Erdmannwälder bei Sulingen sind "Wald des Jahres" 2022

Stand: 26.11.2021 20:40 Uhr

Die Erdmannwälder bei Sulingen sind "Wald des Jahres" 2022. Sie sind bunt, vielfältig und Verdienst von Oberförster Friedrich Erdmann. Ein Visionär, der Ende des 19. Jahrhunderts seine Arbeit antrat.

von Matthias Schuch

Ein Foto zeigt den Förster Friedrich Erdmann. © Bund Deutscher Forstleute
"Knorriger Oberförster": Friedrich Erdmann gestaltete die Wälder um - anderen Meinungen zum Trotz.

Dort im Osten des Landkreises Diepholz wachsen mehr verschiedene Baumarten als in den meisten anderen Wirtschaftswäldern. "Normalerweise produziert man auf einer Fläche vielleicht zwei oder drei Holzarten, bei uns sind es gut 20", erklärt der heutige Revierförster Marko Becker. Diese Vielfalt ist Programm: Seit Jahrzehnten setzen die Förster in den Waldgebieten auf einen ungewöhnlich abwechslungsreichen Mischwald, in dem nicht nur verschiedenste Laub- und Nadelbäume nebeneinander wachsen, sondern auch Bäume in allen Alterskategorien: von winzigen Sprösslingen bis zu 100-jährigen Buchen.

Keine leichte Arbeit im Wald

Das macht die Arbeit von Becker und seinen Försterkollegen nicht unbedingt einfacher: "Wir müssen alle paar Meter neu schauen, wie die Flächen sich entwickeln sollen, auch bei der Holzernte muss man aufpassen, dass man nur die richtigen Bäume entfernt", sagt er. "In der Summe haben wir deshalb in Planung, Vorbereitung und Abwicklung einen Mehraufwand von ungefähr 20 Prozent zu dem, was normal wäre."

Klarkommen mit Klimawandel: Wälder für die Zukunft

Doch neben diesem Nachteil haben die bunt durchmischten Forstgebiete auch einen großen Vorteil. Gerade in den vergangenen Jahren ist immer deutlicher zutage getreten, dass sie wesentlich besser mit dem Klimawandel klarkommen als klassische Monokulturen. Während andernorts ganze Waldgebiete an den Folgen von Trockenheit und steigenden Temperaturen zugrunde gegangen sind, gibt es in den Erdmannwäldern praktisch keine Einbußen. Für Rainer Städing vom Bund Deutscher Forstleute war das auch der Hauptgrund, warum seine Organisation ausgerechnet einen wenig bekannten Wald mitten in Niedersachsen zum deutschen "Wald des Jahres" gewählt hat: "Dieser Wald hat wegen seiner strukturierten Mischwälder die Katastrophen der letzten Jahre beinahe unbeschadet überstanden. Diese Art Wald erweist sich heute also so stabil, dass sie uns wichtige Fingerzeige geben kann, wie Wälder in Zukunft aufgebaut sein sollten."

Erdmann entwickelt nachhaltiges Konzept

Dieser "Wald der Zukunft" und das Konzept dahinter ist aber eigentlich schon 130 Jahre. Es ist die Idee von Oberförster Friedrich Erdmann, der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für die Region zuständig war. Als Erdmann 1892 seinen Dienst im Forstamt Neubruchhausen antrat, fand er einen kränkelnden Kiefernwald vor, der kaum Erträge abwarf. Also krempelte er den Wald in den folgenden 30 Jahren vollständig um. Er entwickelte eigenständig ein nachhaltiges Waldbaukonzept für beinahe natürlich wachsende Mischwälder. Und das gegen das Unverständnis vieler seiner Zeitgenossen, die diese vermeintlich ineffiziente Art des Waldbaus nicht verstehen konnten.

"Erdmann, so ein richtiger knorriger Oberförster"

Heute sind die Förster in der Gegend froh, dass er seine Ideen auch gegen Widerstände durchgesetzt hat. Uwe Niedergesäß zum Beispiel. Er hat fast ein ganzes Berufsleben als Förster die Erdmannwälder gepflegt. "Der alte Erdmann, das war wohl so ein richtiger knorriger Oberförster der alten Schule und ein ziemlicher Querkopf", sagt Niedergesäß. "Und auch wenn das, was er hier geschaffen hat, für uns heute etwas mehr Arbeit bedeutet, macht es auch mehr Spaß." Die Erdmannwälder seien ein so abwechslungsreicher Wald, "der genauso aussieht, wie man es als Förster gerne haben möchte".

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 26.11.2021 | 19:30 Uhr

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