Eine Kirche mit einem schiefen Kirchturm. © picture alliance/dpa | Sina Schuldt Foto: Sina Schuldt

Weg ist der Rekord: Suurhusens Turm ist nicht der schiefste

Stand: 11.09.2022 16:01 Uhr

Eine Neigung von 5,19 Grad weist der Kirchturm im ostfriesischen Suurhusen auf. Bislang war das Weltrekord - doch nun geht die Auszeichnung für den schiefsten Turm der Welt nach Rheinland-Pfalz.

Im Dorf Gau-Weinheim steht ein Turm neben der Kirche, der sich um 5,4277 Grad neigt. Künftig darf sich daher die 600-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Alzey-Worms mit dem Titel schmücken. Das bestätigte das Rekord-Institut für Deutschland (RID). Am Sonntagnachmittag wurde der Wechsel offiziell: Das RID überreichte die Urkunde beim Tag des offenen Denkmals in Gau-Weinheim.

Suurhusen zeigt sich als würdiger "Verlierer"

Den Verlust des Weltrekords nimmt man in der Kirchengemeinde in Suurhusen im Landkreis Aurich mit ein bisschen Wehmut, aber gelassen hin. "Das ist ein fairer Wettbewerb und nur einer kann gewinnen, das ist nun mal so", sagte Pastor Frank Wessels. "Wir haben 15 Jahre lang den Titel getragen mit Stolz und mit Würde. Und wenn jetzt jemand anderes nachweisen kann, das dort der schiefste Turm steht, dann akzeptieren wir das und gratulieren von ganzem Herzen."

Eine Umstellung nach 15 Jahren

Eine Guiness Rekord Plakette vor einer Kirche mit einem schiefen Kirchturm. © Sina Schuldt/dpa Foto: Sina Schuldt
Die Weltrekord-Plakette lockte Zehntausende nach Suurhusen.

Nach 15 Jahren müssen sich die Menschen in Suurhusen nun umstellen. Sie haben sich an die Berühmtheits ihres Ortes gewöhnt - die Gäste kamen in Scharen. Als der schiefe - der schiefste! - Turm von Suurhusen 2007 ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde, explodierten die Besucherzahlen geradezu. An manchen Tagen hielten mehrere Reisebusse hintereinander in Suurhusen, erzählte Pastor Wessels 2017, zum zehnten Jubiläum der Guinness-Auszeichnung. Insgesamt kämen rund 10.000 Menschen pro Jahr.

Absacken des Turms begann 1885

Dass der Kirchturm einmal eine solch herausragende Stellung einnehmen würde, hätte früher niemand gedacht. 1450 wurde er an die Anfang des 13. Jahrhunderts errichtete Kirche angebaut. Als Fundament dienten riesige Eichenstämme, die komplett vom Grundwasser umschlossen waren. Bis ins 19. Jahrhundert gab es damit nicht die geringsten Probleme. Dann aber wurde der Grundwasserspiegel abgesenkt, woraufhin die Stämme vermoderten und das Gewicht nicht mehr tragen konnten, wie der Kirchenführer 2017 berichtete. 1885 bemerkten die Suurhusener erstmals, dass sich der Turm zur Seite neigte. In folgenden Jahren wurde der Überhang immer größer, 1925 betrug er bereits 1,13 Meter. Verzweifelt entfernte die Gemeinde 1926 den zwölf Meter hohen Dachreiter mit Hahn und Kugel, doch auch das brachte keine Besserung.

Gemeinde will Kirche aufgeben

In den folgenden Jahrzehnten nahm die Neigung des Kirchturms stetig zu. Als der Überhang Anfang der 1970er-Jahre auf 2,16 Meter angewachsen war und kein Geld mehr für Reparaturen zur Verfügung stand, entschloss sich die Kirchengemeinde zur Aufgabe des Gebäudes. Stattdessen baute sie in Suurhusen ein neues, modernes Gemeindezentrum. Die Orgel der alten Kirche wurde verkauft und die Fenster vernagelt. Das Gebäude drohte endgültig zu verfallen.

Wiedereröffnung nach erfolgreicher Sanierung

Mehr als 700 Jahre Kirchengeschichte so enden zu lassen, brachten die Suurhuser dann aber doch nicht übers Herz. 1980 wurde deshalb ein Gutachten zur Erhaltung der Kirche in Auftrag gegeben und bereits zwei Jahre später begann die Sanierung. Spezialfirmen ließen zur Stabilisierung des Turmbereichs elf Stahlbeton-Pfeiler in 14 Meter tiefe Bohrlöcher ein, die miteinander verzahnt wurden. Danach renovierte eine Gruppe von Senioren den heruntergekommenen Innenraum. Am 13. Oktober 1985 konnte die Kirche schließlich mit einem Festgottesdienst nach mehr als zehnjähriger Schließung wiedereröffnet werden.

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Vom Makel zum Wirtschaftsfaktor

Ganz vom Tisch war das Problem allerdings noch nicht. Vier Jahre nach der Wiedereröffnung fielen plötzlich Steinbrocken aus dem Turm und der Giebel drohte einzustürzen. Außerdem nahm die Neigung wieder um rund einen Zentimeter pro Jahr zu. In einer weiteren Sanierungsmaßnahme wurde deshalb das Dach abgetragen und der hintere Giebel mit Stahlträgern verstärkt. Seit 1996 beträgt der Überhang nun konstant 2,43 Meter, das Absacken konnte gestoppt werden. Und der Ort profitierte vom regen Interesse am Weltrekord - der einstige Makel wurde zum Wirtschaftsfaktor. Sogar aus den USA kamen Gäste. Die Einnahmen durch Spenden stiegen, eine Bäckerei und ein Café konnten wiederbelebt werden.

Pisa kann nicht mithalten

Was bedeutet der Verlust des Weltrekord-Titels nun für Suurhusen? Das muss sich erst noch zeigen. Eines sollte man dabei nicht vergessen: Der Ort hat immer noch einen der schiefsten Türme der Welt. Der schiefe Turm von Pisa kann da nicht mithalten: Er weist laut Rekord-Institut lediglich noch eine Neigung von 3,97 Grad auf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 11.09.2022 | 14:00 Uhr

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