Stand: 21.12.2019 06:00 Uhr  - NDR Info

Wasser für Kenia: Schüler laufen für guten Zweck

von Jonas Kühlberg

Auch im Jahr 2019 haben noch immer über zwei Milliarden Menschen auf der Welt keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Besonders in den ärmsten Regionen der Erde ist die immer stärker werdende Wasserknappheit ein Problem - hervorgerufen durch den Klimawandel. So auch in Kenia: Hier müssen Frauen und Mädchen auf dem Land immer längere Wege in Kauf nehmen, um an Wasserstellen zu kommen. Junge Mädchen können deshalb häufig nicht mehr zur Schule gehen. Das Projekt "Wasser für Kenia" aus Niedersachsen möchte das ändern und holt Schüler aus dem Norden mit ins Boot. Die "NDR Info Perspektiven" haben mit den Initiatoren gesprochen.

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Durch das Engagement an niedersächsischen Schulen konnten schon 24 Dachregenfänge gebaut werden.

Christoph Stein ist 78 Jahre und pensionierter Erdkunde-Lehrer aus Wolfsburg. Heute steht er vor einer elften Klasse im Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover. Auf dem Stundenplan steht Projektunterricht. Das Thema: die Folgen des Klimawandels in Afrika. Christoph Stein kann davon viel erzählen. Seit 40 Jahren reist er regelmäßig nach Kenia und engagiert sich dort als Entwicklungshelfer.

Mädchen und Frauen trifft es härter

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Die Wasserstellen, von denen die Frauen das Wasser holen, sind häufig verunreinigt, weil dort auch Tiere trinken.

In Kenia hätten nur etwa ein Viertel der Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, sagt er. Das sei vor allem ein Problem für die Mädchen. Denn traditionell müssen in Kenia die Mädchen und Frauen das Wasser für die Familie holen. Der Klimawandel verlängert die Trockenzeit in Kenia, sodass die Mädchen immer längere Wege in Kauf nehmen müssen, um an geeignete Wasserstellen zu kommen. "Oft sind sie dafür dann einen ganzen Tag lang unterwegs", erklärt Christoph Stein den Schülern in Hannover. Für die meisten Mädchen sei deshalb ein regelmäßiger Schulbesuch nicht mehr möglich. "Die Mädchen haben dadurch nicht die Chancen, die die Jungen haben", sagt Stein. Wer in Kenia keinen Zugang zu Bildung hat, dem blieben letztlich nur zwei Wege: Entweder man lande später in den Slums in Nairobi oder man müsse auf dem Land bleiben und sich selbst versorgen. "Die primitivste Form der Landwirtschaft mit Hacke und nur Pflanzen anzubauen, die man auch selbst essen könne."

Lösung: Regenauffangbecken auf Dächern

2009 war die letzte große Dürre am Horn von Afrika. Die Regenzeit blieb aus. Damals sank der Grundwasserspiegel dramatisch, Millionen Menschen litten Hunger. Kenia war damals besonders betroffen. Christoph Stein war zu dieser Zeit an der äthiopischen Grenze und hat die Auswirkungen der Dürre auf die Bewohner hautnah mitbekommen: "Als ich zurückgekommen bin, habe ich mir gesagt: Ich muss jetzt irgendetwas tun." Für den ehemaligen Lehrer war das ein einschneidendes Erlebnis. Er kam auf die Idee mithilfe der Einheimischen an den kenianischen Schulen Wassertanks und Regenfänge bauen zu lassen. Diese sogenannten Roof Catchments ermöglichen es, während der Regenzeit das Wasser aufzufangen. Wenn es dann stark regnet, fließt das Wasser über Rohre in einen Wassertank und kann für viele Monate gespeichert werden. In der Trockenzeit lässt es sich leicht als Trinkwasser aufbereiten. "Die Afrikaner haben sich die Methoden ausgedacht und wir haben das letztlich nur kopiert", sagt Christoph Stein.

Projekt wird durch Hilfsgelder möglich

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Christoph Stein und seine Frau Almut weihen einen neuen Wassertank ein, der mithilfe eines Wolfsburger Gymnasiums entstanden ist.

Vor Ort in Kenia suchte er Fachleute, die Kisuaheli sprechen, und führte Wasserbau-Experten, Agraringenieure und Sozialarbeiter zusammen. Aber so ein Wassertank kostet fast 10.000 Euro. Viel zu viel Geld für die vielen kleinen kenianischen Dorfgemeinschaften mit armen Kleinbauern. Zurück in Deutschland gründete Stein deshalb den Verein "Wasser für Kenia", um Hilfsgelder zu organisieren. Wichtig war ihm aber von Anfang an, dass er keine Geschenke verteilen will. "Hilfe zur Selbsthilfe", nennt Stein das. Die Kenianer sollen lernen, dass sie selbst etwas tun können. Christoph Stein denkt dabei an die vielen Entwicklungsruinen in Kenia. "Da kamen die Europäer und haben Sachen geliefert. Die gingen irgendwann kaputt und keiner konnte sie reparieren", sagt er. "Weiße Elefanten" nennen die Kenianer das und Stein hat auf seinen Reisen in Kenia viele davon am Wegesrand gesehen.

VR-Erklärfilm soll Schüler motivieren

Sein Ziel als ehemaliger Lehrer: Er will Schülern in Deutschland von der dramatischen Situation im Land berichten und sie zum Helfen engagieren. Das Geld soll dabei aus Sponsorenläufen kommen, die die Schüler in Deutschland organisieren. Stein stellte sich dabei die Frage, wie er seinen Schülern in Deutschland am besten die Lebenswirklichkeit in Kenia näherbringen kann. Als passionierter Pädagoge hat er sich dafür etwas Besonderes einfallen lassen. Bei einer seiner letzten Reisen nach Kenia, als wieder ein Wassertank an einer Schule eingeweiht wurde, nahm er eine VR-Kamera mit und filmte die Situation für seine Schüler in Deutschland ab. Der Erklärfilm zeigt eine kenianische Grundschule im Makueni-Gebiet und wie Wassertanks helfen können, die lange Dürre zu überstehen. Eine kenianische Schülerin und ein Schuldirektor führen die User durch ihre Schule. "Wenn man nur Texte liest oder nur einen Film schaut, kann man die Situation nicht völlig erfassen", sagt Christoph Stein. Aber mit der VR-Brille sei man mittendrin. "Man kann die Lage in Kenia wirklich erleben. Authentischer kann es nicht sein", findet der 78-jährige Lehrer.

Kenia ins Klassenzimmer bringen

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Schüler einer beteiligten Schule in Rostock sehen sich den Film mit VR-Brillen an.

Bei den Schülern am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover kommt das gut an. "Man kann überall herumgucken und hat das Gefühl, als wäre man komplett mit auf diesem Schulhof. Das war ganz eindrucksvoll das so zu sehen", sagt ein Schüler nach dem Sehen des Films. Auch Erdkundelehrerin Stephanie Weise ist von dem Einsatz überzeugt. Sie findet, dass ihre Schüler dadurch motivierter sind. "Dieser Moment, wenn man 'da' ist in Kenia und sich umgucken kann, ist doch noch einmal realer und bringt Kenia so ein bisschen ins Klassenzimmer", sagt Weise. Im Frühjahr, wenn Christoph Stein wieder in Kenia ist, will Stephanie Weise gemeinsam mit einer kleinen Lehrergruppe mit nach Kenia fliegen. Sie könnte sich vorstellen, dass dann auch ihre Schüler einen Sponsorenlauf organisieren.

Zur Schule gehen, statt zum nächsten Wasserloch

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In diesem Dorf wird bereits der dritte Wassertank gebaut.

Diesen Weg haben die Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Göttingen schon beschritten. Zur Spendenübergabe ist auch Stein anwesend. In der Aula haben sich viele Schüler und Lehrer versammelt, sogar die lokale Presse ist angereist. Für die Zeremonie hat sich Stein einen roten Umhang angeworfen und sich als Massai-Häuptling verkleidet. "Asante Sana!", ruft er den Schülern zu. Das ist Kisuaheli und heißt 'vielen Dank'. So bedanken sich die Massai-Häuptlinge in Kenia, wenn wieder ein neuer Wassertank aufgestellt wurde, erklärt er. Fünft-, sechst- und Siebtklässler rannten für die kenianischen Schüler - die 'Großen' aus der elften Klasse organisierten den Lauf und fragten Sponsoren an. 20.000 Euro kamen so zusammen. Mit dem Geld können in Kenia zwei Wassertanks gebaut werden. "Das ermöglicht etwa 300 Mädchen den regelmäßigen Schulbesuch", schätzt Stein.

Einsatz der Schüler hat konkrete Ergebnisse

Darauf sind die Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums stolz. "Man hat das Gefühl: Wir haben mitgeholfen. Wir selber haben die Chance in die Schule zu gehen und das ist eine Chance, die in Kenia teilweise fehlt. Wir haben einen Beitrag dafür geleistet, dass auch die Mädchen in die Schule gehen können", sagt eine Schülerin nach der Übergabe des Schecks. Christoph Stein ist zuversichtlich, dass die Wassertanks auf seiner nächsten Kenia-Reise im März gebaut werden können. Dann wird das Logo des Theodor-Heuss-Gymnasiums auf den Wassertanks zu sehen sein. Und die Schüler in Deutschland haben durch ihr Engagement gelernt, wie sie selbst etwas gegen die Folgen des Klimawandels tun können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 21.12.2019 | 10:50 Uhr

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