Drei Personen der Biografiegruppe stehen gemeinsam mit dem Bürgermeister Wulf Klüver im Ort Mühbrook © NDR

Gemeinde stimmt für Gedenktafel an Todesmarsch in Mühbrook

Stand: 09.09.2021 14:58 Uhr

Die Gemeindevertreter von Mühbrook haben dafür gestimmt, eine Gedenktafel im Ort aufzustellen, die an den Todesmarsch von 800 Häftlingen erinnert. Eine Gruppe von Ehrenamtlichen musste lange für die Tafel kämpfen.

In der Vergangenheit haben die Gemeindevertreter von Mühbrook (Kreis Rendsburg-Eckernförde) eine Gedenktafel, die an den Todesmarsch von 800 Häftlingen erinnern soll, stets mehrheitlich abgelehnt. Eine Gruppe von Ehrenamtlichen setzte sich seit vielen Jahren dafür ein. Nun ist die Entscheidung im Gemeinderat gefallen: Die Tafel kommt. Wo genau sie stehen soll, muss noch geklärt werden. An dem historischen Ort des Todesmarsches gebe es keine öffentliche Fläche, heißt es. Außerdem will auch ein Anwohner nicht, dass die Gedenktafel an seinem Grundstück steht. Entweder die Gemeinde stellt die Gedenktafel nun ersten Ideen zufolge am Denkmal für die "Gefallenen der Weltkriege“ auf oder an einer Bushaltestelle an der B4 vor dem Ort.

An allen Orten stehen Gedenktafeln - in Mühbrook nicht

Im April 1945 waren 800 Häftlinge des Straflagers Fuhlsbüttel in Hamburg evakuiert worden. Sie mussten über die damalige Reichsstraße, die heutige B4, Richtung Kiel marschieren, zum Arbeitserziehungslager Nordmark. Neun Strafgefangene wurden auf dem Marsch ermordet. An allen Standorten dieser Morde stehen Gedenktafeln. Nur in Mühbrook nicht.

Dort waren an einer Mauer im Ort am Morgen des 15. April 1945 zwei Männer erschossen worden, berichtet Historiker Thomas Käpernick. Häftlinge hatten in der Nacht auf den Heuböden der Bauern Lütje und Schurbohm übernachtet. Beim Morgenappell fehlten einige. Bauer Lütje gab den SS-Wachen Mistforken, damit sie das Heu durchsuchen konnten. Sie fanden zwei fehlende Häftlinge.

Der Oberscharführer soll getobt haben. "Die Häftlinge standen hier auf der Straße und konnten das nicht mit ansehen, weil sie mit dem Rücken zum Hof standen. Sie haben berichtet, dass sie Rufe gehört haben: 'Knie nieder, du Hund.' Oder: 'Warum knallt es noch nicht?'", berichtet Historiker Käpernick. Die zwei Häftlinge wurden erschossen.

Befürchtung eines "Negativanstrichs"

Seit fast 20 Jahren bemühen sich Thomas Käpernick und seine ehrenamtlichen Mitstreiter um eine Gedenktafel. Zuletzt hatte der Gemeinderat 2017 abgestimmt. Bürgermeister Wulf Klüver erklärt die Bedenken: "Das Problem ist, dass man Mühbrook dann immer damit in Verbindung bringt. Das sehen wir eigentlich nicht so gerne, dass wir mit diesem Negativanstrich dastehen." Nun haben sich die Gemeindevertreter aber auf einen Kompromiss geeinigt - sofern denn endgültig ein Ort für die Tafel gefunden wird.

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