Sülfelder Handballerinnen für Mut gegen Rechts ausgezeichnet

Stand: 27.01.2021 17:31 Uhr

Die Sülfelder Handballerinnen ließen sich von Nazis nicht aus der Ruhe bringen. Nun wurden sie für ihre Courage ausgezeichnet.

Im Oktober 2019 stand ganz Sülfeld (Kreis Segeberg) unter Schock. Bürger waren von einem Rechtsextremen attackiert worden, als sie im Ort Aufkleber mit rechten Parolen entfernten. Von da an sei die Angst umgegangen und die Frage, wie man sich jetzt verhalten solle, erinnert sich Florian Naumann, der Trainer der Sülfelder Handballdamen. Flagge zeigen, oder still halten? Ein Heimspiel stand an. Es gab Überlegungen, das Spiel abzusagen. Aus Angst, dass Nazis Stress machen könnten. Doch die 14 Handballerinnen vom SV Sülfeld entschieden sich eine Woche vor dem Spiel für das Gegenteil. "Jetzt erst recht!" sagten sie sich und luden alle dazu ein, sie durch ihr Kommen zu unterstützen. Nun gab es für ihr couragiertes Verhalten eine Auszeichnung.

Für den Mut, sich gegen Gewalt, politische Hetze und Rassismus zu engagieren

Vom Verein "Oldesloer Jugend Courage Preis" ist der Vorsitzende Wolfgang Abel gekommen. "Eigentlich wollten wir den Preis am 9. November in Bad Oldesloe verleihen. Wegen der Corona-Beschränkungen mussten wir verschieben." Noch länger wollten sie nicht warten. Die Preisverleihung findet deshalb ohne Publikum und draußen vor der Sülfelder Sporthalle statt. Die mit 1.000 Euro dotierte Auszeichnung wird für Projekte von jungen Menschen vergeben, die Erinnerungsarbeit leisten, für gesellschaftliche Solidarität und den Erhalt der Umwelt eintreten oder die sich mutig gegen Gewalt, politische Hetze und Rassismus engagieren - so wie die Sülfelderinnen.

Wolfgang Abel wird konkret und lobt: "Ihr habt euch in besonderen Maße um die Demokratie verdient gemacht und seid durch euer Handeln Vorbild für andere." Spielerin Lara Zube erklärt bescheiden: "Es ist eigentlich gar nicht ein Preis für uns als Mannschaft, sondern, wie ich finde, für die ganze Gemeinschaft. Der Preis spiegelt wieder, dass das ganze Dorf Sülfeld Courage gezeigt hat."

Drei Nazis klebten Aufkleber überall im Dorf

Sie gehen noch mal durch den Ort. Drei der Spielerinnen des SV Sülfeld und ihr Trainer. "Die Aufkleber waren überall im ganzen Dorf, hauptsächlich an der Hauptstraße, wo man das natürlich auch sieht, aber auch in den Nebenstraßen auf Postkästen.", erzählt Jennifer Knust. Sie meint die Aufkleber mit der Aufschrift "Aryan Circle" ("Arischer Zirkel"). "Hier an der Bushaltestelle und an Laternenpfählen an der Hauptstraße. Auch bei der Kirche. " Damit fing alles an - die Konfrontation mit dem polizeibekannten Rechtsextremen beim Entfernen der Aufkleber und die Unsicherheit im Ort.

Ein Dorf kommt zusammen: "Sülfeld ist bunt - wir sind mehr!"

Doch die Sülfelder Handballerinnen ließen sich nicht einschüchtern. Am 26. Oktober war es dann soweit: das Heimspiel stand an. Spielerin Lena Ewen erinnert sich: "Das war völlig verrückt. Es waren so viele Menschen zu unserem Spiel gekommen, wie noch nie. Normalerweise kommen vielleicht 150. An dem Tag waren es 800." Sie waren dem Motto der Handballerinnen in die Sporthalle gefolgt: "Wir sind bunt, wir sind mehr". Damit wollten alle gemeinsam ein Zeichen gegen Rechts setzen. Außerdem kam der damalige Innenminister Schleswig-Holsteins Hans-Joachim Grote (CDU) und dankte den Sportlerinnen für ihre Initiative.

Das Handballspiel als Dammbruch - Aus Angst wird Mut

Die Bushaltestelle, an der heute noch die Kratzspuren von den entfernten Aufklebern zu erkennen sind, liegt direkt neben der Sülfelder Kirche. Auch dort hatten die Nazis ihre Aufkleber angebracht. Pastor Steffen Paar kommt heraus, um mit dem Spielerinnen und dem Trainer zu sprechen: "Dieses Spiel war für mich wie ein Dammbruch. Da setzen sich auf einmal die Frauen mit ihrem Trainer in Bewegung und sagten: "Wir gehen nicht weg, wir zeigen unser Gesicht und sagen, das hat in Sülfeld kein Platz" und auf einmal wurde was ins Rollen gebracht." Er findet, die Handballdamen haben den Preis mehr als verdient. Denn durch das Spiel für Vielfalt im Oktober 2019 habe sich im Dorf einiges verändert, erzählt Paar. Nicht nur haben sich die Nazis weitgehend zurückgezogen. Das Dorf sei auch enger zusammengerückt. Es gab ein Musikfestival gegen Rechts, Fortbildung für Zivilcourage, Kaffeenachmittage, außerdem unterzeichneten Vereine und Gemeindevertretung eine gemeinsame Erklärung gegen Intoleranz und rechte Gewalt. Alle seien wachsamer geworden und wissen jetzt: Sülfeld steht zusammen - gegen Nazis.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 27.01.2021 | 19:30 Uhr

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