Stand: 11.10.2016 15:14 Uhr  | Archiv

Gift-Opfer kämpfen um Anerkennung

von Mareike Burgschat & Mareike Fuchs

Wenige Monate nach diesem Einsatz wird Heino Blesin von den ersten Fieberschüben heimgesucht, in den letzten Jahren bis zu zweimal die Woche, etliche Krankenhausaufenthalte folgen. Niemand findet eine Ursache für sein Leiden. Zwischenzeitlich heißt es sogar, seine Krankheit sei psychosomatisch. Aber bei einem, da sind sich Behörden und die Berufsgenossenschaft sicher: Von der "Oostzee" stammt sein Leiden nicht.

"Man wollte die Bevölkerung nicht beunruhigen, keine Panik verbreiten", sagt Gailana Lody. Ihr Mann Renke ist damals Leiter der zuständigen Wasserschutzpolizei. Bei seinem wochenlangen Einsatz rund um die Bergung des Schiffes trägt er gewöhnlich seine Uniform. "Wenn mein Mann abends nach Hause kam, das stank durchs ganze Haus", sagt Lody, "das war so stark, ich selbst hatte Augenreizungen und Atemprobleme", sagt sie. Ab da zog Renke Lody seine Dienstkleidung bereits vor der Haustür aus.

Augenreizungen und Atemschwierigkeiten

Der ehemalige Hafenarbeiter Heino Blesin © NDR Foto: NDR
Heino Blesin ist einer der Arbeiter, die 1989 auf der "Oostzee" arbeiteten. Danach erkrankte er, im Januar 2014 erhielt er die Diagnose Krebs.

Immer wieder klagen Beteiligte über gesundheitliche Probleme, Polizisten berichten von Atemschwierigkeiten, Fieberattacken, Augenreizungen. Hilfskräfte werden ins Krankenhaus gebracht, doch eine systematische Untersuchung ihrer Probleme von unabhängigen Ärzten gibt es nicht. Einige Wasserschutzpolizisten werden von den Betriebsärzten der Herstellerfirma Dow Chemical untersucht - doch wenn überhaupt, dann meist viel zu spät.

Wenige Jahre nach dem Ereignis erkrankt der damalige Hafenkapitän an Krebs und stirbt. Dann auch zwei Wasserschutzpolizisten, schließlich ein Koch, der lediglich an Bord eines Schiffes war, das regelmäßig Techniker zur "Oostzee" transportiert hatte.

Krebserkrankungen gelten nicht als Folge der "Oostzee"-Havarie

Die Gewerkschaft der Polizei schaltet sich ein, einzelne an Krebs erkrankte versuchen ihren Dienstherren zu verklagen - bisher ohne Erfolg. Zwar werden für einige Wasserschutzpolizisten akute Beschwerden wie Augenreizungen als Dienstunfall anerkannt, die Krebserkrankungen als Folge der "Oostzee"-Havarie jedoch immer wieder abgelehnt. Die Beweislast liegt bei den Betroffenen. Sie müssen nachweisen, dass die Ursache ihrer Krebs-Erkrankung in diesem Einsatz liegt. Doch Beweise gibt es kaum.

Dann, zehn Jahre nach dem Unglück bildet sich ein Landtagsausschuss. "Da hatte ich endlich Hoffnung, dass mal was passiert", sagt Blesin. Auch Renke Lody sagt aus. Doch außer diesen Aussagen können die Abgeordneten nicht viel untersuchen, denn "das Meiste an Unterlagen war ja weg", sagt Gailana Lody. Ein Großteil der Akten war bereits vernichtet worden. Die Landesregierung erklärt am 6. Juli 1999, "dass ein kausaler Zusammenhang zwischen den Krebsfällen und dem 'Oostzee'-Unfall nach dem derzeitigen Stand der medizinischen Forschung nicht wahrscheinlich ist".

Hohe Dunkelziffer an Krebserkrankungen vermutet

Im Jahr 2006 stirbt auch Renke Lody an Krebs. Nach Recherchen von Panorama 3 sind bis heute mindestens 17 Personen, die 1989 in Kontakt mit dem Schiff "Oostzee" standen, an Krebs erkrankt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weitaus höher. Wie viele Menschen Ephichlohydrin ausgesetzt waren, ist nicht genau bekannt. Nach Angaben des Landes Schleswig-Holstein bewegt sich die Zahl der an der Bergung beteiligten zwischen 138 und 280 Menschen.

Unklar ist, wer genau in diesen Schätzungen erfasst ist. Panorama 3 gelang es, die Spuren von etwa 50 Personen nachzuverfolgen, darunter Hafenarbeiter, Lotsen, Schlepperkapitäne, Polizisten oder Reporter. Erst eine wissenschaftliche Analyse könnte beweisen, ob die Krebsrate in diesem Fall deutlich erhöht ist. Die heutige Landesregierung sah sich vor unserer Veröffentlichung nicht in der Lage, unsere Fragen nach den weiteren Krebstoten oder nach fehlenden wissenschaftlichen Untersuchungen zu kommentieren.

Klage eingereicht

Im Jahr 2014 erhielt auch Heino Blesin seine Diagnose: Plasmozytom - ein Krebs im Rückenmark. Genau an der Stelle, an der seine Fieberschübe immer starteten. Die Diagnose Krebs, so erschütternd sie im ersten Moment auch war, hatte etwas Tröstliches. Er hat Recht gehabt, das war Blesin nun klar. Mittlerweile geht es ihm besser - die Krebsbehandlung schlug an. Er hat erneut Klage eingereicht und hofft, dass er den medizinischen Beweis am Ende doch erbringen kann.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 11.10.2016 | 21:15 Uhr

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