Stand: 10.02.2016 14:51 Uhr  | Archiv

VW-Rückruf: Ist mein Amarok noch der Alte?

von Jürgen Gemen und Björn Siebke

Stefan Ader wollte es einfach ganz genau wissen. Der gelernte Automechaniker aus dem Harz wollte sicher sein, dass sein dieselgetriebener Volkswagen, dem VW ab Werk die Betrugssoftware mitgegeben hatte, nach dem Rückruf noch der Alte ist: nämlich ein 163 PS starker Pick-up vom Typ Amarok. Zusammen mit NDR.de und Hallo Niedersachsen ist Stefan Ader deshalb auf "Nummer sicher" gegangen. Er hat seinen Amarok auf einen zertifizierten Prüfstand gestellt, und zwar einmal vor dem Update der Motorsoftware und einmal danach. Das Ergebnis der aufwendigen Untersuchungen war bemerkenswert.

VIDEO: Wie fährt der Amarok? (4 Min)

Der Amarok ist stärker als er sein muss

Los ging es mit einer Überraschung. Beim ersten Lauf auf dem Rollenprüfstand bescheinigte das Protokoll der Leistungsmessung dem Amarok nämlich eine Leistung von 173 PS: Nicht schlecht, denn laut Fahrzeugpapieren hat der Wagen nur 163 PS. Nachdem auch eine Wiederholung diesen Wert bestätigte, ist klar: Stefan Ader hat ein Auto, das mehr leistet, als es muss. Für die Fachleute auf dem Prüfstand kam das nicht überraschend. Abweichungen nach oben sind demnach durchaus häufig. Und die wenigsten Kunden beschweren sich deswegen beim Hersteller.

Beim Update geht alles ganz schnell

Am Tag nach der ersten Leistungsmessung bringt Stefan Ader seinen Amarok in die VW-Werkstatt. Das Update ist schnell aufgespielt. Der Wagen bekommt die Software, die das Kraftfahrtbundesamt für diesen Typ freigegeben hat. Damit ist der Wagen jetzt wieder in dem Zustand, den er seit der Erstzulassung im Juni 2012 eigentlich haben sollte: Er hält auf dem Rollenprüfstand alle in Deutschland geltende Grenzwerte ein, und das auch ohne die Betrugssoftware.

Dann ist doch jetzt alles gut, oder?

Doch die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten bedeutet keinesfalls, dass der Amarok jetzt ein Umweltengel ist. Die Grenzwerte werden nur auf dem Rollenprüfstand getestet - und nur diese Werte entscheiden über die Zulassung eines Kraftfahrzeugs. Das war schon immer so und ist jetzt auch nach dem VW-Abgasskandal so. Was auf der Straße im realen Fahrbetrieb aus dem Auspuff wabert, war bislang für den Gesetzgeber nicht relevant und ist es auch weiterhin nicht. Zwar sollen die auf dem Prüfstand gefahrenen Testzyklen künftig stärker der Realität angepasst werden. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Deshalb wird Stefan Ader auch nicht verbindlich und im Zweifel gerichtsfest feststellen können, ob sein Amarok jetzt nach dem Update mehr verbraucht als vorher. Dafür hätte er vorher und nachher absolut identische Fahrzyklen auf der Straße absolvieren müssen - bei gleichem Wetter, bei gleichen Verkehrsverhältnissen, bei absolut gleicher Fahrweise: praktisch ist das kaum möglich.

Immerhin die Leistung kann man zuverlässig messen

Umso gespannter war Stefan Ader, ob denn die Leistung eventuell unter dem Update gelitten hat. Also ging es noch einmal auf den Prüfstand, wo der Amarok zeigen musste, was jetzt noch in ihm steckt. Bei identischen Testbedingungen wurde schnell deutlich: Der Amarok ist (fast) ganz der Alte. Mit 171,1 PS fehlen zur Messung vor dem Update 1,9 PS. Eine weitere Kontrollmessung ergab sogar 171,5 PS. Das liegt absolut im Rahmen der zulässigen Messtoleranz. Und außerdem ist es immer noch mehr als die 163 PS, die im Fahrzeugschein stehen: Stefan Ader ist happy. Alles ist gut.

Volkswagen sagt: Haben wir doch schon vorher gesagt

Normalerweise tun sich Sprecher von Volkswagen extrem schwer damit, Einzelheiten zum Diesel-Betrugsskandal zu kommentieren, und dann auch noch öffentlich vor einer Kamera. Das war in diesem Fall anders. Das Unternehmen hatte schon vor dem Test zugesagt, zu einem Ergebnis - wie auch immer es ausfällt - Stellung zu beziehen. Und das tat VW-Sprecher Pietro Zollino dann auch: "Wir haben gesagt, mit dem Software-Update soll es keine Nachteile geben. Und das bestätigt ja auch Ihre Messung. Das ist ein sehr wichtiger Schritt dahingehend, dass wir das Vertrauen der Kunden wieder zurückgewinnen."

Noch ein weiter Weg

Diesem Schritt werden aber wohl noch viele weitere folgen müssen. Insgesamt muss VW weltweit das Vertrauen von elf Millionen Pkw-Besitzern zurückgewinnen. Die betroffenen Kunden in den USA bekommen neben einem Rückruf und guten Worten immerhin auch 1.000 Dollar Entschädigung. In Deutschland ist das - trotz reichlicher Proteste - bisher nicht vorgesehen.

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Hallo Niedersachsen | 10.02.2016 | 19:30 Uhr

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