Eine Pflegekraft reicht einer im Bett liegenden Person Tabletten und ein Wasserglas © Picture Alliance | Zoonar | lev dolgachov Foto: Zoonar | lev dolgachov

Überhöhte Gebühren für Azubis? Pflegeverband distanziert sich

Stand: 06.07.2021 14:49 Uhr

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) will vorerst keine weiteren Pflege-Auszubildenden über die Agentur LIA rekrutieren. Grund sind hohe Gebühren, die vietnamesische Azubis gezahlt haben.

von Johannes Tran

Es sind deutliche Worte, die der bpa-Landesvorsitzende Mathias Steinbuck findet: "Direkte Vermittlungsprovisionen für Pflege-Auszubildende sind für uns absolut inakzeptabel." Steinbucks Verband vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von mehr als 600 privaten Pflegeeinrichtungen in Schleswig-Holstein. Recherchen von NDR Schleswig-Holstein hatten ergeben, dass Azubis aus Vietnam hohe Gebühren an eine Agentur zahlten, mit der auch der bpa kooperierte. Der Name: Leading International Activation, kurz LIA.

Hohe Kosten für den Weg nach Deutschland

So berichteten mehrere Azubis, die über LIA nach Deutschland gekommen waren, von Gebühren in Höhe von 10.000 Euro. In Vietnam entspricht das in der Regel mehreren Jahresgehältern. Manche Azubis mussten sich nach eigenen Angaben hoch verschulden, um das Geld an die Agentur zahlen zu können und eine Pflege-Ausbildung in Deutschland zu beginnen.

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Im Gegenzug kümmerte sich LIA um alle Formalitäten. Die Agentur half den Azubis in Vietnam etwa beim Visumantrag und organisierte Deutschkurse. Außerdem zahlte sie das Flugticket und suchte für die Vietnamesen einen Ausbildungsplatz sowie eine Wohnung in Deutschland. Ohne die Hilfe der Agentur, so sagten es mehrere Auszubildende, hätten sie es nicht nach Deutschland geschafft.

Verband kritisiert mangelnde Transparenz

"Wir wussten nichts von solchen Vermittlungsgebühren", sagt bpa-Landeschef Steinbuck. Es sei zwar vertretbar, bestimmte Gebühren von den Auszubildenden zu erheben, etwa für einen Deutschkurs oder Hilfe beim Visumantrag, nicht aber solche für die Vermittlung eines Ausbildungsplatzes in Deutschland. Derartige Provisionen sind nach deutschem Recht unzulässig.

Im Februar hatte der Verband mitgeteilt, 17 Vietnamesinnen und Vietnamesen hätten im Rahmen der Kooperation mit LIA eine Pflege-Ausbildung in Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) begonnen. Es dürfte die vorerst letzte Zusammenarbeit des bpa mit LIA gewesen sein. Steinbuck sagt, sein Verband habe bei der Agentur nachgefragt, ob Vermittlungsgebühren fällig wurden, und eine Aufschlüsselung der Kosten eingefordert. "Diese Nachfragen wurden leider nicht in der von uns gewünschten und notwendigen Offenheit und Transparenz beantwortet."

Bpa will Anforderungen an Agenturen verschärfen

Deshalb werde der bpa nicht mehr mit LIA zusammenarbeiten, "solange dieser Verdacht nicht ausgeräumt ist". Das gelte ebenso für die Landesverbände in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Weiter schreibt Steinbuck, der bpa werde "alles daran setzen, dass den Auszubildenden die Gebühren so weit wie möglich erstattet werden". Bei künftigen Kooperationen mit Agenturen wolle der bpa stärker darauf achten, "dass auch keine Dritten, die zum Beispiel im Herkunftsland beteiligt sind, entsprechende Vermittlungsprovisionen erheben dürfen".

Wohin das Geld der Pflege-Auszubildenden tatsächlich geflossen ist, liegt im Dunkeln. Laut dem Vertrag der Azubis mit der Agentur wurden die Gebühren an LIA in Vietnam gezahlt. Daher dürfte es für den bpa schwierig sein, eine Rückerstattung durchzusetzen. Die Chefin von "LIA Beratung und Übersetzung" in Deutschland, Thi Van Anh Ohsieck, die hierzulande etwa den Kontakt zu den Ausbildungsstätten herstellt, beteuert, selbst kein Geld von den Azubis erhalten zu haben.

Chefin von LIA Deutschland: Habe Fragen transparent beantwortet

Ob das stimmt, ist fraglich. Eine Vietnamesin, die über LIA nach Deutschland gekommen ist, erklärte NDR Schleswig-Holstein eidesstattlich, sie habe im Auftrag von LIA Vietnam mehrere Tausend Euro Bargeld nach Deutschland gebracht und Ohsieck hier übergeben. Ohsieck bestreitet das. Wenn die Darstellung der Vietnamesin zutrifft, wäre Ohsiecks Aussage widerlegt, die Geschäfte von LIA Vietnam und LIA Deutschland seien klar voneinander getrennt.

Ohsieck weist zudem den Vorwurf des bpa zurück, Nachfragen zu Vermittlungsgebühren nicht offen beantwortet zu haben. Über eine Anwaltskanzlei lässt sie mitteilen, sie habe alle geforderten Unterlagen vorgelegt und Nachfragen transparent beantwortet. Weiter schreibt die Kanzlei, Ohsieck habe "keine Vermittlungsgebühren erhalten und kann diese daher auch nicht erstatten".

Verband: Sind auf professionelle Agenturen angewiesen

Vieles spricht dafür, dass das Geschäft von Vermittlungsagenturen mit Pflege-Auszubildenden aus Vietnam weiterlaufen wird. Ohsieck tritt seit diesem Jahr zusätzlich als Chefin einer neu gegründeten Agentur namens VICAT auf. Auf ihrer Internetseite wirbt die Firma ausdrücklich um Pflegeeinrichtungen in Deutschland, die unter Personalmangel leiden. Vermittlungsgebühren von den Auszubildenden erhebe Ohsieck dabei nicht, heißt es von ihrer Anwaltskanzlei.

Der bpa-Landesvorsitzende Steinbuck sagt, vor allem kleine Unternehmen seien auf externe Dienstleister angewiesen, um neue Pflege-Auszubildende zu gewinnen: "Wir werden uns weiter professioneller Agenturen bedienen müssen." Auf eigene Faust Auszubildende aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, das sei für viele Einrichtungen schier unmöglich.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.07.2021 | 07:00 Uhr

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