Stand: 21.08.2020 12:00 Uhr

Anschlag von Hanau: Wie geht man mit der Erinnerung um?

Am 19. Februar tötete ein mutmaßlich rechtsextremistischer Täter in der hessischen Stadt Hanau zehn Menschen. Das Entsetzen und die Betroffenheit waren groß, an der Gedenkfeier für die Opfer nahmen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel teil. Sechs Monate ist das her - was ist seitdem geschehen, und wie geht man in Hanau mit der Erinnerung an den Anschlag um? Ein Gastbeitrag von der Publizistin Canan Topçu.

Hanau: Unter dem Brüder Grimm-Denkmal auf dem Hanauer Marktplatz wird an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar erinnert. © picture alliance/dpa Foto: Christine Schultze
Hanau: Unter dem Brüder Grimm-Denkmal auf dem Hanauer Marktplatz wird an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar erinnert.

"Die Opfer waren keine Fremden." Dieser Satz war bis vor ein paar Tagen auf einem riesengroßen Banner am Hanauer Rathaus zu lesen. "Die Opfer waren keine Fremden." Was für eine Aussage! Was für ein dummer Satz! Als ob es die Tat nachvollziehbarer und entschuldbarer machen würde, wenn die Ermordeten tatsächlich "Fremde" gewesen wären.

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Die Journalistin und Autorin Canan Topçu, 1965 in der Türkei geboren, lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland.

Sechs Monate nach dem "beispiellos rassistischem Anschlag", wie der ermittelnde Generalbundesanwalt unmittelbar nach der Tat erklärte, ist das Banner ausgetauscht worden. "Kein Platz für Rassismus und Gewalt. Hanau steht zusammen. Für Toleranz, Respekt und Zivilcourage" steht auf dem neuen Banner, das man vom Marktplatz aus sieht. Von dort also, wo das Gebrüder-Grimm-Denkmal steht. Am Fuße dieser sechs Meter hohen Statue ist ein Gedenkort für die Opfer entstanden. Es ist eine improvisierte Gedenkstätte mit Bildern der Toten, Kerzen und Blumen. Eine Gedenkstätte, die offensichtlich nicht alle dort haben möchten.

Respektlose Forderungen

Einer von ihnen ist der hessische Landtagsabgeordnete Heiko Kasseckert. In einem Gastbeitrag für den "Hanauer Anzeiger" plädierte der CDU-Politiker für eine "Rückkehr zur Normalität". Unterstützung erhielt er von der ehemaligen Hanauer Oberbürgermeisterin Margret Härtel. Es sei nicht gut, "die Erinnerung an diesen schrecklichen Tag mit Bildern, Aufklebern, Blumen und Kerzen im Hanauer Stadtbild dauerhaft aufrecht erhalten zu wollen", schreibt Kasseckert und schlägt als "einen angemessenen Ort der Trauer und Erinnerung" den Friedhof vor. Dort könne eine Gedenktafel angebracht werden. Der CDU-Politiker meint allen Ernstes, dass, "die Orte der Geschichte, die Hanau ebenfalls hat, wie am Marktplatz das Denkmal ihrer wohl bekanntesten Söhne, der Brüder Grimm, von dieser dunklen Umklammerung befreit" werden sollten.

Canan Topçu © NDR

AUDIO: Anschlag von Hanau: Wie geht man mit der Erinnerung um? (5 Min)

In Hanau sorgten die respektlosen Forderungen und Äußerungen des Landtagsabgeordneten für eine große Debatte. Bundesweit war davon nicht viel zu lesen - wie es auch sonst still geworden ist in der Berichterstattung über die Folgen des rassistisch motivierten Attentats und über den Stand der Ermittlungen. Die überregionalen Medien konzentrierten sich auf das Corona-Virus und seine Folgen.

Engagement gegen das Vergessen

In Hanau selbst hingegen wird der rassistische Anschlag jeden Tag aufs Neue in Erinnerung gerufen. Es sind vor allem zwei Gruppen, die dafür sorgen, dass die Tat nicht in Vergessenheit gerät und dass nicht zur Normalität übergegangen wird: Die Initiative 19. Februar, ein Zusammenschluss von Aktivisten aus der antirassistischen Arbeit, und der Verein "19. Februar", den einige Mitglieder des Kommunalen Ausländerbeirats und Hinterbliebene gegründet haben. 

Beide Gruppen kritisieren nicht nur, dass die Zivilgesellschaft viel zu wenig über den Stand der Ermittlungen erfährt; sie beklagen auch, dass die Politik es bei Lippenbekenntnissen belässt. Sowohl die Ereignisse der Tatnacht als auch der Polizeieinsatz müssten lückenlos aufgeklärt werden, fordern sie. Beide Gruppen engagieren sich dafür, dass Konsequenzen aus der Tat folgen und aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorgegangen wird.

Ein Armutszeugnis

Passiert ist bislang jedoch nicht viel. Sechs Monate dauerte es, bis die hessische Landesregierung bekannt gab, ein "Sonderprogramm Hanau 2020" ins Leben gerufen zu haben. Und erst nach sechs Monaten wird Ministerpräsident Volker Bouffier mit den Hinterbliebenen zusammenkommen. Dass Ende August dieses Treffen zustande kommt, ist übrigens den Akteuren des Vereins "19. Februar" zu verdanken, also den Hinterblieben. Sie mussten auf dieses Treffen drängen. Was für ein Armutszeugnis!

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NDR Kultur | Freitagsforum | 21.08.2020 | 15:20 Uhr

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