Stand: 05.10.2017 11:22 Uhr

Erschossenes Pferd: Scharfe Kritik am Jagdrecht

Seit etwa fünf Monaten stehen die Islandpferde auf der Weide. Der Jäger habe sich hier ausgekannt und müsse das gewusst haben, sagt Gestüt-Besitzer Anoush Bargh.

Sonntagabend, etwa 19 Uhr: Von einem Hochsitz aus erschießt ein Jäger ein Islandpferd auf einer Weide in Walsrode im Heidekreis. Dämmerlicht, hohes Gras und Schilf: Er habe das Pferd mit einem Wildschwein verwechselt, sagt der Jäger gegenüber der Polizei. Wenige Tage später meldet sich der Gestüt-Besitzer Anoush Bargh zu Wort. Das Pferd gehörte einem Kunden von ihm. Bargh kritisiert, dass der 65-jährige Jäger überhaupt auf die eingezäunte Weide geschossen hat. Er sei ortskundig, müsse wissen, dass seit Monaten fünf Islandpferde auf der Weide stehen. Außerdem fordert Bargh stärkere Kontrollen bei der Verlängerung von Jagdscheinen.

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"Warum schießt der Mann auf die Weide, wo sich wissentlich Pferde befinden?"

"Uns geht es nicht darum, eine Hetzjagd auf den Täter zu veranstalten und die gesamte Jägerschaft zu verurteilen", so Anoush Bargh. Der Jäger habe sich bei ihm kurz nach dem Abschuss des Pferdes gemeldet. "Er war auch betroffen", sagt Bargh. Es habe ihm leid getan. Trotzdem stellt sich Bargh nun viele Fragen: "Warum schießt der Mann auf die Weide, wo sich wissentlich Pferde befinden? Warum schießt er bei Dunkelheit? Warum schießt er in ein Gebiet mit hohem Schilfanteil und schlechter Einsicht? Warum schießt er aus einer Distanz von 182 Metern?" Diese Entfernung hat Bargh nach eigenen Angaben zusammen mit einem anderen Jäger am Tag danach mit einem Laser gemessen.

Ein Jäger muss wissen, auf was er schießt

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Mit einer blauen Tüte hat der Gestüt-Besitzer den Ort markiert, wo das tote Pferd im tiefen Gras lag.

Im Jagdrecht ist genau festgehalten, was Jäger dürfen und was nicht. Es gibt laut der Landesjägerschaft Niedersachsen beispielsweise kein generelles gesetzliches Verbot für weite Schüsse. Außerdem gebe es zwar ein Nachtjagdverbot. Dieses gelte aber nicht für die Jagd auf Wildschweine. Allerdings: Der Schütze ist in jedem Fall für seinen Schuss verantwortlich. Ihn trifft laut Landesjägerschaft eine sogenannte Verkehrssicherungspflicht. Das heißt, dass der Jäger bei der Schussabgabe alles tun muss, damit Dritte nicht zu Schaden kommen. Der Jäger muss sich also sicher sein, auf was er schießt - egal, wie dunkel es ist und egal, wie weit sein Ziel entfernt ist. Das gelte auch auf einer Weide, wo andere Tiere sind. Dort dürfe zwar geschossen werden, sollte sich allerdings ein Tier durch den Schuss erschrecken und verletzen, greife die Haftung des Schützen wegen einer Verletzung der Verkehrssicherungspflicht. "Das gilt erst recht, wenn der Schütze irrtümlich ein Haustier statt eines Wildschweins erschießt", so der Sprecher der Landesjägerschaft. Auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium bestätigt das. Es sei vom Einzelfall abhängig, ob es richtig ist, auf einer Fläche zu jagen, wo Tiere weiden. "Der Jäger haftet für sein Handeln", so ein Sprecher des Ministeriums.

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Bargh: Es hätte theoretisch auch einen Mitarbeiter treffen können

Bargh fordert, dass nicht mehr auf Weiden geschossen werden darf, auf denen Pferde, Kühe oder andere Tiere stehen. "Oder die Jäger stimmen sich mit den Besitzern ab." Denn: "Unter diesen Umständen hätte das Ziel alles sein können. Ein Pferd, ein Wildschwein oder einer unserer Mitarbeiter, beim täglichen Weide-Kontrollgang." Grundsätzlich befürwortet der Gestüt-Besitzer, dass Jäger den Bestand von Wildtieren kontrollieren und sie auch schießen.

Schütze hatte gültigen Jagdschein

Der 65-Jährige, der das Pferd erschossen hat, besitzt laut Polizei einen gültigen Jagdschein. Dieser wird für ein oder drei Jahre erteilt oder verlängert. Die zuständige Behörde muss laut Landesjägerschaft und Landwirtschaftsministerium entscheiden, ob die Voraussetzungen für eine Verlängerung vorliegen. Die Behörde dürfe ein ärztliches Attest, eine amtsärztliche Untersuchung oder eine medizinisch-psychologische Untersuchung von Jägern verlangen. Allerdings nur, wenn Tatsachen bekannt seien, die Bedenken gegen die Zuverlässigkeit oder die körperliche Eignung zum sicheren Führen einer Waffe begründeten. Gelte der Jäger dann als ungeeignet oder verweigere er eine angeordnete Untersuchung, dürfe die Behörde seinen Jagdschein einziehen, heißt es von der Landesjägerschaft.

Landesregierung wollte Jagdgesetz verändern

Anoush Bargh reicht das nicht. Er fordert stärkere Kontrollen bei der Verlängerung des Scheins. "Einen verbindlichen Sehtest beim Augenarzt." Das würde ihm reichen. "Man hantiert ja mit einer Waffe. Der Schein berechtigt, auf Lebewesen zu schießen", sagt Bargh. Und da sei es wichtig, dass der Schütze ausreichende Sehfähigkeit habe. Und die könne sich im Laufe des Lebens verändern. "Dieser Fall, so bedauerlich er zweifelsohne ist, ist unseres Erachtens nicht geeignet, generell eine strengere Prüfung oder gar grundsätzlich eine ärztliche Untersuchung von Jägern zu fordern", so der Sprecher der Landesjägerschaft. Immerhin werde der Jagdschein, anders als der Führerschein, schon jetzt nur befristet erteilt. Die rot-grüne Landesregierung wollte mit einer Novelle des Jagdgesetzes einen verbindlichen Schießnachweis einführen. Danach hätten Jäger jährlich auf dem Schießstand üben müssen, auch um solche Unfälle zu vermeiden. Das teilte das Landwirtschaftsministerium mit. Durch die vorgezogen Neuwahlen konnte das neue Jagdgesetz allerdings nicht mehr verabschiedet werden. "Vorfälle wie dieser zeigen, dass jährliche Schießübungen für Jäger, wie von der Landesregierung geplant, dringend nötig sind. Wir werden das Vorhaben in der nächsten Legislaturperiode umsetzen", so Minister Christian Meyer (Grüne).

Verfahren wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz eingeleitet

Gegen den Schützen hat die Polizei ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz eingeleitet. Außerdem überprüft der Heidekreis als Waffenbehörde die Jagderlaubnis des Mannes. Sollte die Behörde feststellen, dass ein grober Verstoß vorliegt, weil der Schütze leichtfertig mit der Waffe umgegangen ist, kann sie den Jagdschein einziehen, heißt es von der Landesjägerschaft. Nach Angaben des Gestüt-Besitzers wird der Besitzer des Islandpferdes außerdem zivilrechtliche Schritte einleiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 02.10.2017 | 14:30 Uhr

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