Stand: 05.09.2019 12:16 Uhr

Krankenpfleger: Raus aus dem Ausbildungsalltag

Fünf Autoren begleiten fünf Auszubildende in fünf Branchen - über Wochen, Monate und Jahre: In einer langfristig angelegten Serie berichtet NDR Schleswig-Holstein über junge Menschen, die ins Berufsleben starten. Wie liefen die ersten Monate der Ausbildung? War die Berufswahl die richtige oder wird die Entscheidung bereut? Stellt sich Ernüchterung ein oder wächst die Begeisterung? Nach dem ersten Jahr haben unsere Autoren die Auszubildenden zum dritten Mal getroffen.

von Kai Salander

Seit mehr als einen Monat ist Mohammad Berri nicht mehr im Klinikum Itzehoe gewesen. Der angehende Krankenpfleger hat stattdessen zahlreiche Patienten in ihren Häusern und Wohnungen gepflegt, als ambulanter Krankenpfleger. Dafür schlüpft er sechs Wochen lang in einen weinroten Kittel, dem Dress der DRK Schwesternschaft Ostpreußen in Itzehoe. Es ist die erste Außenstation seiner Ausbildung, die der Syrer seit elf Monaten absolviert. Bei ihren Hausbesuchen pflegen die DRK-Mitarbeiter etwa 130 alte und kranke Menschen. "Eine völlig andere Aufgabe im Vergleich zum Klinikalltag. Die Pfleger sind Gäste im Hause des Patienten, deshalb kann der Kunde auch die Hilfe verweigern", verdeutlicht Pflegedienstleiterin Angela Kosanke beim ersten Morgenkaffee in ihrem Büro.

Pflegen unter Zeitdruck

Seit anderthalb Wochen begleitet Berri die DRK-Schwester Sandra Deeke. Am Morgen fahren die beiden mit dem Dienstwagen zur ersten Kundin. Die Dame will ein Bad nehmen, braucht dabei Hilfe. Im Auto telefoniert Deeke mit der Seniorin. Sie solle schon mal das Wasser in die Wanne einlassen, sagt sie zur Kundin - so werden die Patienten bei der DRK genannt. Die Pflegekräfte arbeiten gegen die Uhr, müssen täglich 5 bis 20 Rentner betreuen. Kurz nachdem sie angekommen sind, schiebt Berri den Schlüssel in das Türschloss. Sie betreten den Flur des Einfamilienhauses "Guten Morgen, mein Herzblatt - gut geschlafen?" Sandra Deekes Stimme schrillt durch das stille Einfamilienhaus. Die Bewohnerin steht lächelnd im Badezimmer, mit leicht gekrümmten Rücken, blauem Wollpullover und heller Stoffhose.

DRK-Schwester Deeke: "Wir herzen und betüteln unsere Kunden"

Geplätscher und Gequatsche klingen aus dem Badezimmer. Beim Duschbad muss Deeke den Pflegeschüler nicht beaufsichtigen, sie schlendert deshalb in die Küche. In den vergangenen anderthalb Wochen hat sie Berri bei den Hausbesuchen angelernt. Sie ist von ihrem Zögling begeistert: "Wir haben Schüler im ersten Lehrjahr, die haben noch nie in ihrem Leben ein Bett bezogen. Die sind Anfang 20, wo du denkst: ja, war schön bei Hotel Mutti", beklagt sich Deeke. Sie findet, dass Berri für sein Alter dagegen sehr erwachsen, sehr reif ist. "Das spiegelt sich auch in seinen Tätigkeiten wieder. Die Kunden haben ihn akzeptiert, auch die Damen, die ja sonst bei Männern etwas vorsichtiger sind. Wir herzen und betüteln unsere Kunden."

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Mohammad Berri legt einer Patientin eine grüne Manschette um. © NDR Foto: Kai Salander

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Nach dem Bad streicht Berri behutsam mit einem Kamm über den weißen Schopf seiner Kundin. Sie sitzt auf der Bettkannte. "Bei Frauen ist es etwas schwieriger, die Haare zu kämmen. Bei Männern sehe ich das Problem überhaupt nicht. Egal wie man die Haare der Männer kämmt, es geht immer", scherzt der 22-Jährige.

Stolperfallen im Blick behalten

Während sich eine Haarspray-Wolke im Zimmer ausbreitet, setzt der Syrer schließlich zwei kleine Hörgeräte in den Gehöhrgang der Seniorin. Zum Schluss legt Berri noch ein Armband samt weißem Plastikknopf um das Handgelenk der Rentnerin. Den kann sie im Notfall drücken und so einen Hausnotruf absetzen. Berri war bei drei solcher Alarmierungen dabei. "Die Menschen waren in ihren Wohnungen gestürzt, konnten sich nicht mehr aus eigener Kraft auf die Beine helfen", erzählt der angehende Krankenpfleger. Um solche Fälle zu vermeiden, achten die Pfleger bei jedem Hausbesuch auf Sicherheitsrisiken und auf Stolperfallen. Berri soll deshalb noch einmal den nassen Badezimmerboden trocken wischen. Außerdem muss der Rollator griffbereit für die Rentnerin stehen.

Medikamentenvergabe nur unter Aufsicht

In der nächsten Wohnung wartet eine neue Herausforderung auf Berri. Im Altbau wohnt eine ehemalige DRK-Schwester, die sich inzwischen pflegen lässt. Berri soll der Diabetikerin Insulin spritzen. Das ist den Schülern im ersten Lehrjahr nur unter Aufsicht erlaubt. Genauigkeit ist wichtig. Bei einer Unterdosis Insulin droht dem Patienten ein Schock, bei einer Überdosis kann er ins Koma fallen. Deeke leitet Berri an. "Die Azubis sollen auch mal das Gefühl haben, dass sie etwas machen dürfen", sagt sie. Zunächst sticht der Auszubildende der Rentnerin mit der Nadel eines Blutmessgeräts in den Finger. Auf dem Display kann er ihren Blutzuckerspiegel ablesen. Anschließend muss Berri den Insulin-Pen vorzeigen, die Dosis ist ausreichend. Jetzt darf er die Nadel vorsichtig in das Bauchfett der Frau schieben. Blut und große Wunden könne er sehen und ertragen, er habe sich im Krieg in Syrien daran gewöhnt.

Richtiger Umgang mit kranken Menschen wichtig

Berri beim Wechseln von Thrombosestrümpfen. © NDR Foto: Kai Salander
Auch das gehört zu den Arbeiten: das Wechseln von Thrombosestrümpfen.

DRK-Schwester Deeke hat sich zur Palliativkraft ausbilden lassen, versorgt auch Menschen, die mit Krebsgeschwüren im Sterben liegen. Vor ihren Touren hatte sie Berri vor dem Geruch und Aussehen der offenen Tumore gewarnt. "Es sind keine chirurgisch sauberen Wunden, wie die du sie im Krankenhaus siehst. Wenn dir schlecht wird oder du irgendwas nicht sehen kannst, dann gehe bitte still und leise raus", sagt Deeke und fügt an: "Fall mir nicht um - und vor allem Spuck mir nicht." Das sei despektierlich gegenüber den leidenden Kranken. Berri hört zu, ehe es weiter geht. Heute steht erneut eine Wundvisite an.

Willkommene Hilfe für die DRK-Schwester

In dem schwach beleuchteten Flur eines Mehrfamilienhauses steht freudestrahlend ein glatzköpfiger Mann. Er bittet seine Pfleger herein. Für seine Behandlung zieht der Chemotherapie-Patient sein T-Shirt aus. Er setzt sich auf ein braunes Stoffsofa. Die DRK-Schwester muss den Verband der rund ein Zentimeter großen Schulterwunde wechseln. Berri wendet seine Augen nicht von ihm ab. Ohne Anweisung weiß der Pflegeschüler, wie er helfen kann.

Der 22-Jährige reicht Schere, Spitze und sauberes Verbandszeug. Es ist eine willkommene Hilfe für die DRK-Schwester. "Er sieht, was die Pflegekraft macht, kann mitdenken und dann helfen. Das ist nicht bei jedem Schüler so", lobt sie ihren Schüler. Der Kunde genießt es offenbar, mit Berri zu flacksen. der Mann bietet ihm eine Zigarette an. Der Syrer lehnt dankend ab, er sei ausschließlich "Partyraucher".

Fehlendes Zeitmanagement ist ein Defizit

Deeke geht ins Nebenzimmer, der Mann plaudert, spricht über Fehleinschätzungen der Krankenkassen und lebensrettenden Medikamenten, solange bis die Pflegerin ins Zimmer zurückkommt und auf eine imaginäre Uhr an ihrem Handgelenk deutet - Zeit für den Abschied. Im Treppenhaus erklärt sie: "Jeder angehende Pfleger muss lernen, die Kundengespräche irgendwann freundlich zu beenden, wenn sie zu lange dauern. Die Pfleger müssen ja schließlich auch Zeit für andere Patienten haben. Berri muss das noch lernen.

Die Pflegeschule beginnt wieder

"Bis jetzt hatte ich das Gefühl, es ist die richtige Entscheidung. Ich hätte die Ausbildung ja auch abbrechen können", bilanziert Berri nach der Rückfahrt auf dem Büroparkplatz. "Wenn man alles über die Gesundheit weiß, kann man sich vor Keimen schützen, sich gesund ernähren oder die Familie beraten." Dazu hat der Syrer während seines einmonatigen Urlaubes hoffentlich Zeit. Dann will er sich mit seiner Familie in der Türkei treffen, in seine Heimatstadt Damaskus kann er nicht zurückreisen. Das sei zu gefährlich, sagt er.

Vor der Reise muss der angehende Krankenpfleger allerdings sechs Wochen lang pauken und den Unterricht in der Pflegeschule des Klinikums Itzehoe besuchen. Die Jahresprüfung steht im September an: drei schriftliche, zwei mündliche Tests. Deutsch spricht er inzwischen ohne lange Denkpausen. Sein überwiegend deutscher Freundeskreis wächst und hilft ihm, an seinem Wortschatz und seiner Grammatik zu feilen.

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Mohammad Berri füttert einen Senioren. © NDR Foto: Kai Salander

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 21.02.2019 | 20:40 Uhr

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