Stand: 05.06.2020 14:23 Uhr

Muslimische Hilfsorganisationen in Zeiten von Corona

von Andrea Schwyzer

Die Corona-Pandemie stellt Hilfsorganisationen vor besondere Herausforderungen: Grenzen sind geschlossen, Transportwege unterbrochen; Medikamente, medizinische Geräte und Schutzausrüstung kaum zu bekommen. Und das sind nur einige von vielen Problemen. Islamisch organisierte Hilfsorganisationen konnten in den vergangenen Wochen immerhin auf die Spendenfreudigkeit muslimischer Gemeindemitglieder hoffen - der Fastenmonat Ramadan ist traditionell auch ein Spendenmonat. Doch wie war das in diesem besonderen Jahr?

Corona-Pandemie hat den Fokus verschoben

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Der Kinderarzt Mohammad Valeed Ahmed Sethi hat schon viele Geflüchtete medizinisch versorgt - u.a. in Malaysia, Griechenland und in Heimen in Thüringen.

Bildung ermöglichen, Brunnen und Schulen in Afrika bauen, ein Waisenhaus in Benin, aber auch Tafeln unterstützen und Blutspenden organisieren: Der Aufgabenbereich der Hilfsorganisation Humanity First ist normalerweise breit gefächert. Doch mit der Corona-Pandemie habe sich die Arbeit grundlegend verändert, sagt Mohammad Valeed Ahmed Sethi, Kinderchirurg in Hildesheim: "Als die Krise losging, hatten wir relativ schnell sehr viele Anfragen von überall auf der Welt bekommen, wo Hilfe benötigt wurde, zum Beispiel Gelder oder Schutzausrüstung. Unser gesamter Fokus hat sich plötzlich nur noch auf diese Corona-Pandemie konzentriert."

Mohammad Valeed Ahmed Sethi ist Vizedirektor der Global-Health-Abteilung bei Humanity First - eine Hilfsorganisation, die vor 25 Jahren auf Initiative der islamischen Gemeinde Ahmadiyya Muslim Jamat entstanden ist. Sethi betont aber, dass Humanity First konfessionsübergreifend Hilfe leistet: "Zum Beispiel in Malaysia, wo es kein eigenes Asylrecht gibt, sondern die Menschen auf ein UN-Asyl angewiesen sind, von dort aber keine Unterstützung im medizinischen Sektor und im Bildungssektor bekommen."

Essensrationen wurden verteilt, damit etwa die nach Malaysia geflüchteten Menschen aus Bangladesch, Pakistan, Afghanistan und die Rohingya-Muslime aus Myanmar nicht hungern müssen: "Das sind Tagelöhner, die darauf angewiesen sind, dass sie arbeiten können. Da gab es Situationen, wo Geflüchtete im Müll nach Essensresten suchen mussten, weil kein Geld mehr da war."

Fatale Folgen für Geflüchtete

Dass Organisationen wie Humanity First, Islamic Relief, Roter Halbmond, WEFA, muslimehelfen oder Hasene International während dieser Pandemie überhaupt Hilfe leisten können, ist mit großen Anstrengungen verbunden, erzählt Sethi. Und diese sind durch die Corona-Pandemie noch größer geworden. Entweder fehlen die entsprechenden Hilfsgüter oder sie können aufgrund von Flugverboten nicht geliefert werden - mit fatalen Folgen, wie Sethi am Beispiel des Kleinstaates Sao Tomé deutlich macht: "Inzwischen wurden von der WHO zwei Beatmungsgeräte dorthin gebracht. Wenn die zwei Beatmungsgeräte besetzt sind, wird jeder andere, der ein Beatmungsgerät braucht, keines bekommen."

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Darum sei für manche Menschen, etwa in Afrika, ein positiver Corona-Test so etwas wie ein Todesurteil. Immerhin habe Humanity First dank des engen Kontakts zur Ahmadiyya Muslim Jamat, die in über 200 Ländern tätig ist, vertrauenswürdige Ansprechpartner vor Ort, sagt Sethi. So komme wenigstens Geld sicher an - wenn es denn welches gibt: "Wir sind eine kleine Hilfsorganisation. Wir leben rein von Spendengeldern, wir erhalten keine staatliche Unterstützung, und die Anträge von den einzelnen Regierungen übersteigen im Moment unsere Kapazitäten. Wir brauchen die Unterstützung der breiten Gesellschaft, um diesen Bedarf abdecken zu können."

Welle der Solidarität

Unterstützung bietet die Fitrana, eine Spende, die gläubige Muslime am Ende des Fastenmonats Ramadan entrichten. Doch Sethi hat festgestellt, dass sich auch darüberhinaus nach Verunsicherung und Skepsis zu Beginn der Pandemie nun eine gewisse Welle der Solidarität bemerkbar macht: "Das spüren wir nicht nur innerhalb der Gemeinde, sondern auch innerhalb der Gesellschaft."

Auf einem kleinen Haufen von Euroscheinen liegt ein quadratischer weißer Zettel, auf dem handschriftlich etwas geschrieben steht. © NDR Foto: Torsten Creutzburg

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NDR Kultur - Freitagsforum -

Dass Hilfsorganisationen während der Corona-Pandemie überhaupt Hilfe leisten können, sei mit großen Anstrengungen verbunden, erzählt Mohammad Valeed Ahmed Sethi von Humanity First.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 05.06.2020 | 15:20 Uhr