Eine Jugendliche trägt einen Mund-Nasen-Schutz. © picture alliance

Jugendliche durch Corona zunehmend psychisch belastet

Stand: 23.03.2021 05:00 Uhr

Die Bertelsmann Stiftung hat zusammen mit Universitäten Befragungen unter mehreren Tausend Jugendlichen ausgewertet: Zukunftsangst, Einsamkeit, psychische Belastung nehmen zu.

von Hannah Böhme

Nächsten Monat wird Hanni Turton aus Quickborn (Kreis Pinneberg) 18 Jahre alt. Ursprünglich wollte sie das gemeinsam mit einer Freundin groß feiern, das hatten die beiden schon vereinbart. Vor Corona - versteht sich. Stattdessen wird Hanni ihre Volljährigkeit, wenn überhaupt, mit nur wenig Gästen feiern können. So wie die 17-jährige Schleswig-Holsteinerin verzichten Jugendliche gerade auf vieles, was die meisten Erwachsenen rückblickend unter "prägende Lebenserfahrungen" verbuchen würden.

Homeschooling und Kontaktverzicht

Da sind nicht nur 18. Geburtstage, sondern auch Feiern zum Schulabschluss, Auslandsaufenthalte oder das erste Semester, das mit den neuen Freundinnen und Freunden im Uni-Café verbracht wird. Stattdessen gilt für auch für Hanni und andere Jugendliche: Homeschooling und Kontaktverzicht. Und das bleibt nicht ohne Folgen, wie die Studie "Das Leben von jungen Menschen in der Corona-Pandemie" der Bertelsmann Stiftung zeigt. Rund 61 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen fühlen sich demnach dauerhaft oder zumindest teilweise einsam.

Auch psychische Belastung steigt

Und sie fühlen sich nicht nur einsam: Rund 64 Prozent gaben an, sich seit Corona psychisch besonders belastet oder zumindest teilweise belastet zu fühlen. Angst vor der Zukunft haben laut Studie noch etwas mehr: Etwa 69 Prozent stimmten hier voll oder teilweise zu. Der Studie zugrunde liegen zwei "Jugend und Corona"- Befragungen der Unis in Frankfurt (a.M.) und Hildesheim, an denen im Frühjahr rund 5.500 und im November noch einmal etwa 7.000 junge Erwachsene im Alter zwischen 15 und 30 Jahren teilgenommen hatten.

Finanzielle Situation oft entscheidend

Wie es den Jugendlichen in der Corona-Pandemie geht, hängt den Studienergebnissen zufolge unter anderem von ihrer finanziellen Situation ab. Wem beispielsweise der Nebenjob weggefallen ist oder wessen Familie schon vor oder auch durch Corona mit Geldproblemen zu kämpfen hatte und hat, leidet demnach deutlich mehr unter der Pandemie als diejenigen, die sich über Geld keine Gedanken machen müssen.

Aus Sicht der Forschenden bestätigt das die These, dass die Pandemie soziale Ungleichheiten weiter verschärft. Sie befürchten, dass vor allem bei Jugendlichen mit finanziellen Sorgen die "Pandemie deutliche Spuren hinterlassen und langfristige Folgen haben wird, wenn dem nicht entschlossen entgegengewirkt wird", heißt es in der Analyse.

Jugendliche wünschen sich mehr Beteiligung

Klar wird in der Studie auch, dass sich Jugendliche nicht ausreichend wahrgenommen fühlen und die Möglichkeit vermissen, sich politisch einzubringen und zu beteiligen. Dies habe sich zwischen der ersten und zweiten Befragung noch einmal verschärft, teilt die Bertelsmann Stiftung mit. 65 Prozent der Befragten gaben im November an, dass ihre Sorgen eher nicht oder gar nicht gehört werden. Zum Vergleich: Bei der ersten Befragung im vergangenen Frühjahr waren es laut Bertelsmann Stiftung noch 20 Prozent weniger.

Damit einher geht der Studie zufolge auch der Eindruck vieler junger Menschen, dass sie in den Medien oft negativ dargestellt oder aber "nur" als Schülerinnen und Schüler, Studentinnnen und Studenten und Auszubildende in der Corona-Zeit wahrgenommen werden. Dass auch sie auf vieles verzichteten - wie Kontakte zu Freundinnen und Freunden oder auch Möglichkeiten zur Selbstentfaltung - werde laut Befragung ihrer Meinung nach kaum thematisiert oder anerkannt.

Mehr tun gegen Kinderarmut  

Auf Grundlage der Studienergebnisse fordert die Bertelsmann Stiftung deshalb, eine breite und kontinuierliche Jugendbeteiligung auf den Weg zu bringen. Die Pandemie zeige wie unter einem Brennglas die schon länger bestehenden Defizite der Kinder- und Jugendpolitik, erklärt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Außerdem drängt die Stiftung darauf, Kinderarmut konsequenter zu bekämpfen. Vorliegende Konzepte müssten endlich umgesetzt werden, dazu zähle insbesondere die Kindergrundsicherung.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.03.2021 | 17:00 Uhr

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