Stand: 24.09.2020 16:24 Uhr

Muslimische Männer - Paschas, Machos, Patriarchen?

von Ita Niehaus

Sexistisch, Frauen unterdrückend, bedrohlich - die gesellschaftspolitische Debatte über muslimisch geprägte Männer wird oft von Klischees und Vorurteilen bestimmt. Nicht erst seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht von 2015/2016. Dabei hinterfragen gerade jüngere muslimisch geprägte Männer in Deutschland traditionelle Rollenbilder und Vorstellungen von Männlichkeit. Mehr noch. Einige von ihnen setzen sich offensiv für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Zum Beispiel bei den "Heroes", den Helden, in Berlin.

Ein Mann geht die Straße entlang © dpa
Männerbilder sind in der muslimischen Community sehr vielfältig, sagt Michael Tunc von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Ein Vater kommt nach Hause und sucht seine Tochter Zeynep. Es ist nur ein Rollenspiel - eines von mehreren, das die Berliner Heroes in Workshops vor Jugendlichen in Schulen oder Jugendvereinen aufführen:

Sohn: "Zeynep ist nicht zuhause."
Vater: "Deine Schwester ist nicht zuhause und du spielst hier an der Playstation? Schämst du dich nicht, du Nichtsnutz? Habe ich dich zu so einem Mann erzogen?"

Der 23 Jahre alte Jura-Student Devrim hat schon öfters den Vater gespielt. Das Rollenspiel sei eine gute Möglichkeit, mit Jugendlichen offen ins Gespräch zu kommen. Gerade wenn es um Gefühle, um so sensible Themen wie Patriarchat, Ehre oder Geschlechterrollen gehe.

"Die kennen diese Situation und wir auch", sagt Devrim. "Diese Elemente des Elternteils, das lauter ist, das sehr viel über Angst arbeitet, über Aggression. Aber auch der unterdrückte Sohn. In dem Rollenspiel geht es um die Unterdrückung der Tochter - aber auch um den Jungen, der gespielt hat und jetzt seine Schwester holen soll, obwohl er das vielleicht gar nicht möchte."

"Klassische Rollenbilder haben keine Zukunft"

Muslim mit gesenktem Haupt beim Beten © Fotolia.com Foto: elmirex2009

AUDIO: Der muslimische Mann zwischen Tradition und Moderne (5 Min)

2007 gründete der Berliner Verein "Strohhalm" das geschlechtergerechte Projekt. Mehrfach wurde es bereits ausgezeichnet. Wie alle anderen Heroes hat auch Devrim eine Einwanderungsgeschichte. Ein Jahr wurde der Deutsch-Türke in einer kleinen Gruppe ausgebildet. Warum sich die Heroes für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzen? "Auf gut Deutsch: Weil uns die Dinge auf den Sack gehen", so Devrim. "Es ist einfach überfällig, dass die nächsten Generationen das nicht mehr durchmachen müssen. Wir konnten teilweise als Männer oder Jungen nicht die Menschen sein, die wir wollten, weil wir auch unterdrückt wurden."

Die klassischen Rollenbilder haben keine Zukunft, sagt der junge Muslim. Einige der Heroes sind, so Gruppenleiter Can Alpbek, sehr religiös, andere weniger. Alpbek macht bereits seit zehn Jahren mit bei der Initiative - inzwischen ist er fest angestellt: "Die Jungs argumentieren selten mit Religion, sondern es hat viel mehr damit zu tun, was von ihrem Geschlecht verlangt wird."

Vielfältige Männerbilder in der muslimischen Community

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Manchmal sind Devrim und Can Alpek genervt, wie hartnäckig sich Vorurteile und Stereotype gegenüber "dem" muslimischen Mann halten. Michael Tunc von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, hat zu Männlichkeiten, Migration und Islam geforscht. Er warnt davor, den Einfluss religiöser Traditionen zu überschätzen. Männerbilder seien in der muslimischen Community so vielfältig, wie in Deutschland insgesamt: "Es gibt Studien, die sagen, dass es eine Breite von Milieus gibt. Die gehen von einer traditionellen Gruppe aus, dann gibt es eine große Gruppe im Mittelfeld, die in bestimmten Bereichen traditionell ist, aber auch modern, die etwa eine liberale Erziehung der Kinder und vieles andere begrüßen. Es gibt aber auch eine kleine Gruppe moderner muslimischer Männer."

Moderne muslimisch geprägte Männer wie Devrim und Can Alpbek. In den Workshops möchten sie Jugendlichen einen Raum geben, die traditionellen Rollenbilder zu hinterfragen. Auch werden Tipps zur Gewaltprävention vorgestellt. Und natürlich soll den Jugendlichen und jungen Männern auch Mut gemacht werden, den eigenen Weg zu gehen. Can Alpbek hat festgestellt, dass viele junge Männer heute anders leben möchten als ihre Eltern und Großeltern: "Freier, selbstbestimmter, nicht mehr in starren Rollenbildern. Sie müssen aber immer wieder darauf achten, dass sie trotzdem ein traditionelleres Bild abgeben - unter Freunden, auf dem Schulhof oder im sozialen Umfeld außerhalb der Schule."

Bundesweit gibt es bisher nur wenige solcher Initiativen. Zehn weitere Städte haben inzwischen ebenfalls Heroes-Projekte aufgebaut. Im Herbst startet das erste Projekt in Norddeutschland, im Kreis Schleswig-Flensburg.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 25.09.2020 | 15:20 Uhr

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