Miriam Staudte - Vom Plenarsessel auf die Regierungsbank

Stand: 02.02.2023 21:22 Uhr

Miriam Staudte kommt vom Land, sie ist seit 30 Jahren bei den Grünen. Sie will die Landwirtschaft klimafreundlich machen und den Bauern helfen. Kann dieser Spagat gelingen? Ein Porträt.

von Helmut Eickhoff

Internationale Grüne Woche. Auf dem Berliner Messegelände geht es um Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Miriam Staudte streift durch die Niedersachsen-Halle und geht von Stand zu Stand. Wenn Ministerinnen oder Minister durchgeplante Rundgänge auf Messen absolvieren, dann wirkt das oft gehetzt, getrieben. Der Druck des engen Terminkalenders ist den Gesprächen meist anzumerken. Nicht so bei Staudte. Es scheint fast so, als ließe sie sich durch die Halle treiben. Sie probiert Öle aus Süd-Niedersachsen, kostet Kartoffelchips aus dem Kreis Gifhorn, trinkt ein Bier aus der Lüneburger Heide. Die Grüne nimmt sich viel Zeit, um mit den Standbetreibern und Landwirten zu sprechen. Sie geht immer wieder konzentriert ins Zwiegespräch.

Fachpolitikerin mit gutem Ruf

Landwirtschaftministerin Miriam Staudte (Grüne) besucht die Grüne Woche in Berlin. © NDR
Als neue Landwirtschaftsministerin besuchte Staudte erst kürzlich die Grüne Woche in Berlin.

Bei all dem fehlt Miriam Staudte das Kumpelhafte und Handfeste, was zum Beispiel ihre Vorgängerin Barbara Otte-Kinast (CDU) ausstrahlte. Schulterklopfer sieht man bei der Diplom-Sozialarbeiterin nicht und Schnäpse lässt sie auch stehen. Trotzdem wirkt sie unter Landwirten nicht fremd. Staudte kennt sich aus in landwirtschaftlichen Themen, war zu ihrer Zeit als Abgeordnete agrarpolitische Sprecherin der Grünen. Wer sich in der Politik und bei Agrarverbänden umhört, bekommt nur Positives über sie zu hören. Sie gilt als hervorragende Fachpolitikerin, die viel Wissen mitbringt, immer bestens vorbereitet ist. Staudte weiß um ihren Ruf. "Es kommt auch darauf an, dass man sich wirklich mit dieser Materie auseinandersetzen möchte und auch mal Dinge liest, die länger sind als eine Seite."

Von Kindesbeinen an auf dem Hof

Miriam Staudte wächst anfangs in Baden-Württemberg auf, verbringt dort viel Zeit auf dem Bauernhof der Großmutter, ist bei der Gurken- und Zuckerrübenernte dabei. Staudte bleibt der Landwirtschaft ihr Leben lang verbunden. Während der Schulzeit in Geesthacht (Schleswig-Holstein) arbeitet sie nebenbei auf einem Biohof. Heute lebt Staudte mit ihrer Patchwork-Familie auf einem Resthof im Wendland. Sie hat Anteile an einer solidarischen Landwirtschaftsinitiative. Die Ernte wird zwischen den Mitgliedern aufgeteilt. Regionale, saisonale Produkte. "Man holt das dann einmal in der Woche ab. Jetzt ist halt gerade Winter. Viel Wurzelgemüse. Auch den einen oder anderen Kohlkopf." Als Landwirtschaftsministerin ist Staudte auch für die Jagd zuständig. Da passt es, dass sie seit zehn Jahren einen Jagdschein hat. Ein Tier habe sie aber noch nie erlegt, sagt sie.

Zuerst in Lüneburg: Parlamentarierin mit Leib und Seele

Seit 30 Jahren ist Staudte Mitglied der Grünen, gründet kurz nach ihrem Eintritt in die Partei die grün-alternative Jugend Geesthacht. Seit 2001 vertritt sie die Grünen dann im Kreistag Lüneburg. 2008 zieht Staudte über die Landesliste in den Landtag ein. Mit dem Wechsel ins Landwirtschaftsministerium gibt sie das Mandat ab. "Ich bin sehr gerne Abgeordnete gewesen. Bei manchen Themen habe ich eigene Schwerpunkte setzen können. Man hat ja keinen Chef, sondern ein freies Mandat." Nach all den Jahren als Parlamentarierin freue sie sich, nun selbst in Verantwortung zu sein und gestalten zu können.

Umbau der Tierhaltung als größte Aufgabe

Schweine in der Freilandhaltung © fotolia.com Foto: eyetronic
Schweinepest, Skandale und Sperrzonen haben Schweinebauern in Niedersachsen dieses Jahr das Geschäft verdorben. (Archivbild)

Staudte galt schon vor der Wahl als die Favoritin auf das Agrarressort einer rot-grünen Landesregierung. "Man denkt zwar, es könnte klappen. Aber so ganz sicher ist es ja nie. Als der Anruf dann kam, war die Freude doch sehr groß." Staudte hat sich große Ziele für ihre Amtszeit gesetzt. Sie will die Landwirtschaft klimaschonender machen, will den Schutz der Moore vorantreiben, gleichzeitig sollen die Landwirte aber auch weiter mit sicheren Erträgen rechnen können. Das sind große Herausforderungen. Die größte Aufgabe für die Grüne dürfte aber der Umbau der Tierhaltung sein. Die Schweinehalter befinden sich seit Jahren in einer Krise. Durch die Afrikanische Schweinepest und die Corona-Pandemie sind die Preise pro Tier ins Bodenlose gestürzt.

Jeder zehnte Schweinehalter hat aufgegeben

In Niedersachsen hat im vergangenen Jahr etwa jeder zehnte Schweinehalter aufgegeben. Staudte will den Betrieben helfen, sich breiter aufzustellen und krisensicherer zu werden "Wir sehen durch die unterschiedlichen Krisen, dass man es sehr schwer hat, wenn man nur ein Standbein hat." Staudte will deswegen ein Förderprogramm aufsetzen. Schweinehaltern soll es erleichtert werden, ihre Betriebe um weitere Zweige zu erweitern oder ganz aus der Schweinehaltung auszusteigen. Ein Entschließungsantrag dazu ist schon Ende Januar ins Parlament eingebracht worden - weniger als drei Monate nach Amtsantritt. "Die Schweinebranche befindet sich in einer katastrophalen Situation und leidet unter einem erheblichen Veränderungsdruck. Die Betriebe müssen bei diesem Strukturwandel finanziell unterstützt werden." So kommentierte die neue Landwirtschaftsministerin während der Plenarsitzung. Es war eine kurze, knackige Rede. Genau 102 Sekunden lang. Miriam Staudte will keine Zeit verlieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 02.02.2023 | 19:30 Uhr

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