Demenz-WG in Henstedt-Ulzburg bekommt Schein-Bushaltestelle

Stand: 06.08.2021 20:32 Uhr

Im Garten ihrer Wohngemeinschaft in Henstedt-Ulzburg können die dementen Bewohner ab sofort auf den Bus warten. Dass der nicht kommt, ist nicht schlimm.

von Johannes Tran

Manchmal passieren in der Schulstraße 5 skurrile Dinge. Eine ältere Dame tritt auf die Terrasse hinter ihrem Zimmer, in der Hand hält sie eine Gießkanne. "Gießen Sie die Blumen?" fragt sie mich, den Reporter. Ohne die Antwort abzuwarten, träufelt sie das Wasser in die Blumenkästen und verschwindet wortlos in ihrem Zimmer.

Zwei Frauen sitzen auf einer Bank bei einer Bushaltestelle.  Foto: Johannes Tran
Im Garten ihrer Wohngemeinschaft in Henstedt-Ulzburg können die dementen Bewohner ab sofort auf den Bus warten.

Zwölf Menschen mit einer Demenzerkrankung leben in der Wohngemeinschaft der Diakonie an der Kreuzkirche, zehn Frauen und zwei Männer. Der jüngste Bewohner ist 61, die älteste 91 Jahre alt. Manche von ihnen vergessen öfter mal ihren Geldbeutel. Andere vergessen, wer und wo sie sind. Bei manchen steht die Demenz ganz am Anfang, bei anderen ist sie weit fortgeschritten.

Idee für die Bushaltestelle kommt von einer Betreuerin

Zehn Betreuerinnen und Betreuer kümmern sich um die dementen Bewohner. Das Ziel: Jedes WG-Mitglied soll möglichst viel Eigenständigkeit behalten. Sie planen gemeinsam, welche Gerichte sie kochen. Sie essen gemeinsam. Sie spielen gemeinsam. Sie machen gemeinsam Ausflüge. Ab sofort können sie auch gemeinsam auf den Bus warten - in ihrem eigenen Garten.

Dort steht seit Freitag, zwischen Pflasterwegen und Beeten, eine Schein-Bushaltestelle. Die Idee dazu hatte Betreuerin Petra Henry-Könnemann. Ihr war aufgefallen, dass einige Bewohnerinnen immer wieder auf einer Bank im Eingangsbereich des Hauses saßen. "Ach, Sie warten wohl auf den Bus", scherzte Henry-Könnemann, wenn sie die Seniorinnen sah.

VIDEO: Alzheimer: Welche Ursachen hat das Vergessen? (10 Min)

Irgendwann kam ihr der Gedanke, eine "richtige" Bushaltestelle im Garten zu installieren. "Viele der Bewohner sind früher mit dem Bus gefahren, ob zur Arbeit oder zu Freunden. Eine Bushaltestelle hat für sie etwas Vertrautes", sagt Henry-Könnemann. Sie wandte sich an die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) – und die spendeten der Wohngemeinschaft ein ausrangiertes Haltestellenschild und einen Holzmast, an dem das Schild befestigt ist.

Bushaltestelle als ein Ort der Geborgenheit

"Uns war wichtig, dass die Haltestelle ein klassisches Design hat", erklärt die Teamleiterin der Demenz-WG, Jacqueline Hille. Mit einer elektronischen Anzeige etwa könnten viele der Bewohner nichts anfangen. Zu neu, zu wenig vertraut. Das klassische Bushaltestellenschild hingegen – ein grünes H auf gelbem Hintergrund – sei so fest in den Erinnerungen der dementen Menschen verankert, dass sie es trotz ihrer Erkrankung erkennen könnten, so Hille.

Daneben haben die Betreuer eine verschnörkelte Bank gestellt, die zum Verweilen einladen soll. Hille hofft, dass die Szenerie eine beruhigende Wirkung auf die Bewohner hat. "Dass sie denken: Das kenne ich, hier setze ich mich hin. Und dass sie dann nicht mehr weglaufen wollen." Viele Demenzkranke, erzählt Hille, verspürten einen inneren Drang fortzugehen. Wenn sie aber an einem Ort seien, an dem sie sich geborgen fühlen, lasse dieser Drang nach. Die Bushaltestelle - so die Hoffnung - soll zu diesem Gefühl der Geborgenheit beitragen.

Schein-Briefkasten soll das Gedächtnis anregen

Und wenn das Warten vergeblich ist, weil der Bus nicht kommt? "Viele vergessen wahrscheinlich einfach, dass sie gerade auf den Bus warten", meint Hille. "Dann holen wir sie an der Haltestelle ab und bringen sie wieder rein." Anderen Bewohnern sei hingegen klar, dass es sich um eine Schein-Haltestelle handelt, so Hille weiter. Das sei aber nicht weiter schlimm. "Die Hauptsache ist, dass sie diesen Platz mögen und sich hier wohlfühlen."

Die Haltestelle ist nicht die einzige Neuerung im Garten der Demenz-WG. Gegenüber steht jetzt ein ausrangierter Briefkasten, eine Spende der Deutschen Post. Der Gedanke: Die Bewohnerinnen und Bewohner werfen ihre Briefe eigenständig in den Briefkasten - und die Pflegekräfte bringen die Sendungen dann zur Post. Auch diese Idee kam von Betreuerin Petra Henry-Könnemann.

"Das ist noch mal ein Anreiz, sich zu bewegen und nach draußen zu gehen", sagt sie. Wer seinen Brief nicht selbst schreiben könne, der könne zum Beispiel ein Bild malen oder den Betreuern etwas diktieren. "Damit aktivieren die Bewohner ihr Langzeitgedächtnis und trainieren ihre Feinmotorik."

Das nächste Wunschprojekt: die Schein-Ampel

Einer der Bewohner ist Adolf Evers, 80 Jahre alt, weißes, zurückgekämmtes Haar. Über seinem karierten Hemd trägt er einen roten Pollunder, ein Gehstock gibt ihm Halt. Er habe einen Brief dabei, erzählt er, für seine Familie in Kisdorf. Evers geht zum Briefkasten und wirft den Brief ein. "Ich bin freudig überrascht", sagt er, nachdem er sich auf die Bank gesetzt hat. "Das wertet den Garten auf jeden Fall auf."

Dabei sind der Briefkasten und die Haltestelle für Betreuerin Henry-Könnemann erst der Anfang. Sie hat noch viele weitere Gestaltungsideen für die Demenz-WG. Ihr nächstes Wunschprojekt: ein Zebrastreifen mit einer Schein-Ampel. Platz im Garten haben sie noch.

 

Weitere Informationen
Schematische Darstellung eines Kopfes, in dem sich bunte Zahnräder befinden © Fotolia.com Foto: freshidea / nikkytok

Alzheimer und Demenz: Fragen und Antworten

Was bedeutet Demenz? Worin besteht der Unterschied zu Alzheimer? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es zurzeit? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.08.2021 | 16:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Jäger Azubi Ole Meyer und Jäger Christopher von Dollen (r.) gehen gemeinsam mit einem Jagdhund in den Wald. © NDR

Berufsjäger: Sie behalten den Wald im Auge

Christopher von Dollen betreut das Revier Grönwohld bei Krusendorf. Er ist einer von sechs Berufsjägern in Schleswig-Holstein. mehr

Videos