Stand: 27.09.2018 05:00 Uhr

Flüchtling Berri: Die nächste Herausforderung

Fünf Autoren begleiten fünf Auszubildende in fünf Branchen - über Wochen, Monate und Jahre: In einer langfristig angelegten Serie berichtet NDR Schleswig-Holstein über junge Menschen, die ins Berufsleben starten. Wie läuft der Übergang von der Schule in den Berufsalltag? Wessen Träume erfüllen sich? Liegt jemand bei der Berufswahl völlig falsch? Zum Auftakt der Serie stellen wir die Protagonisten vor. Alle stehen ganz am Anfang ihrer Ausbildung.

von Kai Salander

Das Itzehoer Seniorenzentrum Olendeel, 7.30 Uhr, Mohammad Berri startet in seine Frühschicht. Die Visite der Bewohner steht an. Die Pfleger helfen den 88 Rentnern beim Duschen und Zähneputzen, einige sind bettlägerig, andere sitzen im Rollstuhl, alle werden auf das Frühstück vorbereitet. Berri hilft mit. Er ist 21 Jahre alt, Syrer, anerkannter Flüchtling. Er macht ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Seniorenzentrum - um Erfahrungen zu sammeln für das, was er nach seiner Flucht als nächste große Herausforderung bezeichnet: Am Klinikum Itzehoe will Mohammad Berri als Krankenpfleger arbeiten. Die Ausbildung beginnt im Oktober. Im Seniorenzentrum ist die Rede von einem engagierten, jungen Mann mit bezauberndem Charme. 

Alltag im Seniorenzentrum? Nicht für Berri

"Mohammad ist so super anständig"

Berri geht am Morgen ruhigen Schrittes über den hell erleuchteten Gang des Seniorenzentrums und klopft ganz vorsichtig an eine der Zimmertüren, hält kurz inne und öffnet sie. Sein Blick fällt auf Ursula Korbastein. Die 91-jährige Bewohnerin sitzt auf einem Holzstuhl am Fenster. Auf dem Tisch liegt eine Zeitschrift. Die Rentnerin stimmt eine Lobeshymne an: "Man hat immer so seine Lieblingspfleger und freut sich, wenn sie vorbeikommen. Mohammad ist immer so super gefällig und super anständig." Sie hofft, dass sie noch erlebt, wie Berri Krankenpfleger wird und dass er sie dann einmal besucht.

Der Nachwuchspfleger verspricht der betagten Dame ein Wiedersehen. Während seiner drei Lehrjahre seien ohnehin zwei Praktika vorgesehen, "eines kann ich dann ja hier im Olendeel machen". Fürs Foto stellt Berri sich hinter die Seniorin, legt seine Hände auf ihre Schultern, beide lächeln zufrieden in die Kamera und wirken dabei sehr vertraut. Das kann Berri nur bestätigen: "Zu Beginn war es ein komisches Gefühl hier zu arbeiten - viel Blut und kranke Menschen. Inzwischen verhalten wir uns so, als ob wir eine Familie seien." Seine Verwandten musste Berri in Syrien zurücklassen. "Täglich telefoniere ich mit meinen Eltern, sie sind stolz auf meine Pläne."

Deutsch-Crashkurse mit Senioren

Der Besuch bei Frau Korbastein entpuppt sich inzwischen als Deutschstunde für Berri. Die Seniorin erklärt ihm die Redensart "jemandem Honig ums Maul schmieren". Berri berichtet stolz: "Vor Kurzem habe ich ein neues Wort gelernt: Prophylaxe - zum Beispiele eine Sturzprophylaxe." Durch Gespräche mit Kollegen und Bewohnern kann der angehende Krankenpfleger seinen Wortschatz erweitern und seine Grammatik verbessern. Nach drei Jahren in Deutschland färbt noch ein arabischer Akzent die Aussprache des Flüchtlings. Er spricht gebrochenes Deutsch, artikuliert sich jedoch verständlich.

Nur selten muss der junge Einwanderer Verständnisfragen stellen, kann sich meist mühelos in seiner neuen Fremdsprache unterhalten. Gleichzeitig identifiziert er seine Deutschkenntnisse als Achillesferse. Mit Blick auf seine bevorstehende Ausbildung fürchtet er die Terminologie der Pflegebranche. Sein Wunsch: "Hoffentlich helfen mir genügend Menschen mit Deutschkursen oder Nachhilfe während meiner Ausbildung."

In einem Stall lächelt die auszubildene Landwirtin Evje in die Kamera. © NDR Foto: Cassandra Jane Arden

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Nach der Flucht will Berri selber helfen

Nach dem Frühstück und den Deutsch-Crashkursen auf den Seniorenzimmern verteilt Berri kurz vor 12 Uhr das Mittagessen. In der Küche lädt der Syrer einen weißen Keramikteller samt Besteck auf ein graues Plastiktablett. Im schwarzen Rollstuhl wartet bereits ein gelähmter Mann auf sein Essen. Berri serviert ihm ein Fischfilet mit Kartoffeln, Karotten und Suppe. Zum Nachtisch gibt es einen Fruchtjoghurt. Bedächtig führt der Syrer den Löffel zum Mund des Mannes und wünscht ihm "Guten Appetit".

Der 21-jährige Berri ist geduldig und hilfsbereit. Das hat er in seiner ausgebombten Heimatstadt Damaskus gelernt. Dort unterstützten wohlhabende Mitmenschen seine Familie mit Geld, bei einer Feuerwache bekam er einen Arbeitsplatz. "In Syrien hat man mir geholfen, jetzt will ich selbst helfen", erklärt er.

Großes Interesse an fremder Kultur

Nach dem Mittagessen sitzt Berri gemeinsam mit einer Altenpflege-Auszubildenden vor einem Computer. Sie schreiben einen Bericht über die Bewohner und tippen die Namen verabreichter Medikamente in eine Tabelle. Beschäftigungstherapeutin Susanne Höpner kommt hinzu und erzählt ihre Geschichte über Mohammad: "Wir hatten ein Sommerfest mit einem großen Gottesdienst im Garten. Da hat Mohammad mich gefragt, was denn überhaupt ein Gottesdienst sei und ob er dabei sein darf. Und dann hat er den ganzen Gottesdienst mitgemacht und mitgesungen. Der Pastor erwähnte ihn sogar als Sondergast." Berris Fazit: "Ich glaube, es gibt keine großen Unterschiede zwischen dem Islam und dem Christentum hier."

Erster allgemeinbildender Schulabschluss

Berri kommt im Laufe des Tages auf seine Flucht zu sprechen. Im Herbst 2015 verlässt der junge Erwachsene gemeinsam mit seinem Bruder Syrien. Unterwegs übernachten sie auf der Straße, fahren später über das Mittelmeer. "Wir saßen mit 50 Leuten in einem Boot, das gerade mal Platz für 25 Menschen hatte", erinnert sich Berri. Mit nichts mehr als seiner Kleidung am Leib erreicht er griechisches Festland. In Deutschland angekommen, verbringt er anderthalb Tage in einer Erstaufnahmeeinrichtung in München. Die Weiterreise führt ihn über Neumünster zu einer Pension in Schenefeld im Kreis Steinburg. Bis er das Bleiberecht erhält vergehen zehn Monate. Berri macht seinen ersten allgemeinbildenden Schulabschluss (ESA) am Regionalen Berufsbildungszentrum Steinburg.

Preisgekröntes Projekt "Bildung und Integration"

Nun hat er den deutschen Hauptschulabschluss in der Tasche, obwohl er in Syrien bereits die mittlere Reife erreicht hatte. Berri erklärt: "In Syrien hätte ich nicht mehr zur Schule gehen können. Mit 18 Jahren müssen dort alle zur Armee." In seiner Heimat wollte er Medizin studieren, später als Chirurg arbeiten. Erst das preisgekrönte Projekt "Bildung und Integration" des Klinikums Itzehoe brachte den Syrer ins Gesundheitswesen.

Erste-Hilfe-Kenntnisse hatte Berri bereits als Feuerwehrmann in Syrien erworben, das Wissen kommt ihm nun zugute. Der Job habe ihn auf die Aufgaben als Pfleger vorbereitet, berichtet der anerkannte Flüchtling. Ab Oktober kann er auf sein Wissen aus der Feuerwache und Altenpflege aufbauen. Dann wird er sich den weißen Kittel im Klinikum Itzehoe überstreifen und seine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 27.09.2018 | 10:40 Uhr

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