VIDEO: Leben mit Autismus: Heimbesuche in Zeiten von Corona (4 Min)

Menschen mit Behinderung: Der weite Weg zurück in den Alltag

Stand: 07.10.2020 17:51 Uhr

Luca ist ein 16-jähriger Jugendlicher mit frühkindlichem Autismus. Struktur und Gewohnheit sind für ihn und seine Familie besonders wichtig - und der Mangel daran in Corona-Zeiten eine große Prüfung.

von Lars Grüning

Nachdem die Corona-Pandemie den Alltag vor rund sechs Monaten völlig umgekrempelt hat, haben sich die meisten gesunden Menschen mit der "neuen Normalität" trotz vieler Einschränkungen und Probleme arrangiert. Sie haben sich damit nach und nach immer besser zurechtgefunden. Für Luca ist das deutlich problematischer. "Er versteht, was das Virus ist, verfolgt die Berichterstattung in den Nachrichten und ist sich über Situation und Lage im Klaren. Schwierig ist für ihn der Umgang damit. Er kann keine Maske ertragen, obwohl er weiß, dass das nötig wäre. Und die vielen verdeckten Gesichter, deren Mimik man nicht erkennen kann, verunsichern ihn", erzählt seine Mutter Alexandra Arnold.

Veränderungen sorgen bei Autisten immer für eine große psychische Belastung. Sie lösen Unsicherheit aus und bringen die Betroffenen in Stresssituationen. Und davon gibt es auch jetzt - nach mehreren Monaten mit Corona - immer noch mehr als genug. Für Luca und seine Familie entstehen dadurch Aufgaben, die sie in der Schule und auch zu Hause weiterhin bewältigen müssen.

Was tun, wenn die gewohnten Strukturen auf einmal weg sind?

Nachdem Anfang März die Schule Corona-bedingt unterbrochen wurde, musste ein Weg gefunden werden, um Luca im Homeschooling zu unterrichten. "Luca braucht eine sehr gute Struktur, um ruhig arbeiten zu können - und um ruhig zu sein. Diese Strukturen mussten wir erst einmal zu Hause aufbauen", beschreibt Alexandra Arnold. Als es dann wieder zurück in die Schule ging, blieb die Herausforderung für ihn weiterhin groß: manchmal zwei Tage, manchmal drei Tage Unterricht - und das immer wieder zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Seinen ersten allgemeinen Schulabschluss hat der Teenager gemeinsam mit seinen Eltern, seiner schulischen Begleitung und auch engagierten Lehrkräften erfolgreich gemeistert.

Die Prüfung nach der Prüfung

Luca (links) und seine Mutter Alexandra Arnold (rechts) sitzen im Außenbereich eines Cafés. © NDR Foto: Lars Grüning
Luca mit seiner Mutter Alexandra Arnold.

Die widrigen Umstände sorgten aber im Anschluss dafür, dass Luca aufgrund von Aufregung und Ängsten eine Woche fast nicht schlafen konnte und mehr als drei Monate kaum allein sein konnte. Auch für Alexandra Arnold und ihren Mann eine sehr herausfordernde Zeit: "Auch wir Eltern geraten unter Zugzwänge und Ängste. Und dazu diese Unsicherheit, dass ein eh schon mit Mühe aufrecht erhaltenes System ins Wanken gerät." Alexandra Arnold und ihr Mann, die beide im sozialen Bereich arbeiten und sich gut aufgestellt fühlen, wissen aber auch, dass es für viele andere Familien oder insbesondere für Alleinerziehende noch einmal deutlich schwieriger ist. "Familien mit Angehörigen, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben - das können Kinder, Erwachsende oder alte pflegebedürftige Eltern sein - sind im letzten halben Jahr ordentlich durchgeschüttelt worden", weiß Alexandra Arnold.

Not macht erfinderisch - Corona auch

Dadurch, dass Luca keine Maske tragen kann, fallen für Familie Arnold gemeinsame Aktivitäten, wie zum Beispiel Einkaufen, größtenteils aus. "Man weiß nie genau, auf wen man trifft", erklärt Alexandra Arnold. "Und wenn man sich einer Diskussion nicht aussetzen möchte, weil auch Menschen unterwegs sind, die die Umstände nicht verstehen - dann setzt man sich dem lieber nicht aus. Und das tun wir nach Möglichkeit auch nicht." Statt einer Maske trägt Luca T-Shirts, die extra für ihn bedruckt sind und auf denen erklärt ist, warum der Mund- und Nasenschutz fehlt. Ihm gefallen diese Shirts und sie erleichtern ihm auch den Auftritt in der Öffentlichkeit - schwierig bleibt es trotzdem.

Pauschale Lösungen gibt es nicht

Alexandra Arnold ist nicht nur Lucas Mutter, sondern auch die Geschäftsführerin des Lebenshilfe Schleswig-Holstein e.V., einem Fach- und Trägerverband. Es handelt sich aber vor allem um einen Eltern- und Selbsthilfeverein, der sich um die Interessen und die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung und deren Familien kümmert. Von ihrem Job weiß sie, dass die Probleme bei den Menschen, die Unterstützung brauchen, vielfältig sind. Konnten beispielsweise Alleinerziehende vorher von den Großeltern unterstützt werden, geht das zu Corona-Zeiten kaum noch. Dann stellt sich die Frage: Wer unterstützt jetzt?

Und wenn in Zeiten geschlossener Schulen die Schulbegleitungen zum Beispiel nicht zu Hause in den Familien helfen durften, stiegen die Anforderungen an die häusliche Organisation so weit, dass Eltern unbezahlten Urlaub nehmen oder auch Angst um ihre Jobs haben mussten. Von der Notwendigkeit, sich zu erholen und Kraft zu schöpfen, ist damit noch nicht mal die Rede.

Rat und Hilfe können Betroffene zum Beispiel bei Beratungsstellen finden. Das können die des Lebenshilfe Schleswig-Holstein e.V. sein, aber zum Beispiel auch Teilhabeberatungsstellen in anderen Landesteilen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 08.10.2020 | 19:30 Uhr

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