Stand: 29.12.2017 13:28 Uhr

Aldi statt Stadtmauer in Königslutter?

von Tino Nowitzki
Diskussionsstoff in Königslutter: Weil Aldi in der Stadt umziehen möchte, soll die Stadtmauer weichen. (Grafik)

Fast wäre Königslutter am Elm von anderen niedersächsischen Kleinstädten kaum zu unterscheiden: eine in fünf Minuten durchschrittene Fußgängerzone, ein Bahnhof, an dem ausschließlich Regionalbahnen bremsen und drumherum ein Gürtel aus adretten Einfamilienhäusern. Industrie? Hektische Geschäftigkeit? Fehlanzeige. Doch etwas hebt die Stadt heraus: mittelalterliche Bauten wie der imposante Kaiserdom, Fachwerkhäuser und die Reste der historischen Stadtmauer. Zumindest war sie das fast 800 Jahre lang. Denn die Stadtverwaltung hegt nun Zweifel am Alter - just in dem Moment, in dem ein Aldi-Markt auf das Gelände umziehen möchte. Die Stadtmauer soll nun abgerissen werden und die Bürger sind empört.

Aldi will näher an die Innenstadt

Aber wie kam es dazu? Ende September legt Königslutters Bürgermeister Alexander Hoppe (SPD) dem Ortsrat einen städtebaulichen Entwurf vor. Dieser beinhaltet neben anderen Umgestaltungs-Vorschlägen für die Innenstadt unter anderem das Konzept eines Supermarkts direkt an der Bundesstraße 1, in unmittelbarer Nähe zum historischen Stadtkern. Die Idee kommt vom Discounter Aldi selbst. Denn der möchte gerne von seinem jetzigen Standort näher ans Zentrum rücken. Doch auf dem anvisierten Areal stehen Teile der historischen Stadtmauer, die für den Supermarkt und die dazugehörigen Parkplätze weichen müssten.

Discounter gegen kulturelles Erbe

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Ob der fragliche Teil der Stadtmauer trotz Denkmalschutz abgerissen werden kann, will Königslutters Bürgermeister prüfen lassen.

Das stößt einigen Mitgliedern des Rats übel auf. "Wie kann man auf die Idee kommen, die fast 800 Jahre alte Stadtmauer für einen Aldi-Markt zu opfern, der schon mehrfach in der Stadt umgezogen ist?", fragt Ratsherr Uli Kleinfeldt von der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG). Schließlich sei gerade die historische Bebauung ein Trumpf für Königslutter. So findet sich auch auf der offiziellen Homepage der Stadt der selbstbewusste Satz: "Königslutter besitzt ein reiches geschichtliches und kulturelles Erbe, dessen Pflege an die Stadt hohe Ansprüche stellt". Doch Moment - was ist, wenn die Stadtmauer gar nicht zu dem Erbe gehört? Bürgermeister Hoppe jedenfalls lässt prompt seinen Stadtarchivar Wilfried Kraus prüfen, ob es sich bei dem Stück Stadtmauer überhaupt um ein historisches Bauwerk handelt.

Kreisarchäologin: "Mittelalterliche Stadtmauer"

Und der hegt seine Zweifel: "Dort ist zwar die Stadtmauer verlaufen", sagt Kraus. Und auch die Fundamente seien wohl aus dem Mittelalter. Obendrauf sei aber wahrscheinlich nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg neues Mauerwerk gesetzt worden. Außerdem habe es in dem Bereich auch Häuser und Stallungen gegeben. Kraus: "Das könnten also auch Wände eines alten Stalls sein." Stall statt Stadtmauer? Grund genug für Bürgermeister Hoppe, an dem Aldi-Plan festzuhalten. Doch ein Blick in die historischen Unterlagen hätte dem Stadtoberhaupt mehr Klarheit verschafft. Die Kreisarchäologin des Landkreises Helmstedt, Monika Bernatzky, wacht über die Akten zur Stadtmauer. Sie sagt: "Bei uns ist der Bereich eindeutig als stadtgeschichtlich bedeutsamer Abschnitt der mittelalterlichen Stadtmauer geführt."

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Ausgrabungen räumen Zweifel aus

Eine Einschätzung, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt. Denn 1984 gab es eine umfangreiche Ausgrabung, initiiert vom Land. Die Expertise damals ergab, dass das umstrittene Stück "eindeutig als alte Stadtmauer, vermutlich des späten 13. oder frühen 14. Jahrhunderts" anzusehen sei. Zwar sagt auch Bernatzky, dass ein Teil des Mauerwerks später erneuert worden sein könnte. "Aber das ändert nichts am Charakter der mittelalterlichen Mauer", so die Kreisarchäologin. Dazu kommt: Der Abschnitt, der für den Aldi-Markt weichen soll, ist denkmalgeschützt. Nur unter bestimmten Umständen dürfte aus Sicht des Gesetzgebers an ihn Hand angelegt werden. "Die treffen bei einem Supermarkt aber garantiert nicht zu", sagt Bernatzky.

Bürgermeister: "Arbeitsplätze halten"

Königslutters Bürgermeister Hoppe kennt die Unterlagen mittlerweile. Trotzdem möchte er einen Abriss bei Bernatkzys Behörde prüfen lassen: "Wir werden das mit dem Kreis besprechen", so Hoppe. Doch für die Kreisarchäologin ist klar: Eine Prüfung würde umfangreiche, womöglich Zehntausende Euro teure Ausgrabungen nach sich ziehen. All der Ärger - nur für einen Supermarkt? Hoppe bleibt beharrlich: Der fragliche Standort sei die einzige vernünftige Lösung für einen neuen Aldi-Markt. Er fürchte zudem, dass Aldi Königslutter verlassen könnte, sollte der Discounter nicht das angepeilte Grundstück bekommen: "Es geht letzten Endes hier ja auch um die Frage von Arbeitsplätzen, Verhinderung des Kaufkraftabflusses und anderer Dinge", sagt der Bürgermeister. Tatsächlich beschäftigt Aldi Nord nach eigenen Angaben aktuell gerade zehn Mitarbeiter in Königslutter.

Bürgeriniative protestiert vergeblich

UWG-Ratsherr Uli Kleinfeldt befürchtet derweil, dass ein Aldi-Umzug an die Innenstadt heran sogar wirtschaftliche Nachteile bringen könnte. Die meisten würden nur kurz bei Aldi einkaufen, ihren Kofferraum voll packen und dann wieder fahren, so der Lokalpolitiker. In die kleinen Innenstadtgeschäfte kämen dann hingegen noch weniger Kunden. Doch nicht nur im Rat gibt es Gegenwind für die Pläne von Aldi und Bürgermeister Hoppe. Inzwischen hat sich auch eine Bürgerinitiative gegründet: "Kein Aldi an der B 1". Neben dem drohenden Abriss der Stadtmauer fürchten ihre Mitglieder auch Verkehrschaos, denn nahe der Aldi-Zufahrt lägen dann mehrere Kreuzungen. Die Initiatoren haben Königslutters Bürgermeister deswegen mehr als 1.300 Protest-Unterschriften überreicht. "Die liegen auch auf meinem Schreibtisch", sagt Hoppe. Einfluss auf die weiteren Planungen hätten sie aber nicht.

Mauer als Parkplatz-Schmuck?

Stattdessen soll es im Frühjahr eine Bürgerbefragung zu dem Thema geben. Ob die dann bindend sein wird, sei aber eine andere Frage, so Hoppe. Zunächst müsse geklärt werden, ob der Aldi-Umzug verkehrstechnisch sinnvoll wäre. Und natürlich, ob die Stadtmauer nun weg kann oder nicht. Der Bürgermeister hält einen Abriss jedenfalls für wenig dramatisch: "In einem so guten Zustand ist sie ja nicht", sagt Hoppe. Hinzu kommen die Pläne von Aldi, die dem NDR vorliegen. Demnach sollen Teile des alten Gemäuers genutzt werden, um eine neue Mauer zu errichten, die der ursprünglichen Stadtmauer ähnelt und die später die Parkplätze des Supermarkts zieren soll. "Die Stadtmauer wäre dann ja nur an einem anderen Platz", sagt Hoppe. Für Kreisarchäologin Bernatzky wäre auch das keine hinnehmbare Alternative: "Ein Wideraufbau hat nichts mehr mit dem Denkmal zu tun."


29.12.2017 13:27 Uhr

In einer früheren Version des Beitrags stand, dass die Bürgerinitiative "Kein Aldi an der B1" 800 Unterschriften gesammelt hat. Diese Information war veraltet. Tatsächlich sind es mittlerweile mehr als 1.300 Unterschriften.

 

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Dieses Thema im Programm:

Regional Braunschweig | 18.12.2017 | 17:00 Uhr

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