Kette an den Sohn einer KZ-Überlebenden übergeben

Stand: 26.05.2023 18:34 Uhr

Die Aktion #StolenMemory versucht Angehörigen von Gefangenen aus der NS-Zeit ihre Gegenstände zurückzugeben. Bei dem Projekt sind auch Jugendliche aus Bad Oldesloe und Polen involviert.

von Corinna Below

Tadeusz Stramko sitzt im Hörsaal des Museums des Warschauer Aufstands und lächelt. Er hat sich diesen Ort für die Übergabe ausgesucht. "Das ist für uns Warschauer ein wichtiger Ort des Gedenkens." Was hier um ihn herum passiert, ist sehr aufregend. Es sind Schülerinnen und Schüler aus Polen und Deutschland gekommen, um ihm eine Kette seiner Mutter zu überreichen. Tadeusz Stramko ist der Sohn der KZ-Überlebenden Marianna Miedzinska.

Die Geschichte von Marianna Miedzinska

Nie hat seine Mutter ihm oder seinen Geschwistern von der Zeit und ihren Erlebnissen in den Konzentrationslagern Stutthof und Neuengamme erzählt. Er ist sich sicher, dass es die Hölle gewesen sein muss. "Meine Mutter war 18 Jahre alt, als sie im September 1944 - mitten im Warschauer Aufstand - auf der Straße festgenommen wurde." Im April 1945 wurde sie befreit. "Wir haben nach ihrem Tod versucht, etwas über ihre Zeit im Konzentrationslager herauszubekommen", so erzählt der Sohn weiter. "Wir wollten Dokumente finden." Das sei aber leider ohne Erfolg geblieben.

#StolenMemory versucht Gegenstände zurückzugeben

Und an dieser Stelle kommen die Jugendlichen ins Spiel. Sie nehmen an #StolenMemory teil, einem Projekt der Arolsen Archives. Das Ziel: sogenannte Effekte, also Gegenstände, die den Gefangenen abgenommen wurden, an die Familienangehörigen zurückzugeben. Das können Uhren, Ketten, Briefe oder Fotos sein.

Schülerinnen sind wegen der bevorstehenden Übergabe aufgeregt

Deutsche und polnische Schüler gehen über das Gelände des Museums des Warschauer Aufstandes. © NDR Foto: Corinna Below
Die deutschen und polnischen Schülerinnen und Schüler gemeinsam auf dem Gelände des Museums des Warschauer Aufstandes.

Etwa eine Stunde vor der Übergabe kommen die Jugendlichen am Museum an. Eine Busladung voller Schülerinnen und Schüler aus Bad Oldesloe und Mława, einer kleinen Stadt etwa zwei Stunden von Warschau entfernt. Leon-Tom Laatzen aus Bad Oldesloe ist aufgeregt, "weil man nicht weiß, wie der Sohn reagieren wird". Auch Magdalena Wiącek findet die bevorstehende Begegnung aufregend: "Es ist sehr emotional für uns." Sie überlegt. "Ich weiß nicht. Ich bin einfach glücklich, dass wir Teil dieses Projektes sein können."

Bereits im März hatten sie sich zu Recherchen in Danzig getroffen. Die Reise wird bezahlt vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk. Inhaltlich wurden die Schülerinnen und Schüler durch ihre Lehrerinnen und Mitarbeiterinnen der Arolsen Archives unterstützt. In gemischten Kleingruppen haben sie zu den unterschiedlichsten Effekten nach Angehörigen von KZ-Opfern gesucht.

Ein großer Erfolg: Ein Team hat einen Sohn gefunden

Jugendliche blicken auf einen Laptop. © NDR Foto: Corinna Below
Michalina, Magdalena und Leon bei der Recherche.

Das Team um Leon und Magdalena hatte Erfolg. Am Anfang hatten sie nur eine Häftlingskarte mit dem Namen Marianna Miedzinska, die Info, dass sie 18 Jahre alt war - und eine Kette. Es ist eine Kette mit einem kleinen Anhänger, darauf ist die Jungfrau Maria. Die Lehrerin Claudia Schecker begleitet das Projekt für die Schule in Bad Oldesloe. Sie erinnert sich, warum bei der Recherche eigentlich alle speziell von diesem Fall besonders berührt waren: "Weil das eine Person war, die mit 18 Jahren verhaftet wurde. Unsere Schüler sind 18, das heißt, als sie die Häftlingskarte gesehen haben, haben sie sich wiedergefunden. Sie haben gesagt: Die Person ist in meinem Alter und sie ist verhaftet worden, weil sie am falschen Platz war. Nämlich während des Warschauer Aufstands auf der Straße." Das hat alle schwer erschüttert. Leon-Tom Laatzen ergänzt: "Das können wir uns heute nur schwer vorstellen."

Bei der Recherche spielt auch Glück eine Rolle

Und genau deshalb haben sich die Jugendlichen besonders in die Recherche reingekniet, erzählt Leon-Tom Laatzen. Sie hätten allerdings auch Glück gehabt, dass sie im Netz auf einen Stammbaum gestoßen waren, auf dem Marianna Miedzinska eingetragen war. "Dadurch konnten wir Leute finden, die mit ihr verwandt sind." Eine Enkelin zum Beispiel. Die sei aber an einem Kontakt nicht interessiert gewesen. Also mussten sie weiter suchen. "Wir haben dann einen Facebook-Post gemacht". Daraufhin habe sich eine Person gemeldet, "die nicht verwandt war, aber daran interessiert ist, solche Menschen zu finden". Leons polnische Team-Partnerin Michalina Bukowska ergänzt: "Er wollte uns helfen und nach einer gewissen Zeit hat er uns den Kontakt zu dem Sohn von Marianna Miedzinska gegeben."

Der Sohn ist überglücklich

Ein Mann hält eine Kette in die Kamera. © NDR Foto: Corinna Below
Tadeusz Stramko präsentiert dem Publikum die Kette, die er soeben von Magdalena, Michalina und Leon überreicht bekommen hat.

Die Schülerinnen und Schüler und alle anderen an der bevorstehenden Übergabe Beteiligten finden sich im Hörsaal des Museums ein. Auf einem Tisch: ein Foto von Marianna Miedzinska von 1947 und ihre Kette. Das Foto hat das erfolgreiche #StolenMemory-Team von Tadeusz Stramko bekommen. Er kommt auf die Bühne, wo Leon, Magdalena und Michalina schon bereitstehen. Sie haben die Ehre, einem Angehörigen nach mehr als 80 Jahren die Kette zurückzugeben. Tadeusz Stramko strahlt übers ganze Gesicht. "Ich war wirklich überrascht, als ich den Anruf wegen der Kette bekam", erzählt er. Von #StolenMemory hatte er bis dahin noch nie etwas gehört.

Nun überreichen ihm die Jugendliche die Schatulle mit der Kette - sodass sie für alle sichtbar ist. Ein großer Moment für den Sohn. "Jetzt bin ich ganz glücklich, dass ich endlich etwas von meiner Mutter als Erinnerung aus dieser Zeit habe." Auch für die Jugendlichen ist das ein ganz besonderes Ereignis, betont Leon-Tom Laatzen: "Ich war ganz schön angespannt. Jetzt freue ich mich, weil er sich freut." Die Suche nach Angehörigen geht für die Schülerinnen und Schüler aber auch nach diesem Erfolg weiter. Denn allein in Polen suchen die Arolsen Archives noch zu 900 Gegenständen die Familien.

Weitere Informationen
#everynamecounts: Ein interessantes Projekt für Schülerinnen und Schüler © Arolsen Archives

#everynamecounts: 30.000 Namen gegen das Vergessen digitalisieren

Rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar sollen erneut 30.000 Akten über NS-Opfer in eine Datenbank eingetragen werden. Jeder kann mitmachen. mehr

Alte Fotos, eine Taschenuhr und ein Ring sind als Foto abgedruckt. © Screenshot

Zeitreise: Die Habseligkeiten der KZ-Opfer

Das NS-Opferzentrum Arolsen Archives stellt mit "Stolen Memory" Erinnerungsstücke verstorbener Opfer der Nazi-Herrschaft vor. mehr

Dieses Thema im Programm:

25.05.2023 | 19:30 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

NS-Zeit

Zweiter Weltkrieg

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Der Leuchtturm Roter Sand vor dunklen Wolken mit hohen Wellen. © picture alliance / blickwinkel/McPHOTO/K. Steinkamp | Klaus Steinkamp Foto: Klaus Steinkamp

Pfingstsonntag: Unwetter in Teilen des Nordens

Bis zum Sonntagnachmittag gab es für das südliche Schleswig-Holstein eine Unwetterwarnung. mehr

Videos