus dem Jahr 1958

Fünf Szenen geben fünf Alpträume wieder. Die Szenen spielen je in einem der fünf Kontinente, und vor jeder wird in der nüchternen Sprache einer Nachricht von irgendeinem harmlosen Menschen berichtet, der den jeweils folgenden Alptraum erleidet. Ferner stehen am Anfang und Schluss des Hörspiels und zwischen den Szenen Gedichte mahnenden, ja beschwörenden Charakters.

Audio
39:44

Träume: Diskussion und Höreranrufe zur Ursendung im Jahr 1951

Günther Eichs fünf Alpträume lösten bei vielen NWDR-Hörern am 19.4.1951 einen Schock aus, der sich in einer Flut von Höreranrufen niederschlug. Auch die Diskussionsrunde im Anschluss an die Ursendung bezeugt den provokativen Umgang Eichs mit den Ängsten der Menschen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Audio (39:44 min)

1. Traum (1. - 2.8.1948, Schlossermeister Wilhelm Schulz, Rügenwalde, Hinterpommern):
Eine Familie aus Uralten, Alten und Kindern fährt, offenbar schon seit Jahrzehnten, im dunklen Güterwagen durch eine Welt, 'die es nicht gibt', da sie der Erinnerung der Eingeschlossenen längst entschwunden ist.

2. Traum (5.11.1949, Tochter des Reishändlers Li-Ven-Tshu in Tianzien):
In China verkaufen arme Eltern ihr sechsjähriges Söhnchen an einen reichen Greis, dem das Blut des Kindes sein Leben verlängern soll.

3. Traum (27.4.1950, Automechaniker Lewis Stone, Freetown, Queensland, Australien):
In einer australischen Siedlung erwarten die Einwohner in Todesangst 'den Feind'. Das Haus, in das er einzieht, wird von ihm mit allem Inhalt in Besitz genommen.

4. Traum (29.12.1947, Kartenzeichner Iwan Iwanowitsch Borislawski, Moskau):
Zwei Forscher im afrikanischen Busch verlieren nach einem köstlichen Essen Gedächtnis und Sprache.

5. Traum (31.8.1950, Lucy Harrison, New York):
Termiten benagen in unersättlicher Freßgier alles, höhlen jedes Ding und jeden Körper unbemerkt von innen her aus. Das geschieht drei Menschen in ihrer Wolkenkratzerwohnung in New York.

Weitere Informationen

75 Jahre Kriegsende: Die Nutznießer

06.05.2020 20:00 Uhr

Wie vollzog sich das Aussortieren jüdischer Mitbürger aus dem Alltag einer deutschen Stadt? Gesine Schmidt hat in Göttingen recherchiert und zahlreiche Dokumente für ein Doku-Hörspiel verdichtet. mehr

75 Jahre Kriegsende: Klaras Schrank

05.05.2020 20:00 Uhr

Klara Berliners Vater Joseph gründete mit seinem Bruder Emil die Deutsche Grammophon. Klara wurde im KZ Theresienstadt ermordet. Heute lebt die Familie Berliner in Amerika. mehr

75 Jahre Kriegsende: Ist das antisemitisch?

12.05.2020 20:00 Uhr

Wann kippt ein Gespräch? Wann schiebt sich Unterschwelliges nach oben? Wann ist eine Äußerung antisemitisch? Das Feature geht dieser komplexen Frage nach. mehr

Dieses Hörspiel steht ab dem 9. Mai zum Download bereit.

Mit Erich Schellow (Sprecher der Zwischentexte), Annegret Lerche (Sprecherin der Zwischentexte), Heinz Piper, Cay Dietrich Voss.
1. Traum: Eduard Marks, Lotte Klein, Wolfgang Rottsieper, Jo Wegener, Karin Lunau
2. Traum: Max Walter Sieg, Louise Dorsay, Helmuth Gmelin, Inge Schmidt, Dieter Döderlein
3. Traum: Herbert A. E. Böhme, Maria Janke, Michael Becker, Ursula Pietsch, Inge Meysel, Helmut Peine, Hermann Kner
4. Traum: Gerd Martienzen, Richard Münch, Heinz Suchantke, Josef Dahmen Mutter
5. Traum: Mirjam Horwitz-Ziegel, Dagmar Altrichter, Dietrich Haugk, Wilhelm Kürten, Hans Joachim Richter, Günther Dockerill, Georg Eilert
Komposition: Siegfried Franz
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Produktion: NWDR 1951 l 71 Min.
Redaktion: Michael Becker

Weitere Informationen
Podcast

NDR Hörspiel Box

Der Podcast zum Wegträumen und Wachwerden: Krimis und Klassiker, Literatur und Pop als Download. Alles in einer Box. mehr