Bäckereien beklagen dramatische Lage: Brot wird teurer

Stand: 15.11.2021 05:00 Uhr

Die Bäckereien in Schleswig-Holstein sprechen von einer dramatischen finanziellen Lage: Wegen der steigenden Rohstoff- und Energiepreise werden nun vielerorts Brot, Brötchen und Kuchen teurer.

von Andrea Schmidt

Es ist viel los heute in dem Café von Bäcker Andresen in der Kieler Holstenstraße. Vor allem ältere Menschen treffen sich am Vormittag zu Kaffee und Brötchen. Maren Andresen, Landesinnungsmeisterin und Mit-Inhaberin von insgesamt 26 Andresen-Bäckerfilialen in Schleswig-Holstein, ist die Freude über den Trubel und das gute Geschäft anzusehen. Doch schnell wird die 52-Jährige ernst, denn die Herausforderungen für das Bäckerhandwerk waren selten so groß wie heute. "Die Rohstoffpreise und die Energiepreise sind immens gestiegen. Wir kommen nicht umhin, die Preise für unsere Kunden zum Teil drastisch zu erhöhen."

Preise für Sahne, Mehl und Kerne deutlich gestiegen

Ein Bäcker steht vor dem Sortiment. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Gestiegene Rohstoff- und Energiepreise, Lieferengpässe und Corona-Unsicherheiten: Nicht nur die Andresen-Filialen erleben Ausnahmezeiten.

In den Andresen-Filialen werden nun zum Beispiel die Weihnachtsartikel - wie zum Beispiel Stollen - um fünf bis zehn Prozent teurer. Das hat auch mit den Frachtkosten zu tun, die laut Maren Andresen zum Teil um das Zehnfache gestiegen sind. Manche Dinge sind auch kaum noch lieferbar. Engpässe gibt es demnach bei Mandeln, Chiasamen, Sonnenblumen- oder Kürbiskernen, die häufig per Container aus dem Ausland kommen. Dazu kommen deutlich höhere Preise für die Rohstoffe. Das bestätigt auch der Geschäftsführer von Steiskal, Eckhardt Schütz: "Der Preis für Sahne zum Beispiel ist in den letzten acht Wochen um 60 Prozent gestiegen." Auch der Getreidemarkt ist turbulent und macht zum Beispiel das Mehl um ein Viertel teurer. Die Kosten für Rapsöl sind um 70 bis 80 Prozent gestiegen, der Preis für Sonnenblumenkerne um 30 Prozent. Aber es geht auch um Preissteigerungen in anderen Bereichen, zum Beispiel Verpackungen und Hygieneartikel wie Handschuhe.

Heizen und kühlen: Geräte der Bäcker verbrauchen viel Energie

Auch der Inhaber der Bäckerei und Konditorei Seßelberg in Ostholstein, Andreas Seßelberg, kann die Preisentwicklung gar nicht fassen. "Raps gibt es fast gar nicht mehr. Die Landwirte rücken fast gar nichts mehr raus." Heftig wirken sich bei ihm auch die gestiegenen Energiepreise aus. "Wir stehen eigentlich schon ganz gut da mit unserer Photovoltaik auf dem Dach und der Wärmerückgewinnung aus den Öfen. Dennoch: Energie ist Thema, und zwar volles Rohr." Auch er erhöht nun ab Dienstag seine Preise. Landesinnungsmeisterin Andresen bestätigt, dass alle Bäckereien unter den höheren Energiepreisen leiden. "Wir müssen die Öfen nicht nur heizen, sondern wir müssen auch viel kühlen." Dann noch die gestiegen Tankrechnungen für die ausgefahrenen Waren. "Es kommt alles zusammen. Das gab es noch nie", seufzt Andresen, die eigentlich eine geborene Optimistin ist.

Investitionen? Nein danke

Ein Bäcker zeigt einige seiner Produkte. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Gunnar Wäger erhöht ebenfalls die Brotpreise. Er will auch weiterhin seine Mitarbeiter gut bezahlen können.

Insgesamt kalkuliere jeder Bäcker nun mit spitzen Bleistift. "Alle sind außerdem vorsichtig - nicht zuletzt wegen Corona. Es wird knapper eingekauft und es kommt nicht so viel ins Lager", beobachtet Maren Andresen, die in Kontakt mit vielen der 170 Innungsbäcker und Bäckerinnen in Schleswig-Holstein steht. Von dem ein oder anderen höre sie, dass Investitionen hinten angestellt werden. Jetzt ein neuer Ofen? Lieber nicht. Gunnar Wäger von Bäckerei Wäger mit fünf Filialen in Kiel und im Kreis Plön sagt: "Wir können nicht mehr langfristig planen, weil die Kosten uns so um die Ohren fliegen." Täglich gebe es neue Hiobsbotschaften. Auch er erhöht die Preise um sechs bis sieben Prozent. Wägers Ziel: wirtschaftlich gesund bleiben und vor allem Arbeitsplätze sichern.

Steiskal-Geschäftsführer Schütz: "Das wird 'ne schwierige Nummer"

Backwaren liegen in einer Theke aus. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Brot, Brötchen, Kuchen - das Sortiment wird in vielen Bäckereien nach und nach bis zu zehn Prozent teurer.

Steiskal mit seinen 63 Filialen in Schleswig-Holstein wird die Preise nach Angaben der Geschäftsleitung von Dezember an um vier Prozent anheben. Ob die Kunden das mittragen? Steiskal-Geschäftsführer Schütz ist skeptisch: "Die Kunden sind selber gebeutelt. Das wird noch 'ne schwierige Nummer."

Angst vor Niedrigpreisen bei Discountern

Eine konkrete Forderung hat die Innungsmeisterin von Schleswig-Holstein: "Wir fordern die Abschaffung der EEG-Umlage für das produzierende Gewerbe." Keiner im traditionellen Bäckereihandwerk könne verstehen, warum diese Umlage, mit der der Ausbau der Erneuerbaren Energien finanziert werde, von den Bäckern bezahlt werden müsse, die Industrie aber ausgenommen sei, so Andresen. Handwerksbäckereien verbrauchen zwar viel Strom, aber nicht genug, um EEG-Rabatte wie die Großindustrie zu bekommen. Bei den Brotpreisen könnten sie deswegen absolut nicht mithalten, erklärt Andresen: "Da gibt es dann 500 Gramm für 99 Cent, bei uns kostet das gleiche drei Euro. Aber Handwerk kann nicht billig."

Und genau diese Sorge wächst unter den Bäckern: Wie viele Kunden werden künftig noch abwandern und Brot, Brötchen und Kuchen bei Supermärkten und Discountern kaufen? "Wir schaffen das schon irgendwie", lächelt die 52-jährige Innungsmeisterin und schaut sich in ihrem vollen Café um. Sie möchte sich einfach nicht vorstellen, dass die Menschen wegen ein bisschen mehr Geld nicht mehr in Cafés und Bäckereien kommen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.11.2021 | 08:00 Uhr

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