Stand: 05.03.2020 17:28 Uhr

Zwischen Blasphemie und Meinungsfreiheit

Ein 16-jähriges französisches Mädchen beschimpft auf ihrem Youtube-Kanal den Islam. Die Folge: Sie erhält Morddrohungen, muss mit ihrer Familie untertauchen. Der Fall "Mila" hat in Frankreich für großes Aufsehen gesorgt. Auch Präsident Macron schaltete sich ein. Was sagt dieser Fall über die Diskussionskultur in unserer Gesellschaft? Und was sagt der Koran zur Gotteslästerung? Ein Gastbeitrag der Publizistin Khola Maryam Hübsch.

Ein Kommentar von Khola Maryam Hübsch

Khola Maryam Hübsch © Khola Maryam Hübsch
"Blasphemie-Paragrafen dürfen niemals dazu missbraucht werden, die Meinungsfreiheit einzuschränken", findet Khola Maryam Hübsch.

Ist es erlaubt, Religionen mit Fäkalausdrücken zu belegen - oder gibt es Grenzen der Meinungsfreiheit? Auch scharfe oder plumpe Religionskritik muss erlaubt sein, selbst derbe Beleidigungen können niemals eine Rechtfertigung für Gewalt sein. Wir verrohen jedoch als Gesellschaft, wenn verbale Beschimpfungen - ob von Atheisten oder Gläubigen - akzeptabel werden. Inhaltliche Kritik kommt ohne wüste Schmähungen aus.

Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Wer böswillig herabwürdigt, was anderen heilig ist und den Kern ihrer tiefsten Glaubensüberzeugungen verächtlich macht, der greift auch ihre Würde an - die grundgesetzlich als unantastbar erklärt wird. Die Grenzen der Meinungsfreiheit, so Bundeskanzlerin Angela Merkel, "beginnen da, wo gehetzt wird, da wo Hass verbreitet wird (…), wo die Würde anderer Menschen verletzt wird".

Über die Autorin

Die Journalistin und Autorin Khola Maryam Hübsch wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren und hat in Mainz Publizistik, Psychologie und Germanistik studiert. Als Journalistin schreibt sie unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt" und "Die Zeit". Ihre Themenschwerpunkte sind Toleranz im Islam, Islam und Menschenrechte oder das Geschlechterverhältnis im Islam. Hübsch ist Mitglied der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Deutschland.
Aktuelles Buch: "Rebellion der Sehnsucht: Warum ich mir den Glauben nicht nehmen lasse", Herder 2018.

In Deutschland ist die Beschimpfung religiöser Bekenntnisse strafbar, wenn sie den öffentlichen Frieden zu stören droht. In Frankreich gibt es einen solchen Paragrafen nicht. In vielen sogenannten islamischen Ländern dagegen, wird Gotteslästerung bestraft. Die Blasphemie-Gesetzgebung führt dort zu einer massiven Einschränkung der Meinungsfreiheit, da sie häufig als Vorwand genommen wird, um Andersdenkende zu drangsalieren. Anders als in Deutschland sind Staat und Religion leider nicht immer getrennt, mitunter gibt es eine Staatsreligion. Bereits eine Auslegung des Korans, die nicht der orthodoxen Lesart der herrschenden Gelehrtenexegese entspricht, gilt dort als Beleidigung des Islam und wird teilweise unter Androhung der Todesstrafe geahndet. Diese Begrenzung der Redens- und Glaubensfreiheit ist eine Menschenrechtsverletzung, die nicht mit den Quellen des Islam zu rechtfertigen ist. Auch wenn religiöse Hardliner gerne den Eindruck erwecken, die Religion schützen zu wollen, widersprechen sie mit ihrer rigiden Strafpraxis doch dem Fundament der koranischen Botschaft. 

Keine Strafe für Blasphemie im Koran

Es gibt mehrere Stellen im Koran, die Gotteslästerung thematisieren. An zwei Stellen heißt es, Muslime sollen Versammlungen verlassen, in denen über Allah gespottet wird: "Wenn du jene siehst, die über die Zeichen Allahs töricht reden, dann wende dich ab von ihnen, bis sie ein anderes Gespräch führen." (6:69, vgl. auch 4:141).

Weitere Informationen
Mouhanad Khorchide © WWU / Peter Grewer

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Ein weiterer Vers ermahnt Muslime, selbst nicht über das Heilige anderer zu spotten (6:109). Auch Verleumdungen gegen Maria, die Mutter Jesu, werden verurteilt (4:157). Und sogar die Beleidigung des Propheten Muhammad durch einen Feind des Islam namens Abdullah bin Ubbay wird thematisiert (63:9). Es ist überliefert, dass Muhammad nach dem natürlichen Tod Abdullahs sein eigenes Hemd gab, um den Leichnam darin einwickeln zu lassen und sogar das Totengebet für diesen Spötter des Islam leitete.

Kein einziger der Verse des Korans fordert irgendeine Form der weltlichen Strafe für Blasphemie, es heißt lediglich: "Und ertrage in Geduld alles, was sie reden" (z.B. 73:10).

Sprachliche Gewalt muss verhindert werden

Extremisten, die ihr eigenes Heiliges Buch ignorieren, verhöhnen mit ihrer fanatischen Praxis den Islam mehr, als es die Beleidigung eines wütenden Mädchens zu leisten im Stande wäre. Die Morddrohungen gegen die französische Schülerin sind allerdings nicht nur ein Ausdruck religiösen Eifers. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron weist zu Recht darauf hin, dass Jugendliche stärker vor neuen Formen des Hasses im Internet geschützt werden müssen. Das gilt nicht nur in Frankreich: Hasskriminalität ist längst auch ein Teil der deutschen Realität und betrifft insbesondere Frauen, Homosexuelle, Schwarze und Menschen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Diese Rohheit der öffentlichen Debatte zeigt, dass auch die Enthemmung der Meinung ein Problem ist. Blasphemie-Paragrafen dürfen niemals dazu missbraucht werden, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Doch wenn sie Hass und Hetze gegen religiöse Minderheiten einen Riegel vorschieben, haben sie eine werteprägende Funktion. Sprachliche Gewalt muss verhindert werden, sie ist die Vorstufe zu einem Menschenhass, der über Leichen geht.

Schüler halten Plakate mit der Aufschrift "Meinungsfreiheit" in die Kamera. © NDR Foto: Torben Dreyer

AUDIO: Gibt es Grenzen der Meinungsfreiheit? (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.03.2020 | 15:20 Uhr

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