Ein totes Schwein wird durch einen Gang gezogen. © Deutsches Tierschutzbüro

Videoaufnahmen zeigen unsachgemäße Nottötung von Schweinen

Stand: 03.12.2020 13:32 Uhr

Der Organisation Deutsches Tierschutzbüro sind Bilder aus zwei Schweineställen in der Grafschaft Bentheim zugespielt worden. Darauf sind offenbar Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zu sehen.

von Olaf Kretschmer

Die Videoaufnahmen wurden Mitte Oktober mit heimlich aufgehängten Kameras erstellt. In einem Stall liegt ein erkranktes Schwein in einem Zwischengang vor den Boxen, in denen seine Artgenossen gehalten werden. Eineinhalb Tage lang - ohne Zugang zu Futter oder Wasser. Der Halter geht mindestens zwei Mal in den Stall an dem erkrankten Tier vorbei, ohne es zu beachten. Dann holt er ein Bolzenschussgerät, setzt es dem Schwein auf den Kopf und drückt ab. Eine sichere Methode zur Nottötung ist das aber nicht. Es handelt sich lediglich um eine Betäubung. Danach müsste der Bauer ein Messer ansetzen und das Tier durch Ausbluten von seinem Leid erlösen. Das machte er aber nicht.

Otte-Kinast fordert Aufklärung

Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) nannte die Aufnahmen erschreckend. "Wir haben den zuständigen Landkreis umgehend per Erlass aufgefordert, uns über die dort ergriffenen Maßnahmen zu berichten", teilte die Ministerin am Donnerstag mit.

Entsetzen beim Deutschen Tierschutzbüro

"Es war schon überraschend, dass hier mit dieser Brutalität vorgegangen worden ist und dieses komplette Desinteresse. Dass man also ein Tier in dem Zwischengang einfach hinlegt und die Tür hinter sich zumacht", sagte Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro dem NDR in Niedersachsen. "Also das ist schon ein Vorgehen, das wir in einer derart harten Form noch nicht gesehen haben."

Minutenlanger Todeskampf nach Schuss

In einem anderen Stall auf einem anderen Betrieb will der Landwirt die Nottötung an vier Schweinen vornehmen. Er spritzt den Tieren etwas. Danach nimmt er sein Jagdgewehr und schießt den Schweinen in den Kopf. Zwei von ihnen überleben offenbar den aufgesetzten Schuss. Es folgt ein minutenlanger Todeskampf. Nach Einschätzung des Tierarztes Holger Hoffmann handelt es sich dabei nicht um reflexartige Zuckungen. Die Schweine durchlebten ihr Ende bewusst, sagt er. "Die sind einfach nicht tot. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist absolut roh."

Landwirte räumen Fehlverhalten ein

Beide Bauern stellen sich ihrer Verantwortung und geben dem NDR ein Interview. Sie möchten aber nicht erkannt werden. Im Fall der erschossenen Schweine sagt der Landwirt: "Die Person, die den Bestand normal betreut, da ist krankheitlich was vorgefallen. Dann bin ich in den Schweinestall rein, habe diese Tiere so vorgefunden. Und dann musste ich erst mal schlucken, überlegen, was ich mache. Dann habe ich meinen Tierarzt konsultiert und der hat mir gesagt, dass ich die Schweine nottöten muss. Das ist keine schöne Sache, so was durchzuführen. Und dann habe ich ein Betäubungsmittel genommen, habe die Schweine betäubt und dann zur Waffe gegriffen und mit einem Schuss zwischen die Augen die Tiere erlöst." Der Landwirt räumt ein, dass er schon vorher Schweine im Bestand mit dem Gewehr erschossen hat. Und weil sie danach oft noch zucken, habe er den Stall nach eigenen Angaben nach jedem Schuss verlassen, um das nicht sehen zu müssen. Dass er offenbar nicht tödlich getroffen hat, habe er erst auf dem heimlich gedrehten Video gesehen. Er sagt, das sei definitiv ein Fehler von ihm gewesen, es würde so nicht wieder vorkommen.

Zweiter Bauer spricht von Überlastung

Der Bauer, der das kranke Schwein ohne Wasser im Gang liegen ließ, gibt an, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahmen mit seinen Aufgaben stark überlastet war. Er sagt, es täte ihm leid, dass er das Schwein nicht in eine Krankenbucht gebracht hat, das sei nicht richtig gewesen. Den Vorgang räumt er vollumfänglich ein. "Ich denke, dass das Schwein einen Tag, anderthalb Tage da lag. Und ich hatte das behandelt, gespritzt. Und habe dann gehofft, dass es wieder aufsteht. Wo es an einem Morgen immer noch nicht aufstehen konnte, habe ich es dann geschossen mit einem Bolzenschussgerät."

Studie: Häufig Verstöße bei Nottötungen

Nottötungen bei Schweinen laufen häufig schief. Für eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover wurden Schweine, die bei Tierkörperverwertungsanstalten abgeliefert werden, untersucht. Rund zwei Drittel der notgetöteten Schweine wurden nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen getötet. Häufig lassen Bauern die Tiere nicht ausbluten. Der Schnitt in die großen Adern am Hals kostet Überwindung. Und das Blut müsste aufgefangen und auch in den Tierkörperverwertungsanstalten abgegeben werden. Die psychische Belastung, aber auch der Aufwand stellt offenbar eine große Hürde dar. Trotzdem sollten Bauern Schweine tierschutzgerecht töten können. Rund 20 Prozent der Schweine sterben nämlich schon während der Aufzucht oder der Mast und nicht im Schlachthof. Die meisten davon als Ferkel, aber auch viele große Tiere.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 03.12.2020 | 08:00 Uhr

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