Corona-Testhelfer in Heimen: Jetzt kommen die Freiwilligen

Stand: 25.02.2021 17:57 Uhr

Erst Theorie, dann praktische Übung und danach Einsatz: In Kiel sind am Donnerstag die ersten Freiwilligen für den Einsatz als Testhelfer in Pflegeheimen eingewiesen worden. Ab Montag machen sie Abstriche.

Von Daniel Kummetz und Christian Schepsmeier

Die erste Übungsperson hat "schon ein bisschen was erlebt", wie der Schulungsleiter sagt. Ihre Augen sind an die Decke gerichtet - bevor der erste Seminarteilnehmer an ihr übt, wie man einen Rachenabstrich nimmt für einen Corona-Schnelltest. Die Puppe in der Akademie des Deutschen Roten Kreuzes in Kiel dient den angehenden Testhelfern in Pflegeheimen mehr zur groben Orientierung - damit sie wissen, wo sie mit ihrem Tupfer später hin müssen. Wie genau man den Abstrich von den Schleimhäuten nimmt, können sie hier nicht üben, denn deren Struktur sei nicht vergleichbar mit der eines echten Menschen, sagt der Dozent.

Einem Mann wird ein Abstrich im Nasenrachenraum gemacht. © Screenshot/SH MAG Foto: Screenshot
Übungssache: Die Freiwilligen lernen, wie der Abstrich für einen Corona-Schnelltest genommen werden muss.

Die Teilnehmer seines Kurses haben sich als Freiwillige gemeldet. Sie wollen die Bundeswehr-Soldaten ablösen, die gerade die Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen dabei unterstützen, die Testpflicht für Mitarbeiter und Besucher umzusetzen. Denn im Moment dürfen nur Negativ-Getestete ihre Freunde und Angehörigen besuchen. Über 200 Einrichtungen haben um Hilfe von der Bundeswehr gebeten, seit Ende Januar sind die Soldaten im Einsatz. Der war zunächst offiziell nur für drei Wochen angesetzt, dann sollten andere Tester übernehmen.

Fast 1200 Interessenten in Schleswig-Holstein

Doch es dauerte etwas länger als erwartet, bis die Suche nach Testhelfern richtig Fahrt aufgenommen hatte. Über die Bundesagentur für Arbeit konnten Freiwillige ihr Interesse für den Einsatz bekunden. Nach Angaben des Gesundheitsministerium haben sich allein für Schleswig-Holstein rund 1.200 Interessenten gemeldet - das Ministerium schätzt den Bedarf auf rechnerisch 167 Vollzeitstellen. Nach dem jüngsten Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz sollen die Soldaten spätestens Ostern durch zivile Helfer abgelöst worden sein.

Motivation: Helfen, Geld verdienen, raus kommen

In dem Kieler Seminarraum sitzen nun vier Interessenten. Ihre Motivation: Sie wollen helfen, im Lockdown etwas tun, unter Menschen kommen und Geld dazu verdienen. Die Arbeitsagentur hatte den Heimen eine Bezahlung von 20 Euro pro Stunden empfohlen. "Das ist leicht verdientes Geld", sagt Ergotherapeut Alexander Rass vor seiner Einweisung. Er arbeitet als Arbeitstherapeut in einer Justizvollzugsanstalt. "Und ich habe ein paar Sozialkontakte mehr - wenn ich zu Hause auf dem Sofa liege, fehlt mir das." Alexandra Sari ist sozialpädagogische Assistentin, arbeitet sonst in Kitas. Sie sagt: "Aufgrund der Corona-Situation möchte ich gerne alten Menschen helfen und anderen Menschen die Arbeit abnehmen, damit sie es leichter haben." Kevin Thomsen hat sich gemeldet, um "zur Überbrückung" zu helfen, bis sein Dienst als Soldat beginnt.

Ein Mann ist in einer Interviewsituation. © Screenshot/SH MAG Foto: Screenshot
Branchenfremd: Jens Rieper verkauft sonst Getränke, ist jetzt in Kurzarbeit und will etwas Sinnvolles tun.

Jens Rieper ist eigentlich Verkaufsleiter bei einem Getränkehändler - und in Kurzarbeit, denn sein Arbeitgeber lebt von der Gastronomie. "Damit habe ich bei dem Job nicht gerechnet", sagt er. Das Zuhause sitzen mache ihn auch nicht glücklich, er wolle sich einbringen, "agieren". Er findet es wichtig, Besuchern zu ermöglichen, ihre Angehörigen zu sehen. "Dass das entlohnt wird, das nehme ich gerne mit in der Kurzarbeit - doch in erster Linie geht es für mich darum, zu handeln und nicht nur nachzudenken - das ist wichtig in der Gesellschaft."

62 Freiwillige sind insgesamt als Corona-Tester unter Vertrag

Die vier sollen Montag anfangen, in Pflegeheimen zu testen. Insgesamt sind laut DRK, das die Einweisung und den Einsatz in Schleswig-Holstein koordiniert, aktuell 62 Freiwillige unter Vertrag. Viele der 200 Einrichtungen hätten interne Lösungen für die Zeit nach Ende der Unterstützung durch die Bundeswehr entwickelt, schreibt das Deutsche Rote Kreuz. Neben der großen Bund-Länder-Aktion gibt es weitere Initiativen, um Pflegeheime zu unterstützen. Die Pflegekammern in Deutschland sammeln auf der Website pflegereserve.de etwa vor allem die Daten von Menschen mit Pflegeerfahrung, die derzeit noch nicht im Einsatz sind, aber bereit wären, in der Pandemie in Einrichtungen zu helfen. In Schleswig-Holstein sind laut Pflegekammer schon 90 Menschen vermittelt worden, 220 weitere stünden bereit, so ein Sprecher.

Die Puppe in der Akademie ist nicht das Ende der Einweisung - die Teilnehmer müssen sich gegenseitig testen. Sie lernen, wie weit das Stäbchen mit Mini-Bürste in die Nase geführt werden muss, wie sie es drehen müssen, um eine gute Probe zu bekommen. Die Augen verdreht hier keiner der Teilnehmer. Aber schlucken müssen manche schon.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.02.2021 | 19:30 Uhr

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