Stand: 16.03.2019 19:37 Uhr

Missbrauch in Wohngruppe: Diakonie "entsetzt"

Eine familienähnliche Wohngruppe in Gifhorn ist nach Missbrauchsvorwürfen geschlossen worden.

In einer Wohngruppe in Gifhorn sollen junge Mädchen missbraucht worden sein. Unter Verdacht steht das Ehepaar, das die Gruppe mehr als 25 Jahre geleitet hat - bis Januar 2019, als Anzeige erstattet wurde. In der Gruppe waren Kinder und Jugendliche untergebracht, die ein sicheres Zuhause brauchten. Teilweise waren sie schwer traumatisiert, wie das NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen berichtet. Das Konzept erklärte Ingetraut Steffenhagen von der Diakonie in Gifhorn, bis 2007 Trägerin des Projekts: "Das ist eine Familienwohngruppe, bis zu fünf Kinder sind dort untergebracht. Die meisten können in der Herkunftsfamilie nicht mehr bleiben." Die Gründe seien unterschiedlich, häufig sei das Wohl des Kindes in seiner eigenen Familie gefährdet. Das Jugendamt suche dann eine andere Unterbringung, die so weit wie möglich "den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen entgegenkommt". Eine familienähnliche Situation sei dann besonders bei jüngeren Kindern gut.

Das Haus des Ehepaars in Gifhorn, das mehrere Mädchen in einer Wohngruppe missbraucht haben soll.

Missbrauchsfall: Diakonie zeigt sich bestürzt

Hallo Niedersachsen -

Nach dem mutmaßlichen Missbrauch von Kindern durch ein Ehepaar in einer Gifhorner Wohngruppe verspricht die Diakonie als deren ehemaliger Träger Hilfe bei der Aufklärung.

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Opfer waren zwischen 6 und 16 Jahre alt

Dass die Kinder in der Wohngruppe des verdächtigen Ehepaars offensichtlich nicht den sicheren Ort fanden, den sie brauchten, habe die Diakonie entsetzt und bestürzt, sagte Steffenhagen zu Hallo Niedersachsen. "Das hätten wir uns so nicht vorstellen können." Deshalb habe man sofort und vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft Hildesheim zusammengearbeitet. Die Staatsanwaltschaft wirft den Eheleuten vor, zwischen 1998 und 2007 vier junge Bewohnerinnen sexuell missbraucht und misshandelt zu haben. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit. Alle Opfer seien zum Zeitpunkt der jeweiligen Tat zwischen 6 und 16 Jahre alt gewesen. Sie lebten zu unterschiedlichen Zeiten in der Wohngruppe, wie Oberstaatsanwalt Christian Gottfriedsen Hallo Niedersachsen sagte. Es sei nicht auszuschließen, dass sich durch die Ermittlungen Hinweise auf weitere Taten ergeben, hieß es. Beide Verdächtigen sitzen in Untersuchungshaft.

Vorwurf: Elf Fälle von Kindesmissbrauch

Haupttäter soll der Ehemann sein. Er soll an den Opfern quälerische und erniedrigende Handlungen vorgenommen haben, berichtet Hallo Niedersachsen. Seine Frau unternahm laut Vorwurf der Staatsanwaltschaft nichts, obwohl sie von den Taten gewusst haben müsse. In einem Fall soll sie sich zudem an Misshandlungen beteiligt haben. Konkret besteht gegen den Mann der dringende Verdacht des sexuellen Missbrauchs von Kindern in elf Fällen, in einem dieser Fälle zusätzlich der Misshandlung von Schutzbefohlenen, sowie in weiteren vier Fällen der Verdacht der Misshandlung von Schutzbefohlenen. Bei der Frau geht es um Misshandlung von Schutzbefohlenen in fünf Fällen.

2007 wechselte der Träger

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Die Diakonie habe sich 2007 wegen pädagogischer Differenzen von dem Ehepaar getrennt, sagte Ingetraut Steffenhagen.

Nach Angaben der Diakonie Gifhorn sind beide Eheleute Pädagogen. Das ist laut Ingetraut Steffenhagen Voraussetzung, weshalb es nicht einfach sei, Personal für Familienwohngruppen zu finden. "Beide müssen eine pädagogische Ausbildung haben, also mindestens Erzieher sein." Seit 1994 habe das Ehepaar die Wohngruppe geleitet. 2007 beendete die Diakonie die Zusammenarbeit: "Wir haben relativ früh begonnen, bestimmte Transparenz-Standards einzufordern. Dieses Ehepaar wollte das seinerzeit nicht mitgehen, das war einer der Gründe, warum wir uns getrennt haben." Die Trennung sei einvernehmlich erfolgt. "Es passte einfach nicht mehr", so Steffenhagen.

Das Ehepaar führte die Wohngruppe dann weiter mit Life Concepts, dem Jugendhilfe-Zweig des Diakoniewerks Kirchröder Turm, als Träger. Dort bemüht man sich nach eigenen Angaben ebenfalls, die Ermittlungen zu unterstützen. Regelmäßig müssten die Betreuer ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, sagte Hans-Peter Pfeifenbring vom Diakoniewerk Kirchröder Turm. Die Führungszeugnisse der Eheleute hätten keine Einträge aufgewiesen. Zuständig für die Aufsicht ist das Landesjugendamt. Die Belegung des Hauses regelte das Jugendamt in Gifhorn.

Ältere Kinder beschwerten sich: "Wir möchten dort nicht bleiben"

Sogenannte familienanaloge Wohngruppen würden heute intensiv begleitet, erklärte Steffenhagen. Regelmäßig kämen die Betreuer und Bewohner der verschiedenen Gruppen zusammen. Zudem gebe es eine Fachberatung, die die Familien auch besuche und mit den Kindern und Betreuern spreche. So engmaschig seien die Gruppen zur Zeit der mutmaßlichen Taten jedoch noch nicht betreut worden. "Wir sind ganz anders aufgestellt als damals", sagte Steffenhagen. "Aber wir fragen uns natürlich, ob wir vielleicht etwas übersehen haben." Hinweise auf sexuelle Übergriffe oder Gewalt in der betroffenen Gruppe habe es "an keiner Stelle" gegeben. Es sei vorgekommen, dass ältere Kinder sich negativ äußerten: "Sie haben gesagt, wir möchten dort nicht bleiben, uns gefällt es dort nicht. Das war aber immer auf das pädagogische Konzept bezogen."

Frühere Bewohnerin zeigte Paar an

Eine inzwischen erwachsene Frau, die früher in der Wohngruppe lebte, hatte im Januar Anzeige erstattet. Am selben Tag wurde die Wohngruppe geschlossen und die dort Betreuten, zu diesem Zeitpunkt drei Personen, wurden woanders untergebracht. Bei mehreren Hausdurchsuchungen wurde Beweismaterial sichergestellt, "das den Tatverdacht untermauerte", so die Staatsanwaltschaft. Die komplette Auswertung werde jedoch Monate dauern: Dokumente und Datenträger mit einem Volumen von 90 Terabyte liegen den Ermittlern vor. Es bestehe der Verdacht, dass das Paar von den Taten auch Foto- und Filmaufzeichnungen erstellt haben könnte, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Ermittler wollen alle früheren Bewohner befragen

Insgesamt 30 Beamte aus Gifhorn und Braunschweig ermitteln in dem Fall. Sie wollen den Angaben zufolge zunächst alle früheren Mitglieder der Wohngruppe ausfindig machen und als Zeugen vernehmen. Das düfte allerdings nicht einfach werden: Wie Steffenhagen Hallo Niedersachsen sagte, müssen die Akten der betreuten Kinder zehn Jahre, nachdem sie die Wohngruppe verlassen haben, vernichtet werden. Man versuche nun, mithilfe von Abrechnungen mit Jugendämtern und anderen Unterlagen nachzuvollziehen, wer wann in der Gruppe gelebt hat.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 16.03.2019 | 19:30 Uhr

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