Stand: 19.01.2017 07:15 Uhr

Archäologe gräbt "Freie Republik Wendland" aus

von Ann-Kristin Mennen

"Da drüben war das Frauenhaus - da war für uns der Zutritt streng verboten", erzählt Wolfgang Ehmke und zeigt über die große Waldlichtung hinweg in Richtung einer Baumreihe. "Dahinter stand glaub' ich die Solaranlage", meint Bernd Westphal. Eifrig macht sich Attila Dézsi Notizen. Der Archäologe hat viele Fragen an die beiden Männer, mit denen er an diesem kalten Wintertag durch den Wald bei Gorleben stapft. Denn sie haben an dem Ort gelebt, den der Wissenschaftler wieder zum Leben erwecken will: Die "Freie Republik Wendland".

Die Republik Freies Wendland

Wie war das Protestcamp aufgebaut?

Die "Republik" war ein Hüttendorf, das Hunderte Atomkraftgegner 1980 auf einer Bohrstelle errichtet hatten, um gegen Erkundungs-Bohrungen für das geplante Atommüll-Endlager zu demonstrieren. "Ich will rekonstruieren, wie das Protestcamp genau aufgebaut war und wie der Alltag dort ablief", erklärt der 28-jährige Doktorand. Eine Idee, mit der Dézsi oft zunächst auf Unverständnis stößt. "Die Menschen glauben, dass Archäologie sich nur mit der fernen Vergangenheit beschäftigt, aber das ist nicht zwangsläufig so." 

Archäologie der Zeitgeschichte

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03:26 min

Archäologe gräbt "Republik Freies Wendland" aus

18.01.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Im Mai 1980 errichteten Atomkraftgegner das Hüttendorf "Republik Freies Wendland". Ein Archäologe will das Protestcamp wieder ausgraben. Video (03:26 min)

Vielmehr reizt es den Archäologen aus Hamburg schon länger, sich mit der zeitgeschichtlichen Archäologie zu beschäftigen, einer Disziplin, die im deutschsprachigen Raum erst langsam Verbreitung findet. "Ich finde es spannend, wenn meine wissenschaftlichen Ergebnisse auch noch zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs beitragen können", sagt Dézsi. Außerdem stehen dem Wissenschaftler hier - anders als bei traditionellen archäologischen Grabungen - ganz andere Methoden und Quellen zur Verfügung. "Ich kann hier Zeitzeugen befragen, und es gibt wahnsinnig viele Zeugnisse aus der Zeit wie etwa Fotos oder Zeitungsartikel." Zeugnisse, die der Wissenschaftler für sein Promotionsprojekt auch gut gebrauchen kann. Denn wie die rund 100 Hütten aus Lehm und Holz exakt angeordnet waren, wie die Infrastruktur darüber hinaus angelegt war - darüber existieren keine Aufzeichnungen oder gar Pläne. "Das Hüttendorf wurde ja schnell und spontan errichtet, dementsprechend wild wurde gesiedelt", meint Dézsi.

Ausgrabungen sollen im Sommer starten

Freie Republik oder Freies Wendland?

Der Begriff Republik Freies Wendland wird genauso verwendet wie Freie Republik Wendland. So ist z.B. auf alten Dokumenten der Initiative mal der eine, mal der andere Name benutzt worden.

Im Gorleben-Archiv sichtet der 28-Jährige daher derzeit das umfangreich vorhandene Material, fertigt Skizzen an und versucht, sich aus den vielen Einblicken einen Überblick zu verschaffen. "Ich muss ja erst wissen, wo es sich lohnt zu graben, bevor ich beginne", erklärt er. Im Sommer, so plant es Dézsi, werden die Ausgrabungen starten können. Dabei hofft er, nicht nur die Fundamente von Hütten zu finden, sondern auch jede Menge "materielle Kultur", wie es der Forscher nennt. Heißt konkret: "Gegenstände des täglichen Lebens wie Kanister, Glasflaschen, Kleidung." Vieles davon, vermutet Dézsi, liegt noch auf der großen Waldlichtung verborgen unter Erde und Gras. Denn bei der Räumung des Camps am 4. Juni 1980 zerstörten Polizei und Grenzschutz mit Bulldozern die Hütten und ließen die Überreste einfach vor Ort liegen.

"Bedeutsamer Ort der Protestgeschichte"

"Von einem Tag auf den anderen war hier alles zerstört", erinnert sich Bernd Westphal, als die drei Männer die Lichtung auf der ehemaligen Bohrstelle überqueren. Auch Wolfgang Ehmke ist sich sicher, dass Dézsi bei seiner Suche fündig werden wird: "Die Hügel da drüben, die passen hier gar nicht in die Landschaft, darunter findest du bestimmt unsere alten Schlafsäcke", sagt Ehmke und lacht. Alltagsgegenstände, die auf den ersten Blick banal erscheinen - für den Wissenschaftler aber sind sie es nicht. Denn Attila Dézsi hofft, mit seiner Arbeit etwa anzustoßen. "Die Freie Republik Wendland ist ein bedeutsamer Ort der Protest- und Umweltgeschichte", sagt der 28-Jährige. "Dementsprechend wichtig ist es, diesen Ort zu erforschen und die Erkenntnisse an jüngere Generationen weiterzugeben." 

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Wendland wird zum archäologischen Schauplatz

Attila Dézsi will Struktur und Alltagsleben des ehemaligen Protestcamps rekonstruieren. Zwei Jahre lang forscht er in Archiven sowie auf dem Gelände und spricht mit Zeitzeugen. Bildergalerie

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 18.01.2017 | 19:30 Uhr

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