Zeitreise: Die Habseligkeiten der KZ-Opfer

Sendedatum: 11.10.2020 19:30 Uhr

Das NS-Opferzentrum Arolsen Archives stellt mit der Ausstellung "Stolen Memory" seine Arbeit vor - mit dem Ziel, Nachfahren der Opfer letzte Erinnerungsstücke wieder zukommen zu lassen.

Von Karl Dahmen

Ein Kommando der britischen Besatzungsarmee hatte Wind von der Sache bekommen. Millionenwerte soll ein SS-Mann aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg in Dithmarschen zur Seite geschafft haben. Und tatsächlich: In Lunden werden die britischen Soldaten im Juni 1945 fündig. Auf einer Kegelbahn finden sie etwa 7.800 Umschläge mit dem beschlagnahmten Eigentum von KZ-Häftlinge - Brieftaschen, Uhren, Schmuck, Dokumente. Wert: an die 2,9 Millionen Deutsche Mark.

Die Suche nach den Erben

Ein Container der Ausstellung "Stolen Memory" steht auf einem Marktplatz. © Screenshot
Die Wanderausstellung im Container zieht durch den Norden.

75 Jahre später gibt es eine Wanderausstellung, die helfen soll, die Angehörigen der einstigen Besitzer zu finden. Denn immer noch sind nicht alle "Effekte", wie die Gegenstände nach einem alten Wort für Reisegepäck genannt werden, zurückgegeben worden. Mit der Ausstellung in einem aufklappbaren Überseecontainer soll auf diese Effekte aufmerksam gemacht werden. An die 2.500 gefüllte Umschläge gibt es noch in den Arolsen Archives, dem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung im hessischen Bad Arolsen. Die meisten der dort lagernden Effekte wurden einst in Dithmarschen sichergestellt.

Chance auf Angehörige gering

Der zeitliche Abstand zu den Nazi-Verbrechen wird immer größer und damit die Chance geringer, Angehörige zu finden. Neben der Ausstellung ist es vor allem eine Website, die bei der Aufklärung helfen soll. Wer stolenmemory.org besucht, kann sich Fotos der Gegenstände ansehen und die Namen ihrer Besitzer erfahren. Die Macher der Ausstellung hoffen so, dass möglichst viele Menschen mithelfen zu recherchieren und vielleicht wichtige Hinweise geben können.

Die letzten Habseligkeiten

Christian Römmer sitzt in einem Archiv. © Screenshot
Archivar Christian Römmer weiß um die Verbrechen an Opfern im KZ-Neuengamme.

Christian Römmer arbeitet als Archivar in der Gedenkstätte Neuengamme. Hier wird an die Verbrechen der Nationalsozialisten, an den millionenfachen Mord, erinnert. Er weiß um die Schicksale der Menschen, deren letzte Habseligkeiten heute in einem Umschlag in Arolsen liegen und darauf warten, dass sie an den rechtmäßigen Besitzer übergeben werden. Wie zum Beispiel die Dokumente und Fotos von Maurice Herment, Eisenbahnbeamter und Bahnhofsvorsteher in einem Pariser Vorort. Er wurde aus unbekanntem Grund 1944 nach Neuengamme deportiert, im Mai 1945 ist er umgekommen. Auch seine Familie hat sich noch nicht gemeldet. Christian Römmer hofft, dass durch die Wanderausstellung und den Auftritt im Internet möglichst viele Gegenstände zurückgegeben werden können.

Nachdem die Ausstellung in einem blauen Container lange auf dem Berliner Platz in Eutin gestanden hat, zieht sie jetzt um nach Friedrichsruh im Kreis Herzogtum Lauenburg.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.10.2020 | 19:30 Uhr