Stand: 17.01.2017 16:21 Uhr

Ästhetik als Mittel gegen Windpark-Frust?

von Tino Nowitzki
Windräder sind auffällig und deswegen oft unbeliebt. Ein Arbeitskreis aus Experten glaubt, dass durch eine veränderte Anordnung der Anlagen deren Akzeptanz bei den Menschen größer wird.

Windkraft ist ein Reizthema, das die Gemüter spaltet. Für die Bundesregierung ist sie das "Rückgrat der Energiewende", für viele Menschen ein Ärgernis. Letzteres gilt oftmals für jene, die in direkter Nachbarschaft von Windkraftanlagen leben: Häufig hagelt es dann Beschwerden über die oft mehr als 100 Meter hohen Türmen und riesigen Rotorblätter, die schon aus großer Entfernung sichtbar sind. Doch was wäre, wenn man die Anlagen einfach anders hinstellt? Am besten so, dass sie besser in die Landschaft passen? Das zumindest ist die Idee des Arbeitskreises Ästhetische Energielandschaften - ein Zusammenschluss von Architekten und Wissenschaftlern aus Niedersachsen. Die Experten wollen die Akzeptanz von Windenergie-Anlagen zu verbessern. Aber bringt ein bloßes Umstellen überhaupt etwas?

Technisierung der Landschaft

Für Gudrun Beneke fing alles mit einer einfachen Frage an: Bis 2050 soll der gesamte Strom in Deutschland aus erneuerbaren Energien kommen - so hat es die Politik in den Schaltzentralen der Großstädte festgelegt. Nur wie sieht dann eigentlich die Gegend drumherum aus? Die Braunschweiger Architektin fand eine für sie beängstigende Antwort: Der Flächenverbrauch würde gigantisch sein - eine Technisierung der Landschaft die Folge. Beneke bekam Sorgenfalten. Und stand nicht allein. Etwa ein halbes Dutzend niedersächsische Architekten und Wissenschaftler gehören mittlerweile zum Arbeitskreis Ästhetische Energielandschaften, ein Teil des Netzwerks Baukultur Niedersachsen. Dass sie es als Erstes auf Windkraft abgesehen haben, ist kein Zufall. Denn nach der Auffassung der Netzwerker ist sie eng verknüpft mit einem eklatanten Problem des ländlichen Raums.

Wie Kraut und Rüben

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Die Architektin Gudrun Beneke findet: Viele Windkraftanlagen haben keinen Wiedererkennungs-Wert.

Seit Langem kämpft man dort vielerorts mit Abwanderung und dem Wegfall dörflicher Infrastruktur. "Und nun stellen wir da noch gedankenlos Windräder hinein", meint Gudrun Beneke. Klar gebe es da Vorgaben und Richtlinien - aber die Ästhetik bleibe außen vor. Wie das anders geht, haben sie und ihre Kollegen vom Arbeitskreis nun in zwei Fallstudien gezeigt. Eine davon ist der Windpark Winnigstedt-Gevensleben im ostbraunschweigischen Hügelland: 25 riesige, weiße Windmühlen thronen dort inmitten grüner Wiesen und bunter Felder auf einer Anhöhe. Aufgestellt sind sie in einem losen Muster. Doch das sei gerade der Fehler, findet Architektin Beneke: "Das sieht aus wie Kraut und Rüben und hat keinen Wiedererkennungswert."

Verspielte Muster statt Windanlagen-Klumpen

Drei Alternativen hat der Arbeitskreis erdacht: einmal ein kompaktes Muster, in dem die Windkraftanlagen in gleichmäßigen Abständen zueinander stehen, in der zweiten stehen die Räder in ordentlich gezogenen Reihen. So soll die Kontur der Landschaft - in dem Fall sanfte Bodenwellen - am besten betont werden. Beneke: "Man kann da mit den Mustern spielen." Die dritte Idee: die klumpige Form des jetzigen Windparks aufbrechen und die Anlagen quasi auf die linke und rechte "Schulter" des Hügels setzen. Dass dabei zwei der bestehenden Windräder der Schönheit willen nicht mehr in das Muster passen, ist für die Ästhetik-Expertin nicht problematisch: "Man kann sie ja an anderer Stelle wieder aufstellen." Ohnehin müsse man lernen, bei der Planung von Windkraftanlagen zukünftig großräumiger zu denken. Doch ist das alles überhaupt realistisch?

Gesetzesänderung nötig?

Immerhin gibt es für das Aufstellen von Windkraftanlagen Regeln: Regionalverbände legen fest, welche Gegenden als Wind-Vorranggebiete gelten und wo Windenergie-Nutzung grundsätzlich möglich ist, Landkreise und Kommunen entscheiden dann über genaue Lage und Anordnung der Maschinen. Mit der Landschaft setze man sich in diesen Verfahren dabei durchaus intensiv auseinander, sagt Manuela Hahn. Sie ist Erste Verbandsrätin des Zweckverbands Großraum Braunschweig - ein Gebiet, in dem auch der Winnigstedter Windpark liegt. So können beispielsweise landschaftlich herausragende Gebiete von vornherein von Windkraftanlagen frei gehalten werden. Aber: "Windräder ausschließlich nach ästhetischen Gesichtspunkten zu errichten, ist nach aktueller Rechtslage nicht möglich", so Hahn. Dazu müsse der Bundesgesetzgeber grundlegende Änderungen verschiedener Gesetze vornehmen, wie dem Baugesetzbuch oder dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Änderungen, die derzeit aber nicht absehbar seien.

Hersteller-Verband: "Über die Anordnung entscheiden andere Kriterien"

Auch der Bundesverband Windenergie als Vereinigung der Anlagen-Hersteller hat Probleme bei dem Begriff "Ästhetik" im Zusammenhang mit Windparks: "Ob die Anlagen als ästhetisch wahrgenommen werden oder nicht, ist eine hoch individuelle Betrachtung", sagt Verbandssprecher Wolfram Axthelm. Deswegen lasse sich darauf keine so komplexe Planung aufbauen, wie sie zur Errichtung von Windkraftanlagen erforderlich ist. Gerade über die Anordnung würden ganz andere Kriterien entscheiden: das Verwirbeln der Luftströmung durch die Windräder beispielsweise und den damit eventuell verbundenen Ertragseinbußen bei der Energie. Dass Windkraftanlagen grundsätzlich prägnante Objekte sind, bezweifelt der Hersteller-Verband nicht. Er erinnert aber an die Windmühlen, die bis vor ein paar Hundert Jahren ebenso die Kulturlandschaft geprägt haben.

Mehr Zustimmung zu Windkraft in anderen EU-Ländern

Für Martin Prominski vom Institut für Freiraumentwicklung der Universität Hannover und ebenfalls Mitglied im Arbeitskreis Ästhetische Energielandschaften sind das aber zwei Paar Schuhe. Zwar sei das Landschafts-Ideal der Deutschen tatsächlich vorindustriell geprägt, mit Bildern von grünen Hecken und Streuobstwiesen. Aber alles Technische, und dazu zählten Windkraftanlagen, würde als Störenfried empfunden. "Dazu sind sie einfach optisch zu dominant und tragen deutlich die Handschrift des Menschen", findet Prominski. Dass eine ästhetischere Aufstellung aber etwas bring, hätten dagegen Beispiele aus anderen Ländern gezeigt: So werde das in Schottland, Dänemark und Frankreich von vornherein bei der Planung beachtet und die Zustimmung der Menschen sei oft bei fast 100 Prozent, so der Forscher. Seiner Meinung liege das auch daran, dass dort Menschen, in deren Nähe Windparks entstehen sollen, bei der Planung mit einbezogen werden. Prominski: "Wenn man aus drei, vier Entwürfen für einen Park entscheiden kann, ist die Akzeptanz natürlich viel höher." Eine Praxis, die der Arbeitskreis auch für Deutschland empfiehlt.

Windpark-Gegner: "Was soll Ästhetik bringen?"

Doch was denken Windkraft-Gegner? Im niedersächsischen und hessischen Teil des Weserberglands bei Hann. Münden regt sich seit Jahren Widerstand gegen den geplanten Windpark, der mitten im Reinhardswald entstehen soll - einem Teil der Deutschen Märchenstraße und bekannt als Schauplatz Grimmscher Märchen. Für Rüdiger Menke von der Bürgerinitiative Pro Reinhardswald wäre es kaum vorstellbar, dass eine Neu-Anordnung der geplanten Windräder etwas ändert. "Die Dinger ragen Hunderte Meter aus dem Wald. Was sollte das denn bringen?" Viel gravierender sei es, dass für den Windpark große Waldflächen gerodet werden müssten und durch das Ausheben der Fundamente der Grundwasser-Spiegel in der Region beeinträchtigt werde.

Forschung soll Anreize schaffen

Auch Forscher Prominski muss einräumen, dass bei Kritik an Windkraftanlagen oft auch Spiegelungs-Effekte durch die Türme, die Lautstärke der Rotoren oder der bis dato ungeklärte Ultraschall eine Rolle spielen. Doch mit der stetigen Weiterentwicklung der Maschinen rücke das in den Hintergrund und die Ästhetik gewinne an Bedeutung. Deswegen beharrt der Arbeitskreis Ästhetische Energielandschaften auf der Wichtigkeit des Themas. Und will nicht nur Anreize für mehr Forschung zu dem Thema geben. "Wir müssen uns am Ende auch ganz praktisch kümmern, wie die Energiewende ohne eine brutale Technisierung passiert", so Architektin Beneke: "Wir können das Thema nicht nur auf Theoriebasis belassen." Deswegen gab es auch schon Gespräche mit dem Landesumweltministerium. Beneke ist zuversichtlich, denn das Ministerium habe signalisiert, den Ansatz der Windpark-Ästhetik zu prüfen.

Dieses Thema im Programm:

Regional Braunschweig | 17.01.2017 | 17:00 Uhr

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