Stand: 28.09.2020 18:41 Uhr

Endlager-Suche: Albrecht nimmt Bund in die Pflicht

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat am Montag ihren Zwischenbericht zur Suche nach einem Standort für ein Atommüll-Lager vorgelegt. Er enthält eine lange Liste mit Teilgebieten, die günstige geologische Voraussetzungen mitbringen, um als Standort-Endlager in Frage zu kommen. Auch Regionen aus Schleswig-Holstein gehören dazu. "Wir werden natürlich darauf drängen, dass in diesem Verfahren die betroffenen Gemeinden und Kommunen jederzeit in der Lage sind, ihre Rechte nach dem Standortauswahlverfahren wahrzunehmen", sagte Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). Der Bund müsse alles daran setzen, dass wissenschaftliche und geologische Kriterien zu einem Standort führen - und keine politischen Argumente in die Entscheidung einfließen. Steffen Kanitz, Geschäftsführer der BGE und zuständig für den Bereich Standortauswahl, betonte, dass der Zwischenbericht Teilgebiete kein abschließendes Ergebnis sei, sondern ein erster Zwischenstand.

VIDEO: Endlager: 15 mögliche Standorte in SH ausgemacht (7 Min)

144 von 1.900 Castor-Behältern kommen aus SH

Einig ist sich die Politik im Norden in der Kritik an Bayern, wo es erste Stimmen gegen das Verfahren gibt. Bei der Suche dürften nur wissenschaftliche Erkenntnisse und keine politischen Ränkespiele eine Rolle spielen, meinte beispielsweise der energiepolitische Sprecher der FDP, Oliver Kumbartzky. Umweltminister Albrecht verwies darauf, dass alle den Atomstrom verbraucht und somit den stark radioaktiven Müll verursacht hätten, also dürfe sich kein Bundesland generell gegen einen Standort sperren. Laut Umweltministerium kommen 144 der bundesweit insgesamt 1.900 zu lagernden Castor-Behälter aus den drei schleswig-holsteinischen Kernkraftwerken.

Geologin: Ton und Salz lassen kaum Wasser durch

Der Bericht weist bundesweit 90 Gebiete aus, die weiter geprüft werden sollen. Laut BGE bieten sich in Schleswig-Holstein unter anderem Gebiete nördlich einer Linie etwa auf der Höhe der dänischen Grenze bis runter nach Elmshorn an, weil hier Tongestein im Boden vorkommt. Im Binnenland gibt es dagegen mehrere Streifen mit theoretisch geologisch günstigen Gebieten, da diese Steinsalze enthalten. "Sowohl Ton als auch Salz hätten sehr geringe Durchlässigkeiten gegenüber Wasser", sagte Sabine Rosenbaum, Geologin am Landesamt für Umwelt: "Das ist das, was man will: einen möglichst wasserdichten Einschluss."

Ein Teilgebiet etwa befindet sich im Norden Schleswig-Holsteins, circa 33 Kilometer südlich der Bundesgrenze zu Dänemark. So werden in der Gemeinde Sterup in Angeln acht von elf fachlichen Kriterien als günstig bewertet. Am Langsee im Bereich Süderfahrenstedt/Brekling nördlich von Schleswig sind es sieben von elf fachlichen Kriterien.

Es gibt aber auch Teilgebiete, die mehrere Bundesländer umfassen. So gehört eine Region an der Ostküste zu einem Teilgebiet, das Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen-Anhalt umfasst.

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Landrat: SH wegen Meeresspiegel ungeeignet

"Die jetzt vorgelegte Karte ist eine wichtige erste Etappe auf dem langen Weg zur Endlagerung hoch radioaktiver Stoffe", sagte Umweltminister Albrecht nach der Vorstellung des Zwischenberichts. Dass auch Gebiete in Schleswig-Holstein aufgeführt werden, kommt für Albrecht grundsätzlich nicht überraschend. Schleswig-Holstein verfüge über Salzstöcke und Gebiete mit Tonvorkommen.

"Dass diese Regionen zunächst als Potenzialflächen aufgeführt werden, liegt auf der Hand, sagt aber noch nichts über ihre tatsächliche Eignung aus", meinte der Grünen-Politiker weiter. Der Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg, Wolfgang Buschmann (parteilos), hält Schleswig-Holstein beispielsweise wegen des ansteigenden Meeresspiegels langfristig für grundsätzlich ungeeignet.

In elf Jahren soll ein Standort gefunden sein

Der Zwischenbericht ist die erste Stufe eines langen Auswahlprozesses. Die BGE hat in den vergangenen Jahren geologische Daten aus allen 16 Bundesländern ausgewertet. Auf Grundlage dieser Informationen entstand eine Liste von Regionen, in denen ein Endlager möglich wäre. Nach drei weiteren Untersuchungs- und Auswahlphasen soll ein Standort feststehen. Das Endlager soll unterirdisch in Salz, Ton oder Kristallin, also vor allem Granit, entstehen. Die Bundesregierung hat als Ziel ausgegeben, bis 2031 einen Standort zu finden, wo hoch radioaktiver Atommüll eine Million Jahre lang sicher lagern kann. 2050 soll das Endlager dann seinen Betrieb aufnehmen. Dort sollen dann insgesamt 10.500 Tonnen hoch radioaktiver Atommüll in etwa 1.900 Castor-Behältern dauerhaft gelagert werden.

Wie das Zwischenergebnis entstanden ist

Für die Liste der sogenannten Teilgebiete, die am Montag vorgestellt wurde, wertete das BGE drei Jahre lang die vorhandenen Unterlagen über Vorkommen von Salz-, Ton- und Kristallingestein wie Granit aus - und filterte. Das Ziel: Das Endlager soll bestmögliche Sicherheit für eine Million Jahre bieten. Aus diesem Grund sollten alle Gebiete ausgeschlossen werden, in denen es schon Bergbau oder Bohrungen gegeben hat. Auch wo der Untergrund selbst aktiv ist, soll kein Endlager entstehen: in Gebieten mit Erdbebengefahr oder Vulkanen etwa.

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Zwischenbericht Teilgebiete als PDF-Dokument

Der Zwischenbericht Teilgebiete ist die erste Phase auf dem Weg zu einem Endlager für hoch radioaktive Abfälle in Deutschland. Die Basis bilden Daten über den tiefen geologischen Untergrund. extern

Weitere Voraussetzungen für einen möglichen Standort

Die nun in der Liste stehenden infrage kommenden Bereiche müssen Mindestanforderungen erfüllen - die entsprechende Schicht muss etwa mindestens 100 Meter dick sein und mindestens 300 Meter unter der Geländeoberfläche liegen. Die Durchlässigkeit des Gesteins für Wasser muss gering sein. Wichtig ist auch, dass in dem Bereich genug Platz für das Endlager ist. Außerdem muss nach dem Stand der Wissenschaft davon ausgegangen werden können, dass das Gestein eine Million Jahre das Leben auf der Erde vor dem strahlenden Müll schützt.

Anschließend fand eine Bewertung der Gebiete anhand der Unterlagen nach elf Kriterien statt - die sogenannte geologische Abwägung. Das Ergebnis: In einer zum Teilgebiet erklärten Region erwartet die BGE günstige geologische Bedingungen für die Lagerung hochradioaktiven Mülls.

Wie es bei der Endlagersuche weitergeht

Die Teilgebiete festzulegen, war nur der erste Schritt. Nun folgen weitere grundsätzliche Untersuchungen und Auswertungen - in einem "völlig offenen Verfahren", wie der frühere Innenminister Schleswig-Holsteins und heutige vorsitzende Geschäftsführer der BGE, Stefan Studt, betonte. Er wünsche sich, dass sich die Kommunen ab Mitte Oktober aktiv an diesem Verfahren beteiligten - beispielsweise in Online-Sprechstunden, die die BGE in etwa einem Monat anbieten will.

Studt: Kein Veto-Recht für Kommunen

Später schlägt die BGE eine noch nicht feststehende Zahl von Standorten für eine genauere oberirdische Untersuchung vor. Dort finden Erkundungsbohrungen und Messungen statt. Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden ausgewertet. Resultat: mindestens zwei Standorte, an denen Erkundungsbergwerke für weitere Untersuchungen errichtet werden. Am Ende soll der Bundestag über den Standort entscheiden. Ein Veto-Recht haben betroffene Kommunen laut Studt nicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.09.2020 | 20:00 Uhr

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