Stand: 16.03.2017 10:45 Uhr  | Archiv

Göttinger Altenresidenz geht neue Wohn-Wege

von Dagmar Pepping, NDR Hauptstadtstudio, Eva Werler, NDR Niedersachsen

"Zusammenhalt stärken - Verantwortung übernehmen" - unter diesem Motto steht der Demografie-Gipfel der Bundesregierung in Berlin. Dass die Deutschen immer älter werden ist hinlänglich bekannt, nur: Wie geht man damit um? Wie kann der Zusammenhalt gestärkt werden, sodass Alte und Junge sich nicht völlig auseinander leben? In den "NDR Info Perspektiven" stellen wir ein Konzept einer Altenresidenz in Göttingen vor und schauen auf die Fakten zum demografischen Wandel: Welche Probleme sind damit verbunden?

Die Hände dreier alter Menschen halten Gehstöcke. © dpa-Bildfunk Foto: Oliver Berg
Die Bevölkerung in Deutschland altert immer mehr: Bis zum Jahr 2060 kommen auf 100 Erwerbstätige rund 61 Senioren.

Die Bevölkerung schrumpft, trotz Zuwanderung. Von jetzt rund 82 Millionen Bürgern auf rund 67 Millionen im Jahr 2060, sagen Experten voraus - falls die Geburtenrate stabil auf dem jetzigen niedrigen Niveau bleibt. Optimistischere Prognosen gehen von etwa 73 Millionen Einwohnern aus.

Das zweites Problem: Die Bevölkerung altert immer mehr. Bis 2060 kommen auf 100 Erwerbstätige rund 61 Senioren. Die Folge: Angesichts des deutlichen Bevölkerungsrückgangs wird es schwerer, die Infrastruktur flächendeckend im gesamten Land aufrecht zu halten. Schulen, Ausbildungsplätze, der öffentliche Nahverkehr wären ebenso betroffen wie die Versorgung mit Lebensmitteln, Ärzten oder Pflegediensten.

Grundsätzlich gilt: Der demografische Wandel in Deutschland trifft vor allem die ländlichen Regionen und Ostdeutschland. In Mecklenburg-Vorpommern könnten einige Kreise - vor allem im östlichen Landesteil - bis zum Jahr 2035 bis zu ein Viertel ihrer Bevölkerung verlieren. In Niedersachsen droht ein ähnlicher Bevölkerungsrückgang im Kreis Holzminden. In Schleswig-Holstein verlieren die Regionen nördlich des Nord-Ostsee-Kanals Einwohner, während Kiel, Flensburg und das Hamburger Umland zulegen. Genau wie die Hansestadt selber und ihr niedersächsisches Umland, insbesondere der Kreis Harburg.

Die Perspektive

Kinderhand berührt Seniorenhand. © photocase.de Foto: Brilliant Eye
AUDIO: Jung hilft Alt: Studenten wohnen im Altenheim (5 Min)

Die Bevölkerung schrumpft also - und wir Deutschen werden gleichzeitig immer älter. Dafür gilt es neue Konzepte zu finden - gerade was das Miteinander, das Zusammenleben von Alt und Jung betrifft. In einem Wohnstift im niedersächsischen Göttingen versucht man genau das. In der Altersresidenz können nämlich auch Studenten wohnen, wenn sie dafür den Senioren in ihrem Alltag helfen.

Ronja Schlinsog organisiert im GDA Wohnstift den wöchentlichen Kinoabend. Der Saal ist gut gefüllt, erwartungsvoll richten alle Augen sich erst auf Ronja, dann auf die Leinwand. Für ihre Mithilfe kann die 23-jährige Studentin hier günstig wohnen - in einem altengerechten Ein-Zimmer-Appartment. Doch das ist für sie nicht das Entscheidende: Ronja lebt gern mit Senioren zusammen: "Frau Bamberger wohnt schon sehr lange im Wohnstift, sie begleitet mich auch gerne zum Kinoabend. Ich sehe sie auch immer auf dem Flur rumlaufen, dann quatscht man mal. Die habe ich schon ins Herz geschlossen."

Die "Alten" bleiben nicht unter sich

Bewohner Axel Endlein unterhält sich im GDA Wohnstift Göttingen mit einer Mitarbeiterin. © NDR Foto: Eva Werler
Bewohner Axel Endlein es findet gut, dass er im GDA Wohnstift nicht nur auf alte Menschen trifft.

Fünf junge Studenten leben im Wohnstift, wo sie die Freizeitangebote organisieren, an der Rezeption arbeiten oder bei Gängen zu Ärzten oder zur Physiotherapie helfen. Denn genau das ist das Ziel seit gut fünf Jahren: Alt und Jung zusammenzubringen. "Man begegnet hier nicht nur Alten. Durch die Geschäfte, durch den Friseur. Man kann am Leben teilnehmen, das alles beobachten. Das finde ich sehr gut", sagt Axel Endlein.

So wie er nutzen viele der Senioren das Angebot "AktivWohnen", also betreutes Wohnen. Sie haben ein eigenes Appartement, können die Tür hinter sich schließen, sind aber nicht nur "unter Alten". Denn im selben Gebäude gibt es Geschäfte, eine Sparkasse und vieles mehr, erklärt Endlein bei einem Blick von seinem Balkon: "Jetzt hier drunter in der zweiten Etage ist der Kinderhort. So ab drei Uhr hört man die Kinder dann auch spielen, man hört Kinderlachen. Damit steht man im Prinzip weiter im Leben."

Geschäftiges Treiben nicht nur im Foyer

Das Foyer des Wohnstifts erinnert daher eher an das Foyer einer Ferienanlage auf Mallorca: geschäftiges Treiben, eine freundliche Rezeptionistin. Eine digitale Anzeigetafel gibt Auskunft über die Freizeitangebote: heute Kino, morgen kommt das junge Theater, bald ist wieder das Göttinger Symphonieorchester zu Gast.

Für Bewohnerin Maria Ankermann gab das großere kulturelle Angebot den Ausschlag: "Ich war mit der Zeit ein Kulturmuffel geworden. Ich habe mir dieses Haus auch ausgesucht, dass ich hier an Veranstaltungen wieder teilnehmen lerne, wie Musikveranstaltungen, Lesungen, Bildvorträge. Es hat sich bewahrheitet."

Am Leben teilnehmen

Mehrere Menschen sitzen im GDA Wohnstift Göttingen in einem Raum an einem Tisch und unterhalten sich. © NDR Foto: Eva Werler
Lilo Endlein, Axel Endlein und Maria Ankermann (sitzend, v.l.n.r,) finden das Projekt "Jung hilft Alt" in ihrem Wohnstift gut.

In einer Seniorenresidenz am Leben teilnehmen, das erscheint manchem immer noch als Widerspruch in sich. Vielmehr wird häufig propagiert, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung zu bleiben, diese altengerecht umzubauen. Doch Wohnstift-Bewohner Endlein hält davon nichts: "Wer wirklich mal sieht, wenn Leute in ihrer Wohnung bleiben, wie sie immer mehr isoliert werden von der normalen Gesellschaft, nur noch auf den Kontakt derer angewiesen sind, die von der Pflege mit wenig Zeit dort hinkommen, der muss sagen: Das kann nicht das Ideale sein."

"Hier herrscht ein harmonisches Miteinander"

Den Zusammenhalt zwischen Alt und Jung stärken - im Göttinger Wohnstift passiert genau das auf äußerst unaufgeregte Art und Weise. Denn es scheint das Normalste der Welt, sagt Studentin Ronja Schlinsog: "Ich war vorher ehrlich gesagt noch nicht in einem Altenheim, aber ich hatte den Eindruck, dass viele ältere Menschen das als etwas Schlimmes empfinden, oder sogar Angst davor haben. Aber wenn ich mir anschaue, was es hier für Möglichkeiten gibt, für Veranstaltungen, und was hier für ein harmonisches Miteinander herrscht, dann kann ich mir gar nicht vorstellen, was daran schlimm sein soll."

"NDR Info Perspektiven"
Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

NDR Info Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

In der Reihe NDR Info Perspektiven beschäftigen wir uns mit Lösungsansätzen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 16.03.2017 | 07:08 Uhr

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