Aurich: Aufsichtsrat spricht Klinikchef knapp Vertrauen aus

Stand: 06.02.2021 17:08 Uhr

Der Chef des Klinikverbundes Aurich-Emden-Norden bleibt im Amt. Der Aufsichtsrat sprach ihm am Freitagabend mit knapper Mehrheit das Vertrauen aus.

Der Geschäftsführer des Verbundes, Claus Eppmann, steht in der Kritik, weil er sich Anfang Januar gegen das Coronavirus impfen ließ, noch bevor Ärzte und Pfleger die Impfung bekamen. Aurichs Landrat Olaf Meinen und Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff (beide parteilos) hatten ihn aufgefordert, sein Amt so lange ruhen zu lassen, bis ein externer Gutachter die Vorwürfe geklärt hat, wie NDR 1 Niedersachsen berichtet. "Die Bevölkerung und die Mitarbeiterschaft müssen auf den ordnungsgemäßen Ablauf der Impfungen vertrauen können", hatten beide in einer gemeinsamen Mitteilung am Donnerstag erklärt.

Klinikchef geht an die Öffentlichkeit

Der Klinikchef bat am Mittwoch in einem offenen Brief um Entschuldigung für sein Verhalten. "Zu keinem Zeitpunkt habe ich beabsichtigt, mir aufgrund meiner Funktion oder Position im Unternehmen einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, auch wollte ich keiner Mitarbeiterin und keinem Mitarbeiter etwas wegnehmen oder vorenthalten", schrieb Eppmann in einem offenen Brief. "Dass dieser Eindruck jetzt entstanden ist, bedauere ich zutiefst." Nach Informationen des NDR will ein Ex-Polizist aus dem Ammerland gegen Eppmann Strafanzeige wegen Vorteilsnahme stellen. Es sei unerträglich, dass viele Rettungs- und Pflegekräfte sowie Polizisten ungeimpft im Einsatz seien und ein Geschäftsführer drängele sich vor, sagte der Mann im Gespräch mit dem NDR.

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Offener Brief des Klinik-Chefs Claus Eppmann

Er entschuldigt sich dafür, die Impf-Einladung angenommen zu haben. Er habe keinem Mitarbeiter etwas wegnehmen wollen. Download (1 MB)

Auch Tochter der Impfbeauftragten geimpft

Nachdem am 9. Januar in Aurich die ersten Ärzte und Pfleger geimpft worden waren, sollen insgesamt 38 Impfdosen übrig geblieben sein. Die gingen offenbar nicht nur an die Geschäftsführung, sondern unter anderem auch an die Impfbeauftragte der Klinik und deren Tochter, die gelegentlich in dem Krankenhaus jobbt. Alles Menschen, die aktuell nicht impfberechtigt sind. Von den 2.500 Mitarbeitenden der Kliniken Aurich, Emden und Norden sind dagegen bislang erst knapp 400 geimpft.

Klinikverbund rechtfertigt sich

Der Klinikverbund teilte in einer Stellungnahme mit, dass kurzfristig verfügbare Mitarbeitende aus dem Verwaltungsbereich der Kliniken geimpft worden seien, weil beim Impfstart in den Häusern Anfang Januar am Ende des ersten Tages noch Impfdosen übrig waren. "Dies taten wir, um den kostbaren Impfstoff nicht entsorgen zu müssen", so der Verbund. Die Impfungen hätten nicht zur Folge gehabt, dass impfwilliges Pflege- oder Ärztepersonal nicht geimpft wurde, hieß es.

Wittmunds Klinikchef aus der Schusslinie

Einen weiteren Fall von vorzeitiger Corona-Impfung hat es am Krankenhaus in Wittmund gegeben. Hier haben sich Aufsichtsrat und Kreistag hinter Geschäftsführer Ralf Benninghoff gestellt. Er genieße weiterhin das vollste Vertrauen, teilte der Landkreis Wittmund nach einer Sitzung mit den Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen am Freitag mit. Benninghoff selbst bedauere, dass durch die Berichterstattung der Eindruck entstanden sei, dass er sich auf Kosten anderer Impfwilliger einen Vorteil verschafft habe, heißt es. Es sei nie die Absicht gewesen, anderen Mitarbeitenden die Möglichkeit zu nehmen, sich impfen zu lassen. "Insbesondere vor dem Hintergrund der sich erst danach entwickelnden Impfstoffknappheit im Lande stehe seine Entscheidung, an diesem Tag einer spontanen, nicht geplanten Impfung zugestimmt zu haben, in einem anderen Licht da", so der Landkreis.

Corona-Ausbruch in Klinik Ende Januar

Als der Anruf kam, dass noch fünf Impfdosen übrig sind, sei die Alternative gewesen, sich impfen zu lassen oder diese wegzuwerfen, so der Geschäftsführer gegenüber dem NDR. Das sehen die Pflegekräfte offenbar anders. Eine Krankenschwester sagte dem NDR: "Er hätte auch zu uns nach oben kommen können, wir hätten es genommen." Vielleicht wäre dann der Corona-Ausbruch der vergangenen Tage in der Klinik nicht so schlimm gewesen, spekulierte die Frau. Nach fast 40 Fällen in der Belegschaft hatte das Krankenhaus tagelang schließen müssen.

Landkreis Wittmund will Verteilung ändern

Die Impfkampagne sei beendet gewesen und der Rest des Impfstoffes an die gegangen, die noch da waren, so der Landkreis. Das seien in diesem Fall fünf Verwaltungsbeschäftigte der Klinik gewesen. Sollte künftig Impfstoff übrig sein, hat der Landkreis allerdings eine neue Marschroute: Dann soll der Impfstoff an Mitarbeitende von Pflegediensten, Arztpraxen und an die Polizei gehen.

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"Verwerflich": Scharfe Kritik aus der Politik

Niedersachsens Landesregierung kritisierte das Vorgehen in den Kliniken in Wittmund, Aurich und in der Region Hannover. Regierungssprecherin Anke Pörksen nannte das Verhalten am Freitag in der Landespressekonferenz "verwerflich" und "unsolidarisch". Bei weiteren Fällen ziehe die Landesregierung auch eine Verschärfung des Bußgeldkatalogs in Betracht, hieß es. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Wiard Siebels äußerte massive Kritik. Der Auricher Politiker besteht auf einer lückenlosen Aufklärung. Er sagte NDR.de, nicht nur müsse es dringend eine Antwort auf die Frage geben, wer die Impftermine für die 38 Restdosen organisiert hat. Siebels fordert außerdem, dass sich diejenigen melden, die wie Geschäftsführer Eppmann spontan zum Impfen eingeladen wurden. "Nach meiner politischen Erfahrung kommt das sowieso raus. Besser also, die Begünstigten melden sich selbst", so Siebels.

Patientenschützer fordern strafrechtliche Konsequenzen

Die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft erklärte, keine Einzelfälle beurteilen zu können. Aber die Krankenhäuser in Niedersachsen seien bemüht, das Klinikpersonal, das einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt ist, vorrangig und schnellstmöglich zu impfen. Die Gewerkschaft ver.di erklärte, man erwarte, dass der Impfstoff nur an Pfleger und Ärzte ausgegeben wird. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat unterdessen strafrechtliche Konsequenzen für Menschen gefordert, die sich unrechtmäßig Zugang zur Corona-Impfung verschaffen. Die neue Impfverordnung sollte dies regeln, so die Forderung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.02.2021 | 07:00 Uhr

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