Stand: 07.01.2018 13:16 Uhr

Film über Gaffer: Wo liegt die Hemmschwelle?

Der Kurzfilm über Gaffer von Elena Walter und Emanuel Zander-Fusillo ist ein riesiger Erfolg im Netz.

Es ist ein Video, das schockiert: Drei junge Leute kommen an einer Unfallstelle vorbei, posieren dort für Fotos, machen gar Selfies mit dem Opfer und posten diese im Netz. Auf Protest der Feuerwehrleute reagieren sie genervt. Dass sie Rettern im Weg stehen, interessiert sie nicht. "Schaulustige - Sei kein Gaffer" heißt die knapp viereinhalb Minuten lange fiktive Geschichte der Filmstudentin Elena Walter aus Osnabrück und ihrem Dortmunder Kommilitonen Emanuel Zander-Fusillo. Der Film ist seit kurz vor Weihnachten auf YouTube zu sehen - und er wühlt das Netz auf. Millionenfach wurde er gesehen und unzählige Male geteilt und kommentiert.

Thema ist von trauriger Aktualität

"Wir waren von der enormen Resonanz sehr überrascht", so die Macher zu NDR.de. Die zahlreichen Kommentatoren im Netz, denen wiederum Hunderte User geantwortet haben, äußern Lob für den Film und sein Thema, das - traurigerweise - von zunehmender Bedeutung sei.

Handlung ist überspitzt - aber nah an der Realität

Elena Walter und Emanuel Zander-Fusillo sind häufig auf der Autobahn unterwegs. Sie habe selbst Situationen beobachtet, in denen Gaffer die Arbeit von Rettungskräften behindert hätten, erzählt Walter. "Im Drehbuch haben wir die Handlung zwar auf die Spitze getrieben, aber wir haben viel Feedback von Feuerwehrleuten erhalten, dass sie ähnliche und schlimmere Situationen erlebt haben." Auch in Kommentaren auf YouTube haben sich Feuerwehrleute gemeldet, die dies bestätigen.

Videos
03:05
Hallo Niedersachsen

Anti-Gaffer-Video wird Internet-Hit

07.01.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Immer häufiger behindern Gaffer Rettungskräfte massiv. Zwei Jungfilmemacher aus Osnabrück haben dazu einen Film gedreht. "Sei kein Gaffer" wurde bereits millionenfach geklickt. Video (03:05 min)

Für die Feuerwehr sind dreiste Gaffer inzwischen Alltag

Mittlerweile sei es Alltag, dass Menschen an Unfallstellen mit dem Smartphone Fotos machen und Videos drehen, berichtet Dietrich Bettenbrock, Chef der Feuerwehr Osnabrück. Daher sei es ebenso alltäglich, dass die Retter sich Platz verschaffen müssten. Er hat sogar Verständnis dafür, dass ein Unfall die Neugier der Beobachter weckt - wenn sie aber Aufnahmen der Opfer machten, überschreite das eine Grenze. Er erzählt, dass seinen Kollegen bei Einsätzen auch Material gestohlen wurde. Die Hemmschwelle sinkt - Schaulustige schrecken in manchen Fällen nicht einmal davor zurück, den ehrenamtlichen Rettungskräften den Proviant wegzuessen.

ADAC: Harte Strafen verhängen und publik machen

Dirk Matthies vom ADAC Weser-Ems fordert angesichts der Schaulustigen-Problematik, dass härtere Strafen gegen Gaffer verhängt werden. Und: "Die möglichen strafrechtlichen Konsequenzen sollten mehr publik gemacht werden, damit sie abschreckend wirken können", so Matthies. Laut ADAC ist das Fotografieren oder Filmen eines Unfalls eine Straftat, die mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden kann. Für das Gaffen selbst könnten Geldstrafen von 20 bis 1.000 Euro verhängt werden. Wer sich den Einsatzkräften in einer Rettungsgasse in den Weg stellt, muss demnach ein Bußgeld in Höhe von 20 Euro zahlen.

Links
Link

"Schaulustige - Sei kein Gaffer"

Der Kurzfilm "Schaulustige - Sei kein Gaffer" ist seit kurz vor Weihnachten auf YouTube zu sehen. Die Filmemacher erhalten auch bei Facebook zahlreiche Rückmeldungen. extern

Kann ein Video Schaulustige "wachrütteln"?

Der Automobilclub setzt also auf Abschreckung, die Filmemacher eher auf ein Umdenken. Das Video zeigt ein abgestumpftes Verhalten, das erschreckt - und er nimmt am Ende eine Wendung, die Gaffer möglicherweise "wachrüttelt", wie mehrere Kommentatoren bei YouTube schreiben. "Auch wir hegen die Hoffnung, dass der Film wachrüttelt", teilte das Filmteam NDR.de mit. "Wir wünschen uns, dass der Film möglichst viele Menschen hinsichtlich des eigenen Verhaltens bei Unfällen beziehungsweise Rettungseinsätzen zum Nachdenken anregt."

Wo liegen die moralischen Grenzen?

Ein großer Erfolg wäre es aus Sicht der Filmemacher, wenn ihr Werk eine weitergehende gesellschaftliche Debatte in Gang setzen würde. So stelle sich unter anderem die Frage, "wo überhaupt die Grenzen liegen und damit meinen wir nicht nur die rechtlichen, sondern vor allem auch die moralischen", sagen die 26-jährige Walter und der 28-jährige Zander-Fusillo. "Beispielsweise ist die Neugierde der Protagonisten zu Beginn des Filmes aus unserer Sicht durchaus nicht verwerflich, ihr weiterer Umgang mit dem Geschehen dann aber schon." Der Wunsch nach einem Überdenken dessen, was die Grenze des Zulässigen überschreitet, bezieht sich für die Macher im Übrigen nicht nur auf das Verhalten von Schaulustigen am Unfallort. "Dass in der Silvesternacht Feuerwehrleute mit Böllern angegriffen wurden, hat uns schockiert."

Die beiden Nachwuchsfilmer Walter und Zander-Fusillo, die zusammen die Produktionsfirma Blickfänger betreiben, haben das Projekt "Schaulustige - Sei kein Gaffer" gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr Osnabrück und dem Bürgerverein Wüste realisiert. Gefördert wurde die Produktion von der Sparkasse Osnabrück.

Weitere Informationen

Immer mehr Attacken gegen Rettungskräfte

Niedersachsens Feuerwehrleute und Sanitäter werden immer öfter Opfer von Angriffen - wie zuletzt an Silvester. Häufig ist nach Angaben des Landeskriminalamts Alkohol im Spiel. (02.01.2018) mehr

Panorama 3

Mangelnder Respekt: Angriffe auf Sanitäter

30.05.2017 21:25 Uhr
Panorama 3

Sie werden beschimpft, bespuckt und geschlagen: Rettungskräfte am Einsatzort. Der Respekt gegenüber ihrer wertvollen Arbeit nimmt ab, und sie werden teilweise selbst zu Opfern. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 03.01.2018 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:34
Hallo Niedersachsen

Atomgegner protestieren gegen Schacht Konrad

20.10.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
04:56
Hallo Niedersachsen

Ärztemangel: Weiterhin zu wenige Studienplätze

20.10.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:11
Hallo Niedersachsen

"Plattsounds" in Leer: Bands im Wettstreit

20.10.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen