Ein Justizbeamter steht zur Prozessbeginn in der Stadthalle Braunschweig. © picture alliance/dpa/dpa Pool | Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte

VW-Prozess: Anklage untermauert Vorwürfe gegen Winterkorn

Stand: 16.09.2021 13:22 Uhr

Zur Eröffnung des Strafverfahrens gegen vier frühere VW-Führungskräfte hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig ihre Vorwürfe bekräftigt - insbesondere gegen den damaligen Konzernchef Winterkorn.

Die ehemaligen Führungskräfte des Autobauers müssen sich seit Donnerstag vor dem Landgericht Braunschweig unter anderem wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs mit manipulierter Software in Millionen Autos verantworten. Martin Winterkorn ist zunächst nicht im Prozess dabei: Der Verfahrensteil gegen ihn wurde vom Gericht aufgrund gesundheitlicher Probleme nach einer Operation abgetrennt und soll zu einem späteren Zeitpunkt starten. Wann genau, ist noch unklar. Doch bereits am ersten Prozesstag war Winterkorns Rolle Thema: Die Ankläger hoben die aus ihrer Sicht klare Mitverantwortung des Ex-Konzernchefs hervor.

Notiz in "Wochenendpost" soll Winterkorn informiert haben

Deutlich bevor der Konzern im Herbst 2015 den Betrug mit der Abschalteinrichtung in Dieselfahrzeugen gegenüber den US-Behörden einräumte, hätten nicht nur leitende Ingenieure und einige Mitglieder des mittleren Managements, sondern auch der Vorstandsvorsitzende von der Täuschungsstrategie gewusst, erklärte eine Staatsanwältin am Donnerstag. Nach Überzeugung der Anklagebehörde erfuhr Winterkorn etwa über die Notiz eines Vertrauten in seiner "Wochenendpost" relativ frühzeitig, dass Dieselautos in den USA bei Tests von Wissenschaftlern im Jahr 2014 die zulässigen Stickoxid-Grenzwerte um das bis zu 15- bis 35-Fache überschritten.

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"Wir haben beschissen"

Laut Anklage nahm Winterkorn das zur Kenntnis, stoppte aber die weitere Verwendung der Betrugssoftware in Diesel-Autos nicht. "Er entschied sich gegen eine Offenlegung und hoffte, die Rechtsverstöße weiter verschweigen zu können", hieß es in der Verlesung der Anklage. Spätestens bei einer Manager-Besprechung Ende Juli 2015 sei die Abschaltautomatik offen thematisiert worden. Winterkorn habe seinen Vertrauten zur Vorbereitung angerufen. Dieser habe dem damaligen Konzernchef gesagt: "Wir haben beschissen."

Anklage: Alle einig, Abschaltfunktion zu verschweigen

Während der Sitzung sei unter anderem der Umfang drohender Strafzahlungen für rund 500.000 manipulierte Dieselfahrzeuge in den Vereinigten Staaten diskutiert worden. Leitende Ingenieure hätten einen Wutausbruch von Winterkorn befürchtet - der sei jedoch ausgeblieben, hieß es in der Anklage weiter. Alle Anwesenden seien sich einig gewesen, die Abschaltfunktion gegenüber der kalifornischen Umweltbehörde CARB weiterhin zu verschweigen. Ein in Braunschweig ebenfalls angeklagter hoher Entwickler habe daraufhin bemerkt, da sei etwas "voll schiefgelaufen."

133 Verhandlungstage bis 2023 angesetzt

Wegen des großen öffentlichen Interesses wird der Prozess zunächst in der Stadthalle Braunschweig verhandelt. Das Landgericht hat 133 Verhandlungstage bis 2023 angesetzt. Im Fall einer Verurteilung drohen den Angeklagten mindestens sechs Monate Haft, in schweren Fällen bis zu zehn Jahre. Teilweise werden den Angeklagten wegen der in Zulassungsverfahren und Papieren falsch deklarierten Diesel-Abgaswerte noch Delikte wie Steuerhinterziehung, strafbare Werbung sowie Beihilfe vorgeworfen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.09.2021 | 12:00 Uhr

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