Stand: 04.03.2020 10:48 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Zur Sache: Antisemitismus in Schleswig-Holstein

von Michael Frömter

Menora-Leuchter in einer Jüdischen Synagoge. Chanukkia Kerzenständer © NDR Foto: Julius Matuschik
Nach Angaben der jüdischen Gemeinden leben derzeit zwischen zwei- und dreitausend Menschen jüdischen Glaubens in Schleswig-Holstein.

Antisemitismus und Rassismus sind wieder brandaktuelle Themen. "Nicht erst die schrecklichen Taten von Halle und Hanau haben uns gezeigt, dass Rassismus und vor allem Antisemitismus im Besonderen mehr als nur Gift in den Köpfen sind", sagte Kultusministerin Karin Prien (CDU) jüngst auf einer Pressekonferenz. Blinder Hass und menschenverachtende Sprache machen sich wieder breit, so die Ministerin. Dem müssten sich die Schleswig-Holsteiner entschieden entgegenstellen. Grund genug gibt es, denn 75 Jahre nach dem Holocaust wird der Antisemitismus wieder sichtbar: Beleidigungen, Schmierereien und Übergriffe nehmen zu.

Das antisemitische Denken gebe es schon immer, sagt János Darvas von der Jüdischen Gemeinde Kiel in einem Interview mit den Kieler Nachrichten: "In den letzten Jahren sind antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit und in den Medien doch mehr an die Oberfläche gekommen - über lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass antisemitisches Sprechen und Schreiben in Deutschland eigentlich fast tabuisiert war." Das habe sich geändert, seit es die AfD gebe, sagt Darvas.

Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein

Auf einem jüdischen Friedhof  liegt feuchtes Herbstlaub auf einem Grab mit dem Davidstern. © picture alliance / dpa Foto: Martin Schutt

AUDIO: Antisemitismus in Schleswig-Holstein (61 Min)

Nach dem Krieg, und vor allem nach dem Holocaust, leben in Schleswig-Holstein zunächst noch - beziehungsweise wieder - etwa 800 Juden, davon etwa 100 in Lübeck und mehr als 60 in Kiel. Doch fast alle, die nicht alt oder krank sind, reisen aus, suchen einen Neuanfang in Übersee oder Israel. 1955 leben nur noch 130 Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft im nördlichsten Bundesland, registrierte Gemeindemitglieder sind es noch weitaus weniger. Die letzte jüdische Institution in Schleswig-Holstein, "Die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein", löst sich 1968 auf - die Juden hierzulande werden von der "Jüdischen Gemeinde in Hamburg" betreut. Erst seit den 1990er Jahren steigt die Anzahl der Juden in Schleswig-Holstein wieder leicht an. Nach Angaben der jüdischen Gemeinden leben derzeit zwischen zwei- und dreitausend im nördlichsten Bundesland. Sie organisieren sich in neun jüdischen Gemeinden im Land - die größten sind in Lübeck und Kiel. Öffentlich treten schleswig-holsteinische Juden kaum in Erscheinung, leben ihren Glauben eher abgeschieden. Auch die Synagogen sind oft kaum zu erkennen. Ein Grund scheint die Angst vor Anfeindungen zu sein, nicht nur aus der rechtsradikalen Szene, sondern zunehmend auch aus dem islamistischen Umfeld, sagen Soziologen.

Dem Antisemitismus begegnen

"Das beste Mittel gegen Antisemitismus ist, Empathie zu vermitteln," sagt Kultusministerin Karin Prien. "Wir müssen häufiger zeigen, was jüdisches Leben in Schleswig-Holstein ist. Und wo es in unserem Alltag präsent ist." Dafür sind mehr Informationen und mehr Verständnis sowie eine aktive Öffentlichkeitsarbeit der Jüdischen Gemeinden erforderlich.

Wie das konkret aussehen kann, soll noch erarbeitet werden. Dafür hat die Landesregierung  mit dem Ex-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen jetzt einen "Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus" berufen. Carstensens erster großer öffentlicher Termin ist der 2. April in Lübeck. Dann wird in der Hansestadt zusammen mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und der jüdischen Gemeinde mit einem großen Fest die Carlebach-Synagoge wieder eingeweiht.

Toleranz und Akzeptanz sind geboten

Weitere Informationen
Podcast Bild für die Sendung "Zur Sache". ©  Roman Gorielov/fotolia Foto:  Roman Gorielov

Podcast: Zur Sache

Jeden Sonntag diskutieren Experten in der Sendung "Zur Sache" von 18 bis 20 Uhr über das Thema der Woche. Auch die Meinungen und Fragen der Hörerinnen und Hörer sind gefragt. mehr

Der Antisemitismus – ein unsägliches Phänomen, das sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte zieht, nicht nur in Deutschland. Im Zeichen der Aufklärung trat in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine kleine Gruppe von Dichtern und Autoren der traditionellen Judenfeindschaft entgegen. "In Romanen und auf der Bühne stellten sie Juden nun nicht mehr – wie bis dahin üblich – als Schurken dar, sondern als normale (oder gar) vorbildliche Menschen", heißt es in den Informationen 307 der Bundeszentrale für politische Bildung. Als Beispiel wird der Dichter Gotthold Ephraim Lessing angeführt. Er schuf mit seinem Werk "Nathan der Weise" 1779 das Modell eines gelungenen Umgangs der großen Weltreligionen miteinander. Und der Historiker Theodor Mommsen aus dem Herzogtum Schleswig formulierte es etwa 100 Jahre später so: "Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille (= der Halunken, red). Er ist wie eine schauerliche Epidemie. Man kann ihn weder erklären noch teilen. Man muss geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert." Doch dabei soll und darf es heute nicht bleiben, so die Überzeugung der Politik.

Was kann man gegen Antisemitismus tun? Wie können Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen mehr Verständnis füreinander entwickeln? Wie leben Juden in Schleswig-Holstein? Das haben wir in Zur Sache auf NDR 1 Welle Nord diskutiert: Gäste im Studio bei Moderator Michael Frömter waren der "Beauftragte für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus" in Schleswig-Holstein, Peter Harry Carstensen, und Walter Joshua Pannbacker vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 08.03.2020 | 18:05 Uhr

Podcast Bild für die Sendung "Zur Sache". ©  Roman Gorielov/fotolia Foto:  Roman Gorielov

Podcast: Zur Sache

Jeden Sonntag diskutieren Experten in der Sendung "Zur Sache" von 18 bis 20 Uhr über das Thema der Woche. Auch die Meinungen und Fragen der Hörerinnen und Hörer sind gefragt. mehr

Montage Jahresrückblick: Nachrichtenbilder aus den Bundesländern Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern in einem Filmstreifen © dpa, Fehmarnbelt Development Joint Venture Foto: Jochen Lübke, Jens Wolf, Jens Ressing

Die Themen im Überblick

Mitschnitte, Zusammenfassungen, Hintergrundberichte - alles zu den Sendungen "Zur Sache" zum Nachlesen und Nachhören. mehr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Die erste von fünf neuen Korvetten für die Deutsche Marine wird auf der Peene-Werft in Wolgast auf Kiel gelegt. © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer

Korvettenbau: Milliarden-Auftrag für Kieler Werften?

In Berlin diskutieren Politiker, ob die Deutsche Marine fünf neue Schiffe vom Typ K130 bekommt - oder die ersten Boote der Serie überholt werden. Vieles spricht nach NDR Information für den Neubau. mehr

Eine Person macht einen Abstrich im Rachenraum bei einer anderen Person. © photocase Foto: rclassen

20 neue Corona-Fälle in Schleswig-Holstein

Seit Beginn der Pandemie sind in Schleswig-Holstein 4.420 Coronavirus-Infektionen nachgewiesen worden. Das sind 20 Fälle mehr als am Tag zuvor. Die Zahl der Todesfälle ist unverändert. mehr

Jubel bei Hampus Wanne von der SG Flensburg-Handewitt © imago images / Beautiful Sports

Flensburg-Handewitt will in Paris endlich punkten

Flensburg-Handewitt duelliert sich seit 2015 jährlich in der Champions League mit Paris Saint-Germain. Auswärts gab es für die SG bis dato nicht zu holen. Das soll sich am Mittwoch ändern. mehr

Portrait des Bürgermeisters Stefan Ploog der Gemeinde Kropp. © Stefan Ploog

Ploog bleibt Kropper Bürgermeister

Stefan Ploog ist am Sonntag für weitere sechs Jahre zum Bürgermeister von Kropp im Kreis Schleswig-Flensburg gewählt worden. Er war wie bereits 2014 der einzige Kandidat. mehr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein