Stand: 09.01.2020 07:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Medikamententests an Kindern: Weil es billiger war

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In Schleswig-Holsteins Krankenhäusern wurden seit den 50er-Jahren Heimkinder für Medikamententests missbraucht.

Es ging um Geld: Ärzte an landeseigenen Kliniken haben in der Nachkriegszeit neue Medikamente an Heimkindern und Psychiatriepatienten getestet. Profitiert haben die Pharmafirmen, die dank der Versuche mehr über Nebenwirkungen erfuhren und neue Absatzmärkte erschlossen. Profitiert haben aber auch das Land und dessen Kliniken, weil sie die neuen Präparate kostenlos oder stark vergünstigt bekamen. Zu dem Ergebnis kommen Forscher des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Uni Lübeck. Christof Beyer, einer der beteiligten Forscher, sieht einen der Gründe für die Zusammenarbeit in der "desolaten Situation" der Landeskrankenhäuser und der psychiatrischen Kliniken in Schleswig-Holstein in der Nachkriegszeit: "Personelle Unterversorgung und überfüllte Kliniken haben es begünstigt, dass Patienten ruhiggestellt werden sollten." Auch mithilfe von Medikamenten in der Erprobungsphase.

 

Einsatz von Testsubstanzen aufgrund knapper Haushaltsmittel

In einem noch unveröffentlichten Zwischenbericht dokumentierten die Lübecker Forscher den "systematischen Einsatz von kostenlosen 'Ärztemustern' und Testsubstanzen aufgrund knapper Haushaltsmittel" in der Nachkriegszeit - eine "Sparmaßnahme". Bis 1970 unterstanden die Landeskrankenhäuser direkt der Haushaltsplanung des Landes Schleswig-Holstein. Grundlage des Berichts sind Archivunterlagen der Pharma-Konzerne und der Klinikverwaltungen sowie Fachaufsätze der beteiligten Ärzte, in denen sie über ihre Erfahrungen mit den neuen Medikamenten berichten. "Der Eindruck ist, dass regelhaft auf Ärztemuster oder stark reduzierte Präparate zurückgegriffen wurde, weil der Medikamentenetat der Landeskrankenhäuser so knapp gewesen ist", sagt Christof Beyer.

Tests zeigen schwere Nebenwirkungen

Im Rahmen von Versuchsreihen fanden die Ärzte dabei auch mehr über mögliche Nebenwirkungen der neuen Medikamente heraus: In Fachaufsätzen aus der Zeit finden sich Belege für "Atemstillstand", "Kollaps", "psychische Störungen". Hinweise auf eine Aufklärung der Patienten oder deren Einwilligung habe man in keinem der Dokumente gefunden. Das sei typisch für die Zeit gewesen, so Beyer: "Patienten wurden damals häufig als Objekte und Krankheitsträger und nicht als Menschen im Sinne einer ganzheitlichen Medizin behandelt. Der Medikamenteneinsatz ist ein Symbol der Unrechtsverhältnisse, die damals in der Psychiatrie vorgeherrscht haben."

Auch Bayer-Substanzen wurden getestet

Unter den beteiligten Konzernen finden sich eine ganze Reihe großer Pharma-Unternehmen. Im speziellen berichten die Forscher von Hinweisen "auf die Etablierung eines Verbundes zur Prüfung von Bayer-Substanzen". Dieser habe aus dem Landeskrankenhaus Schleswig, Kliniken in Emmendingen (Baden-Württemberg), Bremen, Landeck (Rheinland-Pfalz) und Bethel (Nordrhein-Westfalen) bestanden. Die Pharmaunternehmen honorierten teilweise die beteiligten Ärzte für den Test der Medikamente. Zwei Ärzte des Klinikums in Schleswig bekamen demnach monatlich 600 D-Mark für die Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen.

Hinweis auf ein "Forschungskonto Schleswig"

Im Bayer-Archiv finde sich zudem ein Hinweis auf ein "Forschungskonto Schleswig", schreiben die Forscher. Es sei noch nicht klar, was es damit auf sich habe. Bayer hatte sich auf frühere Anfragen des NDR Schleswig-Holstein bislang nicht konkret zu der Zusammenarbeit mit den Kliniken in Schleswig-Holstein geäußert. Heute verweist der Konzern erneut darauf, dass man bei internen Recherchen bislang keine entsprechenden Dokumente gefunden habe.

Hintergrund
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Opfer leiden noch heute unter den Folgen der Versuche

Zusammenarbeit zwischen Pharmaindustrie und Ärzten gab es dem Bericht zufolge nicht nur am Landeskrankenhaus Schleswig, sondern in weitaus größerem Umfang als bislang bekannt - zum Beispiel am LKH Neustadt, am LKH Heiligenhafen, an der Universitäts-Kinderklinik Kiel, der Universitäts-Frauenklinik Kiel sowie Kliniken in Lübeck und Rickling. Die ehemaligen Heimkinder und Psychiatriepatienten leiden teilweise noch heute unter den Folgen der Versuche. Dabei ist fraglich, ob der Umgang mit Medikamenten in der Nachkriegszeit schon ausreichend juristisch geregelt war. Allerdings sind offenbar grundlegende Rechtsvorschriften missachtet worden. Das gelte insbesondere "für das Recht auf die körperliche Unversehrtheit, was ein allgemeines Menschenrecht ist, was aber auch im Strafgesetzbuch steht", sagt Beyer.

Entschädigung ungeklärt

Das Land Schleswig-Holstein als Träger der Kliniken beteiligt sich bereits an bundesweiten Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder. Es hat bislang aber keine eigenständige finanzielle Entschädigung für die Opfer der unethischen Medikamentenvergabe bewilligt - ebenso wenig wie die beteiligten Pharmakonzerne. Das Land Schleswig-Holstein hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, nach einer umfangreichen Berichterstattung des NDR Schleswig-Holstein über die Versuche.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.01.2020 | 08:00 Uhr

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