Stand: 22.12.2017 19:13 Uhr

Paracelsus: Kritik und Optimismus nach Insolvenz

Der Insolvenzantrag der privaten Paracelsus-Kliniken hat die Beschäftigten am Donnerstag kalt erwischt. Für die Patienten ändert sich zwar erst mal nichts, doch die bundesweit rund 5.200 Mitarbeiter haben nun Angst um ihre Stellen. Von Gewerkschaften kommt Kritik am Vorgehen des Unternehmens. Zugleich sind sowohl die private Krankenhaus-Gruppe als auch die Gewerkschaft ver.di optimistisch, dass eine Rettung des Unternehmens gelingen kann.

Kliniken zum Teil "altertümlich aufgestellt"

Die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund nannte es unverantwortlich, die Mitarbeiter kurz vor Weihnachten in eine solche emotionale Ausnahmesituation zu versetzen. Die Gewerkschaft forderte die Klinikspitze auf, die Sicherheit der Jobs zu garantieren. Die Gewerkschaft ver.di wirft dem Konzern Management-Fehler vor: "Konzeptionell sind einige Kliniken altertümlich aufgestellt", sagte Nicole Verlage von ver.di in Osnabrück. "Es kann nicht sein, dass zum Beispiel das Klinikum Osnabrück mehr Chefärzte hat als die Charité in Berlin. Das sind immense Kosten, die aber nicht entsprechende Einnahmen generieren."

Ver.di: Warnungen wurden ignoriert

Betriebsräte, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und ver.di hätten immer wieder die Unternehmensstruktur kritisiert und auf die Gefahren hingewiesen, sagte Sylvia Bühler, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für das Gesundheitswesen. Das grundsätzliche Strukturproblem der zu großen Anzahl von Fachabteilungen in den Kliniken sei schon länger bekannt. "Wir erwarten eine enge Zusammenarbeit mit den Betriebsräten und ver.di, um den Beschäftigten eine Perspektive zu bieten", so Bühler weiter. "Die Auszahlung der Entgelte muss sichergestellt werden. Die Versorgung der Patientinnen und Patienten darf nicht gefährdet werden." Beides sicherte der Krankenhauskonzern zu: Löhne und Gehälter würden weiter gezahlt, der Betrieb gehe in allen Kliniken uneingeschränkt weiter.

Paracelsus plant "nachhaltige Sanierung"

Die Paracelsus-Kliniken mit Stammsitz in Osnabrück hatten am Donnerstag beim Amtsgericht Osnabrück einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt. Bei einem solchen Verfahren versucht ein Unternehmen, aus eigener Kraft die Wende zu schaffen. Es kann beispielsweise eingesetzt werden, wenn das Unternehmen zwar nahezu zahlungsunfähig ist, eine angestrebte Sanierung aber erfolgversprechend erscheint. Drei Monate hat Paracelsus nun Zeit, einen Sanierungsplan aufzustellen. "Dieser Schritt war notwendig, damit der Klinikverbund mit 40 Einrichtungen an 23 Standorten die Chancen einer nachhaltigen Sanierung im Interesse seiner Patienten, Mitarbeiter und Gläubiger nutzen kann", teilte das Unternehmen mit.

Nur "einzelne Standorte" arbeiten defizitär

Der Sanierungsbedarf sei entstanden, "nachdem einzelne Standorte der Gruppe erhebliche Verluste geschrieben haben und dadurch die gesamte Klinikgruppe in finanzielle Schieflage geraten ist", heißt es weiter. "Nun sollen im Zuge der Restrukturierung die defizitären Einrichtungen neu aufgestellt werden." Von 23 Standorten schreiben den Angaben zufolge die meisten schwarze Zahlen. Dafür sind die Verluste einiger Kliniken offenbar massiv. Zu den defizitären Standorten gehört nach ver.di-Angaben auch Osnabrück.

Ver.di: Gute Chancen für Rettung

Bei aller Kritik schätzt die Gewerkschaft die Chancen auf eine erfolgreiche Umstrukturierung als gut ein. Würden notwendige neue Konzepte tatsächlich umgesetzt, könne sich die Krankenhaus-Gruppe recht schnell erholen, glaubt Nicole Verlage. Sie hält es auch für möglich, dass es keinen Stellenabbau gibt. Da der Sanierungsplan erst noch entstehen soll, kann das aber derzeit noch niemand mit Sicherheit sagen.

Kein Geld vom Land

Das niedersächsische Sozialministerium plant unterdessen keine finanziellen Hilfen für die betroffenen Krankenhäuser im Land. Man stehe aber für Gespräche bereit, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums. Da es sich um eine Insolvenz in Eigenregie handele, böten sich genügend Spielräume für die notwendigen Umstrukturierungsprozesse im Konzern, so der Sprecher weiter.

Sieben Standorte im Norden

In Niedersachsen betreibt die Krankenhaus-Gruppe außer in Osnabrück auch Kliniken in Bad Essen (Landkreis Osnabrück), Bad Gandersheim (Landkreis Northeim) und Langenhagen (Region Hannover). In Bremen gibt es eine Paracelsus-Klinik, in Schleswig-Holstein zwei. Zum einen die Nordseeklinik auf Helgoland (Kreis Pinneberg) - der kleinste Standort der Krankenhauskette in Deutschland mit 55 Mitarbeitern. Die Klinik soll nicht zu den defizitären Häusern gehören. Zum anderen die deutlich größere Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg im Kreis Segeberg mit knapp 400 Mitarbeitern. Die beiden Standorte sollen laut Unternehmen definitiv nicht geschlossen werden. Der Standort Henstedt-Ulzburg hat laut Bürgermeister Stefan Bauer (parteilos) zuletzt schwarze Zahlen geschrieben. "Wir stehen in Gesprächen mit der Paracelsus-Leitung, den Standort dort zu attraktivieren und auch für die Zukunft leistungsstärker zu machen", sagte Bauer. Der Insolvenzantrag habe ihn deshalb überrascht.

Weihnachtsgeld nicht ausgezahlt

Dass die finanzielle Lage des Konzerns offensichtlich bedrohlich ist, war erst in der vergangenen Woche deutlich geworden: In Osnabrück warten die 450 Beschäftigten noch auf ihr Weihnachtsgeld. Das wird normalerweise Ende November ausgezahlt. Paracelsus vertröstete die Mitarbeiter auf den 15. Dezember - doch auch zu diesem Stichtag floss kein Weihnachtsgeld. In einer Stellungnahme drückte das Krankenhaus-Unternehmen sein Bedauern darüber aus, dass es das Geld nicht überweisen könne. Man arbeite gemeinsam mit den Banken an einer Lösung, hieß es.

Krankenhausgesellschaft kritisiert niedrige Fallpauschalen

Es ist bereits die dritte Klinik-Pleite in Niedersachsen in diesem Jahr. Auch das Klinkum in Delmenhorst und das Bürgerspital in Einbeck haben Insolvenz angemeldet. Die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft kritisiert die ihrer Ansicht nach zu niedrigen Fallpauschalen im Land - daran bemisst sich, wie viel eine Krankenkasse für Behandlungen bezahlt. Es seien die niedrigsten in ganz Deutschland. Das sorge für schlechte Einnahmen der Krankenhäuser. Die Krankenhausgesellschaft verhandelt deshalb gerade mit den Krankenkassen über höhere Fallpauschalen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.12.2017 | 16:00 Uhr

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