Stand: 29.03.2020 16:25 Uhr

So wirkt sich die Coronakrise auf die Gefängnisse aus

In der Justizvollzugsanstalt Itzehoe befinden sich zurzeit 32 Insassen. Außerdem arbeiten dort 28 Angestellte - momentan in Schutzkleidung. Neue Gefangene gibt es vorerst nicht. Wer jetzt in Itzehoe in Untersuchungshaft müsste, kommt vorher in einen speziellen Quarantänebereich in der JVA Lübeck. Erst nach zwei Wochen wechselt der Gefangene dann - sofern er symptomfrei ist - nach Itzehoe. Die Situation stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen. NDR Schleswig-Holstein Reporterin Vera Vester sprach mit Verena Serger, Leiterin der JVA Itzehoe, per Videotelefonie über den derzeitigen Alltag und den Herausforderungen.

Frau Serger, Sie haben ja schon generell einen speziellen Beruf in einem sehr sensiblen Umfeld. Jetzt kommt das Coronavirus dazu. Können Sie noch gut schlafen?

Verena Serger (links), Leiterin JVA Itzehoe, im Gespräch mit NDR Reporterin Vera Vester.
NDR Reporterin Vera Vester (r.) spricht per Video-Telefonie mit der Leiterin der JVA Itzehoe, Verana Serger.

Verena Serger: Es wird schwieriger. Es ist für alle Mitarbeiter in einer Vollzugsanstalt und auch für die Gefangenen eine große Herausforderung. Wir versuchen durch Zusammenhalt und durch immer neue Ideen alles zu regeln - zum Beispiel was wir zum Schutz der Gefangenen und der Bediensteten machen können. Aber es ist für uns alle eine neue Situation und wir wissen letztendlich gar nicht richtig, wie wir damit umgehen sollen.

Was machen Sie konkret?

Serger: Wir werden unseren Dienstbetrieb umstellen. Es gibt dann feste Teams in zwei Schichten, die dann zwölf Stunden am Stück arbeiten müssen. So haben wir möglichst wenig Kollegen gleichzeitig im Dienst und die Ansteckungsgefahr wird kleiner.

Die Gefangenen bekommen ja momentan keinen Besuch mehr. Was macht das mit den Insassen?

Serger: Wir wissen, dass es eine sehr schwere Situation für die Gefangenen ist. Wir müssen mit viel Fingerspitzengefühl auf die Gefangenen zugehen und ihnen Ängste nehmen. Sie können ja hier nicht raus, sie sind dem System ausgeliefert. Wir müssen aber trotzdem auch dafür sorgen, dass sie hier sicher untergebracht sind, dass sie auch in Haft bleiben und da nichts passiert. Wir sorgen aber dafür, dass sie jetzt länger und öfter telefonieren können. Wir ermöglichen auch Videotelefonie. Die Gefangenen verstehen die Situation. Sie haben Verständnis für alle Maßnahmen, die wir ergreifen.

Gibt es einen Plan, wenn ein Gefangener an Corona erkrankt? Kann er isoliert werden oder muss er außerhalb untergebracht werden?

Serger: Es wurde für Schleswig-Holstein eine breit gefächerte Regelung aufgestellt. Die Jugendarrestanstalt Moltsfelde in Neumünster ist extra für Gefangene vorgesehen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, dort gibt es dann keine anderen Insassen. Die erkrankten Gefangenen werden dorthin verlegt und untergebracht. Sie kommen erst zurück in ihre richtige Anstalt, wenn sie wieder gesund sind.

Es ist ja nicht absehbar, wie lange diese besonderen Maßnahmen auch bei Ihnen gelten werden. Inwieweit denken Sie drüber nach, dass die Lage doch mal eskalieren könnte?

Serger: Die Gedanken macht man sich natürlich. Es kann ja auch sein, dass ganz viele von meinen Kollegen erkranken und ich kaum noch Personal habe. Befürchtungen haben wir in alle möglichen Richtungen. Wir haben keinen Plan in der Schublade, sondern wir müssen wirklich uns immer neu darauf einstellen. Das ist auch das Besondere an unserem Job: Wir können nicht einfach ins Homeoffice gehen und abwarten, sondern wir müssen hier weiter arbeiten und weiter für geordnete Verfahren sorgen.

Das Interview führte Vera Vester.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 29.03.2020 | 19:30 Uhr

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