Stand: 13.01.2019 10:37 Uhr

Wietze: Schlachthof-Gegner lassen nicht locker

von Rüdiger Strauch

Früher haben die vorbeifahrenden Autofahrer noch irritiert, manche auch interessiert geguckt. Viele wunderten sich, weshalb an der Ortseinfahrt von Wietze (Landkreis Celle) jeden Montagabend bis zu zwanzig Menschen zusammenstanden, manchmal mit Fackeln, immer mit Transparenten. Heute wundern sich Ortskundige nicht mehr, viele sind gleichgültig. Seit fast zehn Jahren versammelt sich diese kleine Menschengruppe mittlerweile. Und es ist weithin sichtbar, wogegen sich der Protest der Demonstranten richtet: den Schlachthof von Wietze nahe der A7.

Bürger halten eine Mahnwache vor dem Schlachthof in Wietze.

Elze: Bürger protestieren gegen Hähnchenmäster

Hallo Niedersachsen -

In Elze in der Wedemark soll eine Hähnchenmastanlage vergrößert werden – der Schlachthof im nahen Wietze ist nicht ausgelastet. Doch in der Region wächst der Widerstand.

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Spuren von zehn Jahren Schlachthof-Protest

Viele Transparente der Schlachthof-Gegner sind im Laufe der Zeit verwittert. Regen, Schnee und Kälte haben den Schildern in fast zehn Jahren Schlachthof-Protest zugesetzt. Die lange Zeit des gemeinsamen Demonstrierens hat die Menschen am Wietzer Kreisverkehr zusammengeschweißt. Sie mussten seit 2010 mit ansehen, wie der Schlachthof der Firma Rothkötter erst genehmigt, dann hochgezogen wurde, wie er den Betrieb aufnahm, zuletzt wie nach und nach Normalität im Ort einkehrte.

Demonstranten wollen nicht aufhören

"Viele hier vor Ort sagen, wir hätten doch nichts erreicht", sagt Rudolf Hintze. Er gehört zu denen, die jede Woche ihre Mahnwache vor dem Schlachthof abhalten. Aber er denke nicht ans Aufhören. "Das machen wir eben gerade nicht", sagt Hintze und klingt fast ärgerlich. Auch Uschi Helmers weiß, dass die schweigende Mehrheit in Wietze die Proteste längst für überflüssig hält und sogar belächelt. "Aber wir wollen für die schweigende Mehrheit immer ein kleiner Stachel sein. Wir weisen darauf hin: Wenn man über die Klimakatastrophe redet, wenn man über Tierschutz redet, dann steht das auch immer im Zusammenhang mit diesem Schlachthof."

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Kritik an Umweltbelastungen und Export

200.000 Hähnchen werden im Schlachthof Wietze täglich getötet, zerlegt, verpackt. Hähnchenbrustfilets und Hähnchenschenkel für Discounter, Fleisch zu günstigen Preisen - mit all den damit einhergehenden Problemen. Viele Teile der geschlachteten Hähnchen, die in Deutschland kaum zu verkaufen sind, werden ins Ausland exportiert, häufig nach Afrika, wo auf den lokalen Märkten einheimische Landwirte mit ihren teureren Fleischprodukten kaum mehr etwas verkaufen. In Wietze geht es Kritikern meistens um die befürchtete Keimbelastung der Luft rund um den Schlachthof, den ständigen Lkw-Verkehr und die Frage, wie sehr das Grundwasser in Mitleidenschaft gezogen wird.

Bürgermeister freut sich über Einnahmen

Es ist die Kritik einer durchaus auch mal lautstarken Minderheit. "Der Schlachthof ist in Wietze kein wirkliches Thema mehr", meint nämlich der Bürgermeister. Wolfgang Klußmann (CDU) hat sich 2009 dafür eingesetzt, den Schlachthof nach Wietze zu holen. Wietze war damals eine der am höchsten verschuldeten Kommunen im Landkreis Celle. "Heute haben wir uns wieder finanzielle Spielräume erkämpft", sagt Klußmann und wirkt stolz.

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Arbeiter nur mäßig integriert

Wietze baut zurzeit ein neues Rathaus. Dafür ist jetzt Geld da, denn der Schlachthof ist inzwischen größter Gewerbesteuerzahler. Klußmann berichtet von bis zu 800 neuen Arbeitsplätzen, lässt aber auch die Probleme nicht unerwähnt. Bei den meisten Arbeitskräften im Schlachthof handele es sich um Männer aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Viele sprächen kaum Deutsch und seien nur mäßig integriert. Sie bekommen mehr als den Mindestlohn, dennoch hatte der Bürgermeister, das gibt er zu, ursprünglich besser bezahlte Jobs erwartet.

Kleine Erfolge durch die zähen Proteste

"Wo ist der versprochene Wohlstand für viele in Wietze?", fragt denn auch Uschi Helmers von der Mahnwache vor dem Schlachthof. Sie kann sich zwar eingestehen, im Kampf um den Bau der Anlage unterlegen zu sein. Aber einen Erfolg hätten die Demonstranten errungen: Wohl auch wegen der sichtbaren Proteste gegen den Schlachthof hätten sich kaum Landwirte im Landkreis Celle getraut, Hähnchenmastanlagen zu bauen. Denn so war es ja eigentlich gedacht: Der Schlachthof sollte mit Hähnchen aus der Umgebung beliefert werden. Die Lkw, die heute auf dem Gelände ein- und ausfahren, kommen aber von weither: Italien, Dänemark, Slowenien. Solch lange Transportwege seien zwar eine Qual für die Hühner, räumen die Schlachthof-Gegner ein, aber sie wollten es nicht zulassen, dass die Lieferkette dem Betreiber allzu einfach gemacht wird.

Gleichgültigkeit als Motivation

In Elze, nur etwa fünf Kilometer von Wietze entfernt, sollen zwar zwei bestehende Mastanlagen um zwei weitere Ställe erweitert werden, doch das ist die Ausnahme in der Region. Zumindest diesen Erfolg verbuchen die Gegner des Schlachthofs von Wietze für sich und kündigen an, auch über den zehnten Jahrestag der Gründung ihrer Bürgerinitiative im September dieses Jahres hinaus ihre Mahnwachen am Ortseingang abzuhalten. Die Gleichgültigkeit vieler Mitbürger scheint sie dabei nur noch weiter anzustacheln.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 12.01.2019 | 19:30 Uhr

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