Arzt hält Hände einer Parkinson Patientin © fotolia Foto: Ocskay Mark

Debatte zur Sterbehilfe und der Rolle der Kirchen

Stand: 20.11.2020 15:20 Uhr

Haben Menschen, die nicht an einer tödlichen Krankheit leiden, das Recht auf einen assistierten Suizid? Das Bundesverfassungsgericht sieht es so und hat das seit 2015 geltende Verbot organisierter Beihilfe zum Suizid gekippt. Doch Kirchen und Ethiker äußern Bedenken.

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von Florian Breitmeier

Im harten Kern der Diskussion um die Suizidbeihilfe geht es um die Frage: Was ist ein würdevoller Tod? Viele Menschen werden auf diese Frage vielleicht antworten, dass sie friedlich, schmerzfrei, von lieben Menschen gut begleitet, mit sich und anderen versöhnt sterben möchten. Es hat die Zeit gegeben, Konflikte anzusprechen, sie bestenfalls zu lösen. Die Kinder wissen, wie sich Mutter und Vater ihr Lebensende vorstellen und wie nicht. Es ist über den Tod gesprochen worden und nicht nur über die Frage, was mit dem Reihenhaus oder der kleinen Stadtwohnung geschehen soll. Aber eine Garantie für so ein versöhntes Lebensende gibt es nicht.

Enorme Herausforderung für die Kirchen

Eine ältere Frau schaut aus einem Fenster. © fotolia.com Foto: pololia
Viele Menschen fürchten sich vor der Einsamkeit, wenn sie an das Sterben denken.

Die eine Sterbenskranke setzt deshalb auf ihre gemachte Patientenverfügung. Der Andere fühlt sich durch seinen Glauben so gefestigt, dass ihn die Aussicht auf den sicheren Tod nicht verzweifeln lässt. Die Nächste hofft auf die liebevolle Fürsorge in einem Hospiz. Für einen Anderen wiederum steht fest, dass er allein entscheiden möchte, wann sein Leben endet: eben als finaler Ausdruck eines selbstbestimmten Lebens. Dies ist nun mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes möglich. Eine weitere Option für das Lebensende ist also hinzugekommen. Eine große Mehrheit der Deutschen begrüßt das und stellt sich damit zunächst einmal gegen die Position der Kirchen. Nun kann man nüchtern feststellen, dass dies in zunehmend säkularisierten Gesellschaften eben ganz normal ist. Die religiösen Moralvorstellungen prägen unseren Alltag heute weitaus schwächer als dies noch vor 50 Jahren der Fall war. Für die Kirchen stellt das Urteil zur Sterbehilfe also eine enorme Herausforderung dar. Und die Diskussion, wie sie mit diesem Urteil theologisch, seelsorglich, klug und empathisch umgehen sollen, ist im vollen Gange.

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Den Kirchen stellt sich dadurch die Frage womöglich ganz neu, wie sie Sterbende und Sterbenswillige begleiten möchten. So könnten sie in den Gemeinden Orte neu schaffen oder stärken, an denen auch Wut und Verzweiflung, Angst und Ohnmacht ihren Ausdruck finden dürfen: zum Beispiel im Hospiz, aber auch als Angebot einer ambulanten Seelsorge. "Trauergespräche" sind auch mit Lebenden möglich, nicht nur mit Hinterbliebenen. Seelsorgerinnen und Seelsorger, die nicht zwingend geweiht sein müssten, wären in diesen Momenten mehr Lernende und Zuhörende.

Sie müssten weder konkrete Sinnangebote machen noch schnellen Trost zusprechen. Tradierte Glaubensgewissheiten dürfen auch mal schweigen, wenn sie den Einzelnen einengen anstatt ihm befreiende Denkräume zu eröffnen. Diese Haltung könnte sinnbildlich Türen zu Menschen aufstoßen, die bewusst keinen Fuß in eine Kirche setzen.

Da sein ohne etwas zu verlangen

Denn auch Menschen, die für sich entschieden haben, einmal selbstbestimmt aus dem Leben scheiden zu wollen, können irgendwann das beklemmende Gefühl bekommen, selbst eingeschlossen zu sein in einem Gedankengebäude, das sie aus Angst vor Tod und Einsamkeit selbst um sich herum errichtet haben.

Seelsorgerinnen und Seelsorger könnten Sterbenswillige begleiten, ohne von ihnen zu verlangen, sich von ihrem Ziel loszusagen. Es wäre ein Ausdruck des Respekts und zugleich der christlichen Nächstenliebe.

Schritte zu einer neuen Trauerkultur

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Es wären Schritte hin zu einer neuen Trauerkultur auch in den Kirchen: präsent sein für die Starken und die Schwachen, für die Selbstbewussten und die Verzagten, die Zweifelnden, die Überzeugten und die Ängstlichen; da sein ohne etwas erreichen zu müssen. Dieser humane Indikativ des Da-Seins, des Mit-Fühlens, des Mit-Leidens ist konkreter und oft auch aufrichtiger als der entschiedene Imperativ des Sollens und Müssens. Es wäre dies auch eine Haltung, die der oft kalten Ökonomisierung des Gesundheitswesens mit pauschalen und diagnosebezogenen Fallgruppen etwas positiv Widerspenstiges entgegensetzen könnte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Glaubenssachen | 22.11.2020 | 08:40 Uhr

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